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Luzerner Bahnhofbrand am Gedenktag der Schutzpatronin

Wie ein abgeschnittener Busen zum Agatha-Brötli wurde

Ausgerechnet am Agathatag 1971 brennt der Bahnhof Luzern. (Bild: Staatsarchiv Luzern C 29/17)

Die Brotsegnungen am Agathatag (5. Februar) zeigen, wie stark die Religion einst das Alltagsleben in der Innerschweiz prägte. Pikant ist, dass die Agatha-Brötli von abgeschnittenen Brüsten hergeleitet werden. Beim Brand des Luzerner Bahnhofs war aber auch die Schutzpatronin gegen Feuersbrunst machtlos.

5. Februar 1971, kurz nach 8.15 Uhr: Rauch quillt aus dem Westtrakt des Luzerner Bahnhofs. Bald steht eine Rauchsäule, umringt von rotgelbem Feuerschein, über dem Gebäude. Schaulustige drängen sich auf der Seebrücke, aus allen Richtungen ertönt das Martinshorn der anrückenden Feuerwehrwagen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, um das sich schnell ausbreitende Feuer einzudämmen.

Vergebens: Um 9.03 Uhr bleibt die Uhr stehen. Drei Minuten später stürzt die architektonische Visitenkarte des Bahnhofs, die 44 Meter hohe Kuppel, ein. Das Bauwerk, das seit 1896 das Stadtbild prägt, ist Geschichte.

Bhüt is vorm zytliche und ewige Füür

Was den aus dem ganzen Kanton herbeigeeilten Feuerwehrleuten am 5. Februar wahrscheinlich auch durch den Kopf ging: Ausgerechnet am Tag der Schutzpatronin gegen Feuer und Flamme, am Tag der heiligen Agatha, ereignete sich dieses Inferno. Ein symbolträchtiger Zufall in einer Zeit, in der doch noch viele der heiligen Agatha eine Schutz-Wirkung vor Feuer zuschrieben.

Damals war die Religionslandschaft des Kantons Luzern noch überschaubar gegliedert und der Anteil katholischer Kantonsbewohner betrug weit über 80 Prozent. Vielen Gläubigen lag am 5. Februar noch der Segensspruch auf den Lippen: «Heilige Sankt Agathe, bhüt is vorm zytliche und ewige Füür.»

Die heilige Frau, der die magische Kraft zugesprochen wurde, die bedrohlich heranrollende Lava-Walze vom Ätna kurz vor dem Rande der Stadt Catania gestoppt zu haben, kam Luzern nicht zu Hilfe. Oder vielleicht doch: Denn weder ein Feuerwehrmann noch ein SBB-Angestellter wurde beim Brand verletzt.

Die Bahnhofskuppel stürzte um 09:03 ein, die Bahnhofsuhr blieb um diese Zeit stehen. (Bild: Hans Schürmann / AURA)

Noch immer gedenken Luzerner der heiligen Agatha

Heute weist die Religionsstatistik für den Kanton Luzern nur noch 57 Prozent Katholikinnen aus. Schon lange gibt es keine Agatha-Prozessionen in Willisau und Hergiswil mehr. Aber die heilige Agatha hat sich bis heute einen besonderen Platz in der Volksfrömmigkeit bewahrt. In der Stadt Luzern wie auch in Zug, in Cham, Buchrain oder Ruswil, überall künden die katholischen Pfarrblätter Brotsegnungen am 4. oder 5. Februar an.

So auch in Buttisholz, wo auf den leitenden Priester Eduard Birrer in der ersten Februarwoche viel Arbeit wartet. Denn da gibt der Kirchenkalender viele Segenshandlungen vor: Am 2. Februar zu Mariä Lichtmess werden die Kerzen gesegnet, am 4. Februar der Blasius-Segen gespendet und am Agathatag, am 5. Februar, schliesslich die Brote benefiziert.

Brotsegnung in der Innerschweiz um 1981.
Brotsegnung in der Innerschweiz um 1981. (Bild: Katholische Kirche Zug)

Brotsegen beim Bäcker

Der 5. Februar beginnt für den Geistlichen Birrer besonders früh. Bereits um 5.30 Uhr weiht er beim örtlichen Bäcker die Brote. Am Samstagabend zuvor steht die Agatha-Feier in der Kirche mit den Feuerwehrleuten an, die anschliessend ihr Nachtessen und ihre jährliche Versammlung halten. Und am Sonntagmorgen werden viele ihr Selbstgebackenes in die Messe bringen, um den Brotsegen zu empfangen.

Was zeigt: Der Agathatag ist vor allem in ländlichen Gegenden noch fest verwurzelt. Birrer betont, dass wahrscheinlich viele nicht mehr die Heiligenlegende kennen. «Entscheidend ist für die Menschen das Zeichen», sagt er.

In der Legende wird die Märtyrerin mit brutaler Folter misshandelt. Dass sie zur Schutzpatronin gegen Feuersbrunst wurde, rührt von den peinigenden Torturen her, welche die Häscher des römischen Gewaltherrschers über Sizilien Quintinianus an ihr vollzogen. Da sie dessen sexuellen Avancen widerstand, schon um ihren Schwur einzuhalten, ihre Jungfernschaft fürs Himmelreich zu bewahren, legte man sie auf einen glühenden Rost.

Folterszene der Heiligen Agatha: Zwischen Horror und Erotik.
Folterszene der heiligen Agatha: zwischen Horror und Erotik. (Bild: Wikipedia)

Abgeschnittene Brüste werden zu Agatha-Brötli

Pikant ist die Entstehungsgeschichte der rundlich geformten Agatha-Brötli, die auf die Folterprozeduren zurückzuführen ist. Denn die Peiniger schnitten der keuschen Agatha die Brüste ab. Diese sollten einst, so stellt es der in den religiösen Bräuchen des katholischen Kantons Luzern bewanderte Josef Zihlmann (1914-1990) dar, zum Ausgangspunkt der Agatha-Brötli werden. Denn die barocken Bilder der heiligen Agatha zeigen die abgeschnittenen Brüste meist auf einem Teller liegend. Das Volk deutete die Brüste als Mutschli, womit sie zum Modell für die vor Feuer schützenden Agatha-Brötli wurden. Für manchen barocken Kirchenmaler bot die Märtyrerin die geeignete Vorlage, um einmal mit Lizenz der strengen Geistlichkeit den nackten Frauenkörper detailrealistisch auszumalen.

Diese Agatha-Mutschli sind teilweise bis heute noch ein Talisman, der im Haus die Feuergefahr bannt. Deshalb werden sie oft als Ringe gebacken und, mit einer Schleife durchzogen, an die Haustüre gehängt.

Aber dieses heilige Gebäck war auch ein Hilfsmittel in höchster Not, wie eine Legende aus Zug erzählt. Da konnte ein Brand in der Zeughausgasse erst gelöscht werden, als man zwei Agatha-Brötli ins Flammenmeer warf.

Verwendete Quellen

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Ob Hintergründe zu alten Gebäuden, Geschichten zu Plätzen, stadtbekannte Personen, bedeutende Ereignisse oder der Wandel von Stadtteilen – im «Damals»-Blog werden historische Veränderungen und Gegebenheiten thematisiert.
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