Vor 150 Jahren wurde in Luzern eine fremde Armee herzlich empfangen
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Bau des Bourbaki-Panorama in Luzern 1889. (Bild: Wikimedia Commons)

Auf die Internierung folgte das Bourbaki-Panorama Vor 150 Jahren wurde in Luzern eine fremde Armee herzlich empfangen

6 min Lesezeit 1 Kommentar 09.04.2021, 11:01 Uhr

Das Bourbaki Museum feiert dieses Jahr ein doppeltes Jubiläum: Vor 150 Jahren überschritten über 80’000 französische Soldaten während des Deutsch-Französischen Kriegs die Schweizer Grenze und wurden hier interniert. 1881, also zehn Jahre später, stellte Edouard Castres sein Panorama von deren Ankunft fertig, das 1889 seinen Weg nach Luzern fand und Besucher noch heute beeindruckt.

Vor Kurzem jährte sich die Internierung der französischen Ostarmee in der Schweiz zum 150. Mal. Aus Schweizer Perspektive ist die Internierung Anfang 1871 deswegen heute noch relevant, weil sie einen Meilenstein in der Neutralitätspolitik des jungen Schweizer Staats und den ersten Einsatz des Schweizerischen Roten Kreuzes markiert.

Aus regionaler Sicht ist dieses Ereignis deshalb von Bedeutung, weil erstens der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 direkte Auswirkungen auf die aufstrebende Tourismusdestination Luzern hatte (zentralplus berichtete). Zweitens, weil die französischen Soldaten unter anderem auch in Luzerner Gemeinden interniert wurden und drittens, weil das Panoramabild von der Ankunft der Bourbaki-Armee, gemalt von Edouard Castres, seit 1889 in der Stadt Luzern eine neue Heimat gefunden hat.

150 Jahre Internierung der Bourbaki-Armee

Hintergrund der Internierung war der im Juli 1870 ausgebrochene Deutsch-Französische Krieg. Die Schweiz erklärte sich in diesem Konflikt als neutral, mobilisierte aber aus Vorsicht trotzdem über 35’000 Mann und wählte am 19. Juli Hans Herzog zum General. Ähnlich wie knapp 70 Jahre später während des Zweiten Weltkriegs erlitten die Franzosen eine Reihe von Niederlagen gegen die von Beginn an militärisch überlegenen deutschen Truppen.

Der Versuch, die Stadt Belfort – knapp 30 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt – Anfang 1871 zu befreien, scheiterte. Die französische Ostarmee unter der Führung von General Charles Bourbaki wurde in der Folge Ende Januar 1871 von deutschen Truppen in Richtung der Schweizer Nordwestgrenze abgedrängt.

Um der deutschen Kriegsgefangenschaft zu entgehen, richtete General Justin Clinchant, Nachfolger Bourbakis, eine Bitte an den Schweizer Bundesrat zur Aufnahme seiner Armee. Die Schweiz stimmte seiner Bitte zu und öffnete am Morgen des 1. Februar 1871 seine Grenzen für die 87’000 Männer der Bourbaki-Armee. Im neuenburgischen Jura bei Les Verrières, Sainte-Croix, Vallorbe und im Vallée de Joux betraten die geschlagenen und demoralisierten französischen Soldaten Schweizer Territorium, wurden entwaffnet und in 188 Gemeinden in der gesamten Schweiz interniert.

Internierung in der Zentralschweiz

Auch in Luzern fanden französische Truppen Unterkunft und wurden von der Bevölkerung herzlich empfangen. Von der Westschweiz kommend, trafen die ersten Truppen am 9. Februar in Luzern ein. Die Luzerner Behörden waren vom Ansturm zunächst komplett überwältigt, so wussten sie überhaupt nicht, wie viele französische Soldaten überhaupt im Kanton interniert und wo sie einquartiert werden sollten.

Aber Not macht bekanntlich erfinderisch: Nebst der Kaserne, dem Spital und der kantonalen Strafanstalt wurde kurzerhand auch die Jesuitenkirche umfunktioniert und als Feuerstelle für die eintreffenden Männer genutzt. Insgesamt waren es im Kanton Luzern rund 5000 Männer, wovon die meisten in St. Urban (1710 Personen), in der Stadt Luzern (1394) und in Sursee (429) einquartiert wurden. In der Stadt Zug wurden 638 Männer interniert.

Parallelen zu späteren Internierungsepisoden

Logistisch stellte die Internierung der 87’000 Männer eine immense Herausforderung dar: Bei knapp drei Millionen Schweizer Einwohnerinnen und Einwohner machten die französischen Militärangehörigen etwa drei Prozent der gesamten Schweizer Bevölkerung aus. Sie mussten verpflegt, versorgt, interniert und bewacht werden.

Beim Vergleich zur Internierung im Zweiten Weltkrieg lassen sich einige Parallelen erkennen: Die französischen Truppen wurden gemäss Neutralitätsrecht bis zum Ende des Krieges zwischen Deutschland und Frankreich in der Schweiz interniert und vom Schweizer Militär bewacht, da die Franzosen ja keine «Touristen», sondern Internierte seien. Die Befürchtungen der Schweizer Behörden waren nicht unbegründet, denn einige Soldaten versuchten aus ihren Unterkünften zu fliehen.

