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Zwei Monumente erzählen Luzerner Bahngeschichten
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(Bild: zvg. Delf Bucher)

«Nationalbildhauer» Richard Kissling und das Gotthard-Debakel Zwei Monumente erzählen Luzerner Bahngeschichten

4 min Lesezeit 01.09.2016, 10:05 Uhr

Die Monumente des «Nationalbildhauers» Richard Kissling erzählen Geschichte. Was die Statuen in Luzern und Zürich mit der Gotthardbahn-Geschichte zu tun haben, und weshalb die Stadt Luzern noch immer in die Röhre schaut.

Von Bronzestatue Zeitgeist zur Bronzestatue Alfred Escher – hin und zurück heisst es für mich als Luzern–Zürich-Pendler vier Mal in der Woche. Von Richard Kissling zu Richard Kissling, dem «Nationalbildhauer» des Telldenkmals in Altdorf, der sich auch mit dem «Zeitgeist» am Luzerner Bahnhof und dem bronzenen Alfred-Escher-Standbild verewigt hat.

Mit staatsmännischem Blick schaut Escher die Zürcher Bahnhofstrasse Richtung Paradeplatz, dorthin, wo die von ihm gegründete Kreditanstalt (heute UBS) ihren Stammsitz hatte. Die von ihm initiierte Kreditanstalt war entscheidend für die Finanzierung der Gotthardbahn.

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Auf der anderen Seite thront der «Zeitgeist» auf dem Triumphbogen des Luzerner Bahnhofs. Die auf einem geflügelten Wagen sitzende Figur streckt ihre Hand Richtung Deutschland aus, das ebenso massgeblich die Gotthardbahn mitfinanziert hat. Untergründig verbinden sich die beiden Figuren – Zeitgeist und Escher – miteinander. Denn der Zeitgeist wurde als Gotthard-Denkmal konzipiert, und Escher ist der entscheidende Weichensteller, der das weltweit grösste Tunnelprojekt des 19. Jahrhunderts erst möglich machte.

Bahnhof Maihof

Escher und der Kanton Luzern entwickelten eine Hassliebe zueinander. Bereits 1846 als junger Kantonsrat wetterte der Politaufsteiger, der es später neben seiner Wirtschaftskarriere auch zum Nationalratspräsidenten und Zürcher Regierungsrat bringen sollte, gegen den von Luzern lancierten katholischen Sonderbund.

Aber das geschulte Kapitalistenauge Eschers half auch den Luzernern. Escher realisierte endlich den Bahnanschluss an Zürich, dies, nachdem die Ostwestbahn, die das Projekt bereits aufgegleist hatte, pleite gegangen war. Ein bauliches Überbleibsel vom Scheitern der Ostwestbahn, die im Maihof einen Bahnhof geplant hatte, ist heute noch sichtbar: das Restaurant Maihöfli, das einst als Wartesaal der Ersten Klasse gebaut wurde.

Der Bankrott der Ostwestbahn war für Luzern ein Glücksfall. Denn Escher entschied sich für eine andere Linienführung, um sich in der Fluhmatt mit den Gleisen der Zentralbahn und der Jura-Luzern-Bahn zu vereinigen. Erst dadurch war es möglich, Luzern zu einem attraktiven Knoten im Schweizer Eisenbahnnetz zu machen.

«Eines wollte Escher auf jeden Fall verhindern: Die Gotthard-Direktion sollte nicht in Luzern ihren Sitz haben.»

Weitsicht und Durchsetzungsvermögen

Eschers Weitsicht machte es dann möglich, 1892 den majestätischen Kuppelbahnhof zu bauen, auf dessen Eingangshallen-Bogen heute die Zeitgeist-Statue thront. Eines aber wollte der Eisenbahnbaron auf jeden Fall verhindern: Die Gotthard-Direktion sollte in Zürich und nicht in Luzern ihren Sitz haben. Aber Stadt wie Kanton haben dank der beträchtlichen Mittel für das Megaprojekt des 19. Jahrhunderts sich schliesslich durchgesetzt.

