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Der Fluss ist Schauplatz vieler Unglücke

Wie Zuger Kapuziner den Teufel in der Reuss bezwangen

Die Reuss birgt so manches Geheimnis. (Bild: Maria Greco)

Die Reuss birgt so manches Geheimnis. So führt ein Licht am Fluss auf einen tragischen Unfall zurück, dem zwei Kinder zum Opfer fielen. Bei Mühlau verstarb vor langer Zeit eine junge Frau. Diese unglückliche Liebesgeschichte ist vielleicht der Grund, warum es auf der Reuss lange Zeit spukte.

Ruhig mäandert die Reuss durch das Grenzgebiet Zug, Luzern, Aargau und Zürich. Doch der Anblick dieses ruhigen Fliessgewässers täuscht. Wenn die Schneeschmelze beginnt oder lange anhaltende Regenfälle den Wasserpegel steigen lassen, kann die Reuss zu einer grossen Gefahr werden.

Für die Überquerung der Reuss zwischen Sins und Mühlau gab es jahrhundertelang keine Brücken. Die viel weiter entfernte Brücke bei Gisikon nach Luzern war dazu zollpflichtig. Über viele Jahrhunderte bildeten daher verschiedene Fähren die wichtige Verbindung zwischen dem Kanton Zug ins nahe Freiamt. Unfälle auf dem Wasser waren so keine Seltenheit und es musste viel Wasser die Reuss runter fliessen, bis Mitte des 17. Jahrhunderts bei Sins eine Brücke realisiert wurde.

S Liecht a de Rüüss

Die Sage vom «Liecht a de Rüüss» handelt vom edlen Herrn von Reussegg Ulrich III. (1287-1349) und seiner Frau Elisabeth von Hünenberg. So berichtet die Geschichte, dass die Reussegger bei ihren Verwandten auf der Burg Hünenberg zu Besuch waren. Die Gastgeber waren grosszügig. Es wurde feines Essen aufgetragen und für eine abwechslungsreiche Unterhaltung sorgten die aufgebotenen Musikanten und Gaukler. In dieser ausgelassenen Stimmung verging die Zeit schnell. Es war bereits dunkle Nacht, als der Herr von Reussegg sich mit seiner Familie auf den Heimweg machte.

Damit die Familie sicher bis zum Fährmann am Ufer gelangen konnte, gab der Hünenberger Ritter ihnen ein paar Knechte mit Fackeln mit auf den Weg. Die Fähre stand schon bereit für die Überfahrt. Kaum war das Schiff losgebunden, war das Boot dem wild zehrenden Wasser ausgeliefert. Das kleine Schiff wurde auf den Wellen gefährlich rauf und runter geschleudert, dabei fielen zwei Kinder aus dem Boot. Mit allen Mitteln versuchte man, die Kinder zu retten. Es war jedoch ein vergebener Kampf.

Die Hilfeschreie der kleinen verunglückten Buben waren noch lange zu hören, bis sie immer leiser wurden. Am nächsten Tag konnten nur noch die leblosen Körper aus dem Wasser geborgen werden. Den Eltern widerfuhr unfassbares Leid. Daraufhin veranlassten sie, dass am Ufer der Reuss ein Licht brennen soll, zum einen als Andenken an die Kinder, zum anderen, um damit künftig verspäteten Fahrern die Überfahrt zu erleichtern. Nach dem Bau der Brücke wurde die Laterne in die Sinser Pfarrkirche überführt, wo bis heute im Kirchenchor zwei Lichter brennen.

Ein anderes grosses Unglück trug sich im Jahr 1627 zu, als rund 40 Pilger auf einer Wallfahrt nach Einsiedeln unterwegs waren. Die stark überladene Fähre war mitten im Fluss, als das Seil riss, das Boot kenterte und alle ertranken. Nach diesem Unglück wurde der Bau einer Brücke von Zuger Seite vorangetrieben und 1641 – trotz Widerstand aus Luzern – gebaut.

Bei der zweiten Geschichte über die Reuss, die das Freiamt mit dem Kanton verbindet, hatte auch der Teufel die Finger im Spiel.