Des Weiteren wurden die Internierten nach Dienstgraden getrennt interniert. Offiziere genossen – wie später im Zweiten Weltkrieg – gewisse Vorteile, wie zum Beispiel die komfortablere Unterkunft in städtischen Hotels oder grössere Bewegungsfreiheit (zentralplus berichtete). 592 französische Offiziere weilten in Luzern, die meisten davon befanden sich im «Schweizerhof» und im «National», da viele Hotelzimmer in der Stadt während der kalten Wintermonate unbelegt waren.

Im Unterschied zu den späteren Episoden im Ersten und Zweiten Weltkrieg war die Internierungszeit der Bourbaki-Armee mit vier bis sechs Wochen vergleichsweise kurz. Ebenfalls wurden die meisten fremden Militärpersonen während des Zweiten Weltkriegs in eigens dafür errichteten Barackenlagern interniert und nur zum Teil in öffentlichen Gebäuden oder bei Privathaushalten, wie dies im Jahr 1871 praktiziert wurde.

140 Jahre Bourbaki-Panorama

Die Internierung der französischen Soldaten vor 150 Jahren ist in Luzern noch immer präsent: Nämlich in Form eines Gebäudes, welches ein ganz besonderes Kunstwerk beherbergt, das Bourbaki-Panorama von Edouard Castres. 1881, also zehn Jahre nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs und nach der Abreise der internierten französischen Truppen, stellte der Genfer Edouard Castres sein monumentales Rundbild zur Ankunft der Bourbaki-Armee in der Schweiz im Februar 1871 fertig und stellte es aus, allerdings in Genf und nicht in Luzern. Dorthin wurde das 112 mal 14 Meter grosse Gemälde erst 1889 überführt.

Castres wusste bestens Bescheid über das, was er malte. Denn als freiwilliger Helfer des Roten Kreuzes war er beim Übertritt in die Schweiz dabei gewesen und verarbeitete das Erlebte in zahlreichen weiteren Skizzen und Ölgemälden. Von dem Panoramaunternehmer Benjamin Henneberg erhielt Castres den Auftrag, die Internierung in einem Grosspanorama festzuhalten. Panoramabilder waren zu dieser Zeit keine Weltneuheit mehr, sondern Teil eines globalen Unterhaltungsformats mit kommerziellem Charakter.

Aufgrund dessen sollte ein Panorama stets einem bestimmten Zweck dienen und ein Zielpublikum im Blick haben, im Fall Castres die Schweizer Bevölkerung und deren Verlangen nach einer Darstellung ihrer humanitären «Heldentat» von 1871. Zur Vermarktung des Bourbaki-Panoramas und der künstlerischen Freiheit nahm Castres einige dramatisierende Anpassungen des historischen Ereignisses vor. Dazu gehören beispielsweise die sich die Hände reichenden Generäle, die sich tatsächlich nie begegnet waren, oder die Uniformen der Schweizer Armee, die nicht der Realität entsprachen.

Ein Gemälde macht Platz für Luxuskarossen

Nachdem der kommerzielle Erfolg des Bourbaki-Panoramas in Genf langsam abgeflacht war, entschied sich der Unternehmer Henneberg, Luzern als neuen Markt zu erschliessen und baute dazu eigens das heute noch bestehende Gebäude am Löwenplatz. 1925 verkaufte er das Gebäude samt Rundbild an das Luzerner Unternehmen Koch & Söhne – sehr wahrscheinlich, weil inzwischen Kinos dem Panoramabild ernsthafte Konkurrenz bereiteten.

Diese bauten darauf im Erdgeschoss des Gebäudes eine Luxusgarage, die modernste in ganz Kontinentaleuropa mitsamt einem Drehkranz, der heute noch funktionstüchtig ist. Wer sich also wie ich bis jetzt immer über die drehende Bourbaki Bar gewundert hat, weiss nun, dass der Drehkranz ursprünglich den Zugang zu den Parkboxen für die Luxuskarossen erleichterte.

Ein Drittel des Bildes fehlt

Unbeschadet überstand das Bourbaki-Panorama diese Zeit nicht: Um Raum für das Parkhaus und später für die Erweiterung der Garage zu schaffen, wurde das Rundbild in seiner Höhe um insgesamt über 4 Meter gekürzt. Diese massiven und aus heutiger Sicht äusserst verwunderlichen Eingriffe führten zu funktionalen Einschränkungen des Mediums Panorama: Durch das Abschneiden von Himmels- und Hügelpartien wurde die von Castres bezweckte Illusion vom Eintauchen in die künstliche Realität des historischen Moments erschwert. Heute ist das Gemälde mit 10 Metern Höhe nur noch zwei Drittel so hoch wie ursprünglich von Castres gemalt.

Durch den Totalumbau und die Annahme der Volksabstimmung «Bourbaki-Panorama und Stadtbibliothek» erhielt das Gebäude zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein heutiges Gesicht und das Panorama wurde aufwendig restauriert.

Ab dem 11. Mai 2021 lädt das Bourbaki Museum mit der Sonderausstellung «Über Grenzen. Neugier, Hoffnung, Mut» zu einer aktuellen Auseinandersetzung mit Grenzen und Grenzerfahrungen.

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1 Kommentare
  1. Peter Bitterli, 09.04.2021, 12:51 Uhr

    Herzlich empfangen. Aber sicher doch.

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