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Prominentes Fundstück namens «Typ Zug»

Was diese uralte Beilklinge mit der Zuger Vorstadt zu tun hat

Die Steinbeilklinge aus der Zuger Vorstadt vom Typ Zug aus Serpentinit. (Bild: Foto Res Eichenberger, Illustration Eva Kläui)

Ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Zuger Fund aus der Jungsteinzeit wurde in den letzten Monaten intensiv erforscht. Ungewöhnlich, weil es sich um ein seltenes und wertvolles Fundobjekt handelt.

Seine Auffindung liegt mehr als 150 Jahre zurück, womit es zu den frühesten archäologischen Funden im Kanton Zug gehört. Das Prunkstück ist eine Beilklinge aus Serpentinit aus dem Gotthardgebiet. Vergleichbare Beilklingen wurden nur in der Bretagne hergestellt, dort allerdings aus dem Halbedelstein Jadeit.

Anfang Februar 1867 bauten Arbeiter an der Alpenstrasse 2 in der Zuger Vorstadt einen Keller. Dabei stiessen sie auf eine herausragende Beilklinge, die heute im Museum für Urgeschichte(n) Zug ausgestellt ist. Wahrscheinlich noch am selben Tag, am 3. Februar 1867, übergab ein Arbeiter die Beilklinge an Bonifaz Staub (1816-1887).

Der war nicht nur Theologe und Professor am städtischen Gymnasium, sondern auch Lokalhistoriker. Als solcher gehörte er zu den Pionieren der Zuger Pfahlbauforschung und war ein Kenner prähistorischer Funde. Seine Skizzen zeigen, dass damals noch weitere Funde geborgen wurden, die 28 Zentimeter lange Beilklinge war jedoch klar das Prunkstück.

Nach dem Fundort Zug benannt

Die archäologische Forschung nannte im frühen 20. Jahrhundert alle grossen spitznackigen Beilklingen aus dem Halbedelstein Jadeit «Carnac-Beile», da solche bei den berühmten Steinreihen und Megalithgräbern von Carnac (F) häufig vorkamen. Für die moderne Archäologie war dies zu wenig differenziert.

Der französische Archäologe und Universitätsprofessor Pierre Pétrequin unterschied daher je nach Region und Form verschiedene Typen. Dabei verhalf er «unserem» Fund zu Prominenz, denn er definierte die Beilklingen aus der Region nördlich der Alpen nach dem Fundort Zug als «Typ Zug». Ihnen gemeinsam ist, dass sie nicht aus Jadeit bestehen, sondern aus grünlichem Serpentinit.

Ein transeuropäisches Statussymbol

Die Beilklingen vom Typ Zug und die spitznackigen Beile aus Jadeit sind ein europaweites Phänomen. Die inzwischen rund 2000 bekannten Exemplare datieren ins fünfte und vierte Jahrtausend vor Christus. Sie sind sich so ähnlich, dass von einem gemeinsamen Ursprung ausgegangen wird.

Dies weist auf einen organisierten Fernhandel hin, zumal mehr als 1700 Beile aus Jadeit gefertigt wurden. Dieser Rohstoff stammt mehrheitlich aus der alpinen Region um den Monte Viso 70 Kilometer südwestlich von Turin, seltener aus dem Beigua-Massiv nördlich von Genua. Von dort gelangten die Halbfabrikate in die 900 Kilometer (Luftlinie) entfernte Bretagne, wo sie erst ihre endgültige Form und Politur erhielten.

Rohstoff vom Gotthard

Die namensgebende Zuger Beilklinge hingegen besteht wie auch alle anderen Beile vom Typ Zug aus dem Gestein Serpentinit und wurden vermutlich in der Region um den Zugersee hergestellt. Ein Forschungsprojekt setzte es sich zum Ziel herauszufinden, woher der Rohstoff stammte. Dafür wurden über 200 Gesteine aus der Region rund um den Gemsstock bei Hospental UR beprobt.

Alle spektrometrischen Messergebnisse zeigen ähnliche Resultate wie der Serpentinit der Beilklinge aus Zug. Allerdings lieferten nur diejenigen aus dem Vorkommen des Steinbruchs Hospental-Chämleten und aus dem alten Steinbruch Andermatt-Gurschenbach vergleichbare Werte. Die Serpentinite aus Hospental-Chämleten eignen sich aufgrund der Gesteinsstruktur jedoch nicht zur Herstellung von Beilklingen.

Gesägt, gebrochen und poliert

Die Verarbeitung von Serpentinit hatte in der Pfahlbauzeit am Zugersee Tradition, da es sich speziell für die Herstellung von Beilklingen eignet. In manchen Pfahlbaufundstellen wurden ausserordentlich grosse Mengen an Beilklingen und Werkabfällen aus Serpentinit gefunden, was auf Werkstätten der Steinbearbeitung hindeutet.

Mit Sägeplättchen aus Sandstein wurden die Gerölle und Felsbrocken angesägt, in geeignete Rohformen gebrochen und dann bis zur fertigen Beilklinge geschliffen. Wie die Jadeitbeile wurden auch diejenigen aus Serpentinit äusserst sorgfältig überarbeitet und poliert, sodass eine glänzende Politur entstand.

Imitat oder Raubkopie?

Die Verwendung von Jadeit, eine sorgfältige Herstellung und weite Transportwege machen die spitznackigen Prunkbeile zu aussergewöhnlichen und sehr wertvollen Gegenständen. Sie müssen vor über 6000 Jahren eine ganz besondere Bedeutung und einen hohen sozialen Wert gehabt haben.

Die heutigen Bezeichnungen «Prunkbeil» oder «Prestigeaxt» werden dem Beil nicht gerecht, da es damals sicherlich noch eine symbolische Bedeutung gab. Dass dieser Luxusgegenstand hier am Zugersee aus lokalem Serpentinit imitiert wurde, ist ebenfalls bemerkenswert und wirft Fragen auf. Waren diese Nachbildungen von gleichwertiger Symbolkraft oder handelt es sich gar um eigenwillige «Raubkopien»?

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