Wie das «Negerli ganz fein»  Kolonialgeschichten erzählt
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Baselstrasse 3 in den 1970er Jahren mit «Negerli». Rassismus ist noch nicht auf dem Radar. (Bild: zvg)

Luzerner Geschichten zum Koffeingetränk Wie das «Negerli ganz fein» Kolonialgeschichten erzählt

4 min Lesezeit 11 Kommentare 31.07.2020, 10:49 Uhr

Der Luzerner Kaffeeröster Hochstrasser ersparte sich die Mohrenkopf-Debatte und trennte sich 2012 vom Markennamen «Negerli ganz fein». Die Spuren des Anbaus des Kolonialprodukts führen auch ins Quartier Untergrund und erklären, warum so viele tamilische Bürgerkriegsflüchtlinge dort ein neues Zuhause fanden.

Wenn mein Nachbar mir trotzig erklärt, er werde weiterhin Mohrenkopf sagen, wenn meine Tochter fragt, ob die Alfred-Escher-Statue in Zürich wegen angeblicher Verwicklung in Sklavenhandel verschwinden solle und mein elfjähriger Sohn Bilder von Anti-Rassismus-Demos aus den USA auf TikTok Bilder zeigt, dann ist es gewiss: Das Thema Rassismus ist auch in der Schweiz angekommen.

Im Jahr 2000, als wir vom Untergrund den Rundgang «Fremdsein, heimisch werden» planten, war die schwarz-weisse Problemlage noch nicht tief im helvetisch-kollektiven Gedächtnis verankert. Als uns das Bild vor dem Lagerschuppen der ehemaligen Kaffeerösterei Hochstrasser im Archiv ins Auge stach, das noch Mitte der 1970er Jahre an der Baselstrasse mit dem «Negerli» neben der Aufschrift «der unvergleichlich gute Hochstrasser Kaffee» prangte, wollten wir wissen: Geht das in Zeiten politischer Korrektheit noch?

Seit 2012 «Negerli»-frei

Der Marketingverantwortliche des mittlerweile vom Kasernenplatz nach Littau gezügelten Kaffeerösters beschied uns: Man habe das Problem erkannt und das «schwulstlippige Negerlein mit Ohrringen» von der Packung wegretuschiert.

Aber auf den Namen des einst als Spitzenqualität in den 1950er Jahren lancierten Kaffees «Negerlein ganz fein» wolle man nicht verzichten, da die Konsumentinnen und Verbraucher diese Kaffeesorte liebten. 2012 trennte sich Hochstrasser – verglichen mit der Mohrenkopf-Debatte – ohne grossen Lärm schliesslich von dem Namen.  

Dass die Rösterei Hochstrasser ein Negerli-Symbol wählte, hatte für Kolonialprodukte wie Schokolade und Kaffee eine lange Tradition: Selbst ein Schmelzkäse, der Salami mit Käse vermählte, trug den Namen «Negerli». Und da die Glasbläser der Glasi Hergiswil abends mit russschwarzen Gesichtern nach Hause zurückkehrten, hiess das Arbeiterquartier wie in vielen Schweizer Orten «Negerdörfli».

Durchgehend waren es Wohngegenden der sozialen Unterschichten – Versuche also, dem Volksmund zu unterstellen, hier eine liebevolle Bezeichnung kreiert zu haben, laufen ins Leere.

Koffein für Sufis

Zurück zum Negerli-Kaffee. Tatsächlich wird der Ursprung der Bohnen für den Bittertrank in Afrika – genauer in Äthiopien – geortet. Kaffee war zuerst das Genussmittel der «Ungläubigen». Sufi-Mönche haben in der Hafenstadt Mokka in Jemen, im heutigen al-Mukha, die ersten Kaffeebohnen geröstet, um bei ihren langen Exerzitien nicht einzuschlafen. So war anfangs das Geschäft mit Kaffee in der Hand arabischer Händler.

Die europäischen Nationen suchten Wege, um an die begehrten Setzlinge der Kaffeebüsche zu kommen. Und so wurden im 18. Jahrhundert in Haiti und Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Brasilien Kaffeeplantagen angelegt. Die Arbeitskräfte waren nun schwarze Afrikaner. Die blutige Bilanz der Toten durch die koloniale Kaffeeproduktion wird auf 500’000 Menschen geschätzt. Nimmt man noch den Zucker hinzu, dann kommt man auf Millionen von Toten.

