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Als russische Soldaten am Zugerberg interniert waren
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Kalter Krieg beschäftigte die Schweiz Als russische Soldaten am Zugerberg interniert waren

4 min Lesezeit 06.07.2019, 10:55 Uhr

Im Museum Burg Zug wird aktuell die Schweiz im Kalten Krieg thematisiert. Dieser Blog erzählt die Geschichte von internierten Russen.

Jurij Povarnitsin hatte Glück. Am 8. Juni 1981 wollte der 19-Jährige frischgebackene Unteroffizier Abwechslung ins langweilige Kasernenleben bringen und bestieg einen Bus nach Kabul. Er kam indessen nicht weit, sondern wurde bald von afghanischen Widerstandskämpfern aus dem Bus geholt.

Ein knappes Jahr später traf der Unteroffizier der Sowjetarmee in der Militärstrafanstalt Frühbühl auf dem Zugerberg ein. Dieses Jahr glaubte Povarnitsin nicht zu überleben: entweder würde er von den Mudschaheddin erschossen oder dann nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion von einem Militärgericht als Fahnenflüchtiger abgeurteilt werden. Doch wider Erwarten übergaben die Aufständischen ihn und zwei weitere Rotarmisten dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Nach schwierigen Verhandlungen zwischen der Sowjetunion, den Mudschaheddin und der Schweiz gelang es dem IKRK, insgesamt elf sowjetische Armeeangehörige für jeweils zwei Jahre in der neutralen Schweiz zu internieren.

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Jurij Povarnitsin und Valerij Didenko (2. und 3. v. l.) 1981 in einem Lager der afghanischen Aufständischen

Stellvertreterkrieg

Mit den internierten sowjetischen Soldaten kam ein Hauch heisser Krieg in die Schweiz und nach Zug in der Zeit des Kalten Krieges: Im Dezember 1979 marschierte die Sowjetarmee in Afghanistan ein und setzte eine sowjettreue Regierung ein. Den sowjetischen Truppen gelang es nicht, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Nach über neun Jahren zogen sie aus Afghanistan ab. Dem Krieg fielen etwa 1,2 Millionen Menschen zum Opfer, sechs Millionen mussten fliehen.

Der Kalte Krieg war ein Wettlauf zwischen dem «kapitalistischen» und dem «kommunistischen» System. Zwar kam es zwischen den Westmächten und dem Ostblock zu keinen direkten Konfrontationen, doch in Weltgegenden, wo die Einflusszonen noch nicht gefestigt waren, brachen Stellvertreterkriege aus. Einer davon war der Afghanistan-Krieg.

Povarnitsin und Didenko in Gefangenschaft der afghanischen Freiheitskämpfer, 1981.

Druck aus Moskau

Die Schweizer Aktion warf weltweit hohe Wellen. Da Moskau die afghanischen Freiheitskämpfer nicht als Krieg führende Partei anerkannte, durften die Soldaten nicht interniert werden. Sie waren nur in «zeitweiliger Obhut» der Schweizer Behörden – auf Moskaus Kosten. Die Schweiz und das IKRK kamen mit der Sowjetunion in Konflikt, als diese 28 Forderungen an die Internierungsbedingungen stellte. So verlangte die UdSSR etwa eine Garantie dafür, dass alle Internierten nach zwei Jahren in ihre Heimat zurückkehren würden. Zudem sollte ständig sowjetisches Personal auf dem Zugerberg präsent sein. Auf diese Forderungen ging die Schweiz jedoch nicht ein. Die Schweiz habe die Internierungen treuhänderisch übernommen und sei keine Verpflichtungen eingegangen. Ständiges sowjetisches Personal käme schliesslich einer Überwachung gleich. Der sowjetische Botschafter fürchtete, die Internierten könnten in der Schweiz um politisches Asyl nachsuchen.

Die militärische Anstalt Frühbühl auf dem Zugerberg, 1980er Jahre.
«Väterchen Major» Klossner, war Aufseher im Frühbühl.

Toben und loben

Die Betreuung der Russen, Ukrainer, des Kasachen und des Litauers erwies sich als schwierig. Der Leiter des Frühbühls, Major Alfred Kossner, bemühte sich um einen möglichst einvernehmlichen Alltag und sorgte auch für Freizeitaktivitäten. Deswegen nannten ihn die Internierten liebevoll «Väterchen Major». Dieser hatte mit den zum Teil randalierenden und trinkenden jungen Männern jedoch alle Hände voll zu tun. Er meldete seinem Vorgesetzten nach Bern, dass sich einige – darunter auch Povarnitsin auf «verschiedene Weise jeder Disziplin auf dem Zugerberg widersetzten, indem sie ganze Nächte ausblieben, am Morgen nicht ausrückten und schliesslich mit Diebstählen begannen.

Zuerst waren es Fahrräder, dann zwei Töffli, die im Wald später gefunden wurden, und anschliessend Treibstoff bei einem Nachbarn. Als sie davon Kenntnis erhielten, dass sie vom Sohn dieses Nachbarn beim Diebstahl beobachtet und verzeigt worden waren, lauerten sie diesem auf und schlugen ihn zusammen». Trotzdem versuchte das für die Unterbringung zuständige Bundesamt für Polizeiwesen, möglichst milde mit den Internierten umzugehen, um nicht neuen Unmut des sowjetischen Botschafters hervorzurufen.

Flucht, Asyl, Heimkehr

Einige der Soldaten fürchteten, nach einer Rückkehr in die Sowjetunion hingerichtet zu werden. Die Angst davor bewog den Unteroffizier Jurji Waschtschenko zur Flucht. Am 8. Juli 1983 verliess der 19-Jährige während eines Restaurantbesuchs das Lokal durch eine Hintertür und gelangte zu Fuss und per Autostopp nach Deutschland, wo er politisches Asyl beantragte. Jurji Povarnitsin und ein weiterer Soldat beantragten dies in der Schweiz. Povarnitsin lebt heute am Genfersee. Die übrigen «Zugerberg-Russen» kehrten nach zweijährigem Aufenthalt in die Sowjetunion zurück. Der Schweizer Botschafter in Moskau überprüfte ein paar Jahre später ihren Verbleib. Wider Erwarten ist keiner von ihnen verurteilt worden, und alle gingen ihren angestammten Berufen nach.

Ende des Kalten Krieges

Die «Zugerberg-Russen» sind Teil der Ausstellung «Ernstfall! Die Schweiz im Kalten Krieg», die bis zum 26. Januar 2020 im Museum Burg Zug gezeigt wird. 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges erinnern sich noch viele Zugerinnen und Zuger an die internierten Sowjetsoldaten, die dem kleinen Ort die grossen Auseinandersetzungen der Supermächte ein bisschen näher brachten.