Luzerner Zahlungsboykott

Aber wenn sich auch die Luzerner spendabel zeigten, mehr als die Gotthard-Direktion (ehemaliges Gebäude am Schweizerhofquai) lag nicht drin. Auf den Anschluss an die internationale Transitachse – anfangs eigentlich fest im Streckennetz eingeplant – mussten sie warten. Finanzkrach und allgemeine wirtschaftliche Depression in den 1870er Jahren führten zur Streichung des Projekts.

Da nutzte auch der Protest und das Sistieren der versprochenen Summen in den Gotthard-Topf nichts. Das Bundesgericht stellte fest, dass die Luzerner Finanzboykotteure ihre Vertragspflicht nicht erfüllten, und verurteilte sie zum Nachzahlen mitsamt Zinseszins. Immerhin gab es 1891 den Anschluss über Meggen, Immensee nach Arth-Goldau.

Gehässige Reaktionen

Auf der anderen Seite war auch der Initiator und Financier Alfred Escher tief gefallen. Die finanzielle Schieflage des Gotthard-Projektes führte zu gehässigen Reaktionen seines früheren Freundes Emil Welti. Der Bundesrat diskreditierte seinen bisherigen Förderer und strich ihn von der Einladungsliste für die Feier des Gotthard-Durchstichs 1880 in Luzern. Escher starb verbittert im Jahr der Gotthard-Eröffnung 1882. Seinen Tunnel hat er nie durchfahren.

«Das Figurenensemble sollte ursprünglich im See vorgelagert zu stehen kommen und seinen Sehnsuchtsblick nach Italien richten.»

«König der Schweiz»

Schon ein Jahr später war es aber den Zürchern klar: Der epochalen Gestalt Escher, dem «König der Schweiz», gebührte ein Denkmal. Auf Anregung von Gottfried Keller wurde Richard Kissling 1883 mit dem Projekt beauftragt, 1889 wurde es eingeweiht.

Der geflügelte Zeitgeist landete indes erst 1907 in Luzern. Das als Gotthard-Monument konzipierte Figurenensemble – zur Seite die italienischen Steinhauer, muskulös den Hammer schwingend – sollte ursprünglich im See vorgelagert dem Direktionsgebäude der Gotthardbahn zu stehen kommen und seinen Sehnsuchtsblick nach Italien richten.

Schliesslich krönte es den Eingangsbogen des Kuppelbahnhofs. Nach dem Brand 1971 wurde die Kissling-Skulptur auf den zum See hin verschobenen Triumphbogen gestellt.

«Luzern ist wieder einmal international abgehängt.»

Kann Luzern eine Lehre daraus ziehen?

Was mich natürlich als GA-Pendler interessiert: Gibt es Lehren für heute aus dem – aus Luzerner Sicht – Gotthard-Debakel im 19. Jahrhundert? Schon damals träumte Luzern von grossen Bahnprojekten, versuchte mit einem Brückenschlag von anderen Ufern den direkten Anschluss an den Gotthard. Eisenbahnpläne zuhauf finden sich im Staatsarchiv. Mehrere Varianten zum Tiefbahnhof übrigens auch. Aber es blieben immer Seifenblasen.

Luzern schaut in die Röhre

Und jetzt? Steht nicht wieder die Planung für ein Tiefbahnhof-Projekt an, bei dem der Bund eine Alternativroute zu prüfen bittet? Luzern sieht dies als eine Formsache und glaubt, wie schon seit hundert Jahren an den Traum vom Tiefbahnhof.

Dabei zeigt auch der anstehende Fahrplanwechsel im Dezember, was die SBB von dem Bahnknoten Luzern halten. Nicht viel. Beim grossen NEAT-Projekt schaut Luzern, wie schon mehr als 130 Jahre zuvor, in die Röhre. Kein direkter Anschluss ins Tessin, keine Direktverbindung nach Milano. Luzern ist wieder einmal international abgehängt!

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