Schweizer Söldner auf Java

Die Niederlande wiederum etablierten eine besonders krasse Sklavenhalter-Wirtschaft für den Kaffeeanbau auf der Insel Java, die den Holländer Eduard Douwes Dekker zu seinem antikolonialistischen Roman Max Havelaar anregte. Der Romanheld sollte dann mehr als hundert Jahre später dem berühmten Fairtrade-Siegel seinen Namen geben.

Auf Java spielten auch Schweizer Söldner eine Rolle. Was zeigt: Das Binnenland Schweiz hat indirekt nicht nur über seine Textilindustrie, sondern auch über sein Söldnerwesen eine Rolle in der Kolonialgeschichte gespielt.

Java und das Untergrund-Quartier

Was vielleicht überrascht: Die Plantagen von Java spielen auch in die demografische Zusammensetzung des Multikulti-Quartiers Untergrund hinein, in dem 40 Prozent der in der Stadt Luzern lebenden Tamilen wohnen.

Denn während der Napoleonischen Kriege besetzten die Engländer von 1811 bis 1814 die niederländische Insel Java. Die Erfahrungen mit den javanischen Kaffeeplantagen inspirierte die britischen Teetrink-Imperialisten auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, Kaffeeplantagen anzulegen.

Da die Singhalesen sich aber nicht der harten Knute der Plantagenarbeit fügten, importierten die Briten Tausende von Tamilen aus Südindien. Das blühende Kaffeegeschäft ging indes aufgrund von Pflanzenseuchen zugrunde und wurde durch Teeplantagen ersetzt. Auf diesen arbeiteten ebenfalls Tamilen.

Die Ursache für die Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen nahm also mit der kolonialen Kaffee-Geschichte ihren Anfang und mündete dann in dem blutigen Bürgerkrieg (1983–2009), der auch viele Geflüchtete nach Luzern brachte. Viel blutige Geschichten kleben also an unserem Wachmachergetränk, das wir morgens hinunterstürzen.

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11 Kommentare
  1. Jimmy, 01.08.2020, 12:10 Uhr

    Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal den N-Kaffee im Eingangsbereich der Bäckerei/Konditorei an der Bundesstrasse gesichtet habe. Den Angestellten war es sichtlich unangenehm als ich, ohne gross nach zudenken, ihr Verkaufsprodukt abfotografierte und wieder aus dem Laden trat. Einige Wochen später war der Kaffee nicht mehr da. Ob das Produkt nun aus dem Sortiment genommen oder es auf die Zeit der Namensänderung fiel, es ist angebracht dass der N-Kaffee verschwand. Unangebracht hingegen, von der Kolonialzeit bis heute menschenverachtend und blutig, bleiben die Folgen des Kaffee- und Kakaokonsumes.

    1. Billie Holiday, 02.08.2020, 21:00 Uhr

      Was genau ist N-Kaffee??

    2. Jimmy, 03.08.2020, 01:29 Uhr

      Als ‚mündiges Individiuum‘, der unter anderem mit Ruandesen aufgewachsen ist, obliegt es meiner eigenen Entscheidung welche Wörter ich verwende und welche ich entschlossen habe nicht zu verwenden. Mag sein dass es für die einen nur eine Bezeichnung für ein „Produkt“ ist und für den anderen ein Ventil für das eigene cholerische Politikum. Wieder andere, mich eingeschlossen, assoziieren es mit *strange fruit*

    3. Billie Holiday, 03.08.2020, 08:43 Uhr

      Wer „N-Wort“ sagt, womit er oder sie ja eigentlich N-Wort meint, was sie aber nicht zu sagen wagt, weil sie offenbar im magischen Denken verhaftet ist und glaubt, das blosse Aussprechen von Lautfolgen könne Böses nach sich ziehen und das Nicht-Aussprechen dann eben nicht, was einen Logik- und Sprachgebrauch auf einer Entwicklungsstufe darstellt, die weder Zitat noch Metaebene, weder Vieldeutigkeit noch Ironie und also eigentlich gar nichts halbwegs Differenziertes kennt, ganz abgesehen davon, dass mit „N-Wort“ das N-Wort ja ausgesprochen wird, genauso wie mit „Gopfertoori“ „Gopfertami“ – wer also „N-Wort“ sagt, die kennt auch das Geschlecht des Substantivs „Individuum“, die Kommaregeln oder die Reflexivität des Verbs „sich entscheiden“ nicht und gebraucht das Pronomen „es“ ohne dass sich dieses auf irgendetwas bezieht. Darf ich mir das so merken?