De Tüüfel am Rüüssfahr

Zwischen Sins und Mühlau wurden bis zum Bau der Brücke vier Fährverbindungen betrieben. Beim untersten Übergang in Mühlau stürzte vor langer Zeit eine junge Frau in grosser Verzweiflung ins Wasser, wo sie viel zu jung verstarb. Der jungen Frau war zugetragen worden, dass ihr geliebter und künftiger Bräutigam untreu geworden sei. Das Herz der jungen Braut war gebrochen. Die Jungfrau wollte nicht mit dieser Schande weiterleben. In ihrem Liebeskummer sprang sie ins kalte Reusswasser und fand darin den Tod.    

Der Fährmann, der dies gesehen hatte, versuchte alles, um die junge Frau zu retten, doch es misslang. Die Reuss gab nicht einmal die Leiche der unglücklich Verstorbenen frei.

De Tüüfel am Rüüssfahr.
De Tüüfel am Rüüssfahr. (Bild: Illustration: Brigitt Andermatt)

Der böse Wassergeist auf der Reuss

Seither wurde der Fährbetrieb immer wieder durch einen bösen Wassergeist gestört. Sobald sich eine Fähre in der Flussmitte befand, fing das Wasser an zu kochen und zu schäumen, sodass eine Überfahrt unmöglich wurde. Immer öfter nahmen die Mühlauer auch den längeren Weg nach Sins unter die Füsse, um von da über den Fluss zu kommen. Das Volk erzählte sich schon bald, dass die Zuger Jungfrau bestimmt grosse Verbrechen begangen haben soll, denn seit dem Tod der Frau sei auch das Wasser wild geworden.

Einmal waren zwei Pater aus dem Kapuzinerkloster in Zug in der Gegend. Als sie den Fährmann baten, sie ans andere Ufer zu bringen, weigerte sich dieser lange. Er erzählte ihnen, was sich da zugetragen hatte. Nach langem Hin und Her gelang es den beiden Kapuzinern jedoch, ihn zu überzeugen. Kaum sassen sie im Boot, steuerten sie auf die Mitte des Flusses zu. Fast wie auf unsichtbares Kommando begann das Wasser zu toben und wild umher zu spritzen. Der Fährmann erschrak und wollte schnell zurück ans Ufer, aber die zwei Kapuziner fingen an, den Geist zu rufen, bis er sich zeigte.

Der Teufel offenbart sich

Auf einmal sprang wie aus dem Nichts ein riesiger schwarzer langhaariger Hund ins Boot und die Kapuziner zwangen ihn, sich zu erkennen zu geben. Es war nicht der unruhige Geist der unglücklich gestorbenen Zugerin, sondern der Teufel höchstpersönlich, der dort sein Unwesen trieb. Und seine Schadenfreude war umso grösser, weil man dem armen Mädchen Verbrechen und Untaten nachsagte. Die beiden Kapuziner bannten den schwarzen Teufel in eine weit abgelegene Gegend.

Seither ist bei einer Reussüberfahrt nie mehr jemand zu Schaden gekommen. So wurde auch das arme Mädchen, über das man viel Schlechtes erzählte und die wegen ihrer unglücklichen Liebe viel zu früh in den Tod ging, von diesen Verleumdungen befreit. Seit der Begegnung mit diesen beiden Kapuzinern liess der Teufel die Menschen in Ruhe. Spaziergänger können heute auf einem schön angelegten Uferweg von Sins nach Mühlau wandern. Auf der Zuger Seite der Reussbrücke sind verschiedene Infotafeln angebracht, auf denen historische Informationen zusammengefasst sind und die Nutzung der Brücke von der Vergangenheit bis zur Gegenwart dokumentiert ist.

Infotafel bei der Sinserbrücke von der Zugerseite.
Infotafel bei der Sinserbrücke von der Zugerseite. (Bild: Maria Greco)
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Ob Hintergründe zu alten Gebäuden, Geschichten zu Plätzen, stadtbekannte Personen, bedeutende Ereignisse oder der Wandel von Stadtteilen – im «Damals»-Blog werden historische Veränderungen und Gegebenheiten thematisiert.
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