    4. Jimmy, 03.08.2020, 10:55 Uhr

      Es bleibt jedem selbst überlassen was man sich merken möchte. Sei es die Ortographie Keule zu schwingen um rationale Argumente nicht an sich heranlassen zu wollen oder die eigene rhetorische Glaubwürdigkeit untergräbt in dem man John Lennon rezitierte https://www.zentralplus.ch/die-urspruenge-der-demokratie-wurden-von-maennern-fuer-maenner-erschaffen-1833215/#comments

      Piece out, hmm.. oder doch mit ‚ea‘ geschrieben, wer weiss

    5. Billie Holiday, 03.08.2020, 12:10 Uhr

      Wieso „Ortographie-Keule“, wenn es schlicht um Nichtbeherrschung von Sprache und schlüssigem Denken geht? Ok, Die Kommaregeln geschenkt.

    6. Andrea Stahl, 03.08.2020, 19:30 Uhr

      @ Billie Holiday: Muss man Sätze wie der folgende wirklich verstehen? Ich denke nicht. Wer „N-Wort“ sagt, womit er oder sie ja eigentlich N-Wort meint, was sie aber nicht zu sagen wagt, weil sie offenbar im magischen Denken verhaftet ist und glaubt, das blosse Aussprechen von Lautfolgen könne Böses nach sich ziehen und das Nicht-Aussprechen dann eben nicht, was einen Logik- und Sprachgebrauch auf einer Entwicklungsstufe darstellt, die weder Zitat noch Metaebene, weder Vieldeutigkeit noch Ironie und also eigentlich gar nichts halbwegs Differenziertes kennt, ganz abgesehen davon, dass mit „N-Wort“ das N-Wort ja ausgesprochen wird, genauso wie mit „Gopfertoori“ „Gopfertami“ – wer also „N-Wort“ sagt, die kennt auch das Geschlecht des Substantivs „Individuum“, die Kommaregeln oder die Reflexivität des Verbs „sich entscheiden“ nicht und gebraucht das Pronomen „es“ ohne dass sich dieses auf irgendetwas bezieht.

    7. Billie Holiday, 04.08.2020, 05:59 Uhr

      Danke, Andrea. Ganz wie Sie meinen.

  2. Rudolf, 01.08.2020, 05:50 Uhr

    Ob Kaffee, Zucker oder Kakao: Aktuell erinnert uns u. a. dieses „Negerli“ an die Kindersklaven, die auch heute noch für Lieferanten von Schweizer Konzernen schuften – auch für die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten. Stimmen Sie also der Konzernverantwortungsinitiative zu, bitte!

  3. lfm, 31.07.2020, 21:33 Uhr

    Auch wenn die Grenzen bisweilen fliessend sind, sollte schlechter Geschmack schon noch von latentem oder offenem Rassismus unterschieden werden. Was im hier beschriebenen Fall durchaus richtig war, verkommt in anderen Fällen zur unsinnigen, ihrerseits intoleranten und kulturfeindlichen Sprachpolizei, vgl. http://www.zentralplus.ch/blog/damals-blog/ein-mohrenkopf-als-luzerner-stadtpatron/

  4. Billie Holiday, 31.07.2020, 13:35 Uhr

    „Geht das in Zeiten politischer Korrektheit noch?“ Das ist schon einmal eine vollkommen schiefe, weil opportunistische, feige und uneigentliche Fragestellung. Es geht nicht darum, was „man“ darf, weil andere „mans“ möglicherweise meinen, „man“ dürfe etwas nicht, weil andere „mans“ behaupten, dass „man“ das nicht darf. Und so weiter ad infinitum. Es geht ausschliesslich darum, ob ein mündiges Individuum den Sinn von Sprechverboten für sich in diese oder die andere Richtung beantwortet und dann danach handelt. Die Diktatur einer abstrakten „Manheit“ ist selbstverständlich von vornherein abzuweisen. Hoffentlich kommen in einem zweiten Schritt viele mündige Individuen zum Schluss, dass Neusprech das Denken noch nie verändert hat.

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