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Vom «Schandbad» in Weggis zum Seebad am Nationalquai
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Strandbäder locken im Sommer die Massen an (Bilder: rob).

Haut zeigen im Strandbad Vom «Schandbad» in Weggis zum Seebad am Nationalquai

3 min Lesezeit 12.07.2019, 13:57 Uhr

Die Hitzewelle mag vorüber sein, doch das Badewetter bleibt. Während sich heute Frauen und Männer gemeinsam dem Badevergnügen hingeben, war dies vor 100 Jahren noch keineswegs selbstverständlich. Über die Pionierleistung des Strandbades Weggis und wie die Badekultur den Schweizer Zeitgeist widerspiegelt.

Vor 100 Jahren öffnete das Strandbad Weggis seine Tore. Für die einen war die Eröffnung des Lidos Weggis 1919 eine Sensation, für die anderen ein Skandal. Warum wurde ein Strandbad so kontrovers diskutiert? Grund dafür war die gemischtgeschlechtliche Anlage, die es bis anhin in dieser Form in der Schweiz noch nicht gab. Männer und Frauen badeten also nicht getrennt, sondern gemeinsam im See. In Zeiten allgegenwärtiger Geschlechtertrennung war dies für katholisch-konservative Kreise eine Schande und Ausdruck des Sittenzerfalls. Daher stammt die Bezeichnung «Schandbad» für das Lido Weggis.

Der Kanton Luzern schritt ein

Aufgrund der Forderungen dieser Kreise schritt letztlich der Kanton Luzern ein und verhängte folgende Massnahmen: «Alle männlichen Strandbadbesucher von mehr als zwölf Jahren mussten ein brustbedeckendes Badegewand tragen (die weiblichen sowieso), das Bad musste über die heisseste Mittagszeit geschlossen werden und das Fotografieren war gänzlich verboten! Ein vom Regierungsrat bestellter Aufseher sorgte nun für das, was man damals unter Zucht und Ordnung verstand.» So steht’s im «Cheschtene und Fiige», offizielle Festschrift zum 100-Jahre-Jubiläum des Kur- und Verkehrsvereins Weggis.

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Weggis wurde zum Schweizer Vorbild

Das neu eröffnete Strandbad war Ausdruck des Selbstverständnisses des Kurortes Weggis. Denn wo Luxus und Modernität aufeinandertrafen, dort sollte es auch ein Seebad geben. So argumentierten die Befürworter des Strandbades. Die im Vorfeld kritischen Stimmen gingen in den beeindruckenden Besucherzahlen unter: knapp 32’000 Personen besuchten das Strandbad Weggis im ersten Betriebsjahr. Doch nicht nur badefreudige Gäste kamen nach Weggis. Bald lockte das Strandbad Architekten und Politiker an, wie den Zürcher Stadtrat Häberlin, welche die Anlage als Vorbild für ähnliche Einrichtungen nahmen unter anderem auch für das Lido in Luzern.

Badegäste vergnügen sich im Strandbad (Bild: Gemeinde Weggis).

Der gesegnete Neubau

Mit der schweizweiten Verbreitung der gemischtgeschlechtlichen Freibäder ebbte die Welle der Nörgler immer weiter ab. Gegen das 1967 neu gebaute Hallenbad erhob niemand mehr Einwände, obwohl auch dies eine Pioniertat war. Das Strandbad Weggis wurde zur ersten See-, Luft-, Sonnen- und Hallenbad-Anlage an einem Schweizer See. Im Gegenteil: Pfarrer Joseph Pfenniger segnete den Neubau. Kurz gesagt, die Geschichte des Strandbades in Weggis widerspiegelt den Zeitgeist in der Schweiz seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Dies zeigt auch die Geschichte des Seebades in Luzern.

Das Seebad Luzern

Über 30 Jahre vor dem Strandbad Weggis eröffnete das Kastenbad am Nationalquai in Luzern. Anders als in Weggis wurde die Badeanstalt von Tourismuskreisen nicht als förderlich, sondern eher schädlich für den Fremdenverkehr angesehen. Ausschlaggebend für die Realisierung waren letztlich Argumente der Hygiene und der kulturellen Entwicklung des Volkes sowie der gymnastischen Ertüchtigung beider Geschlechter. Nun worin lag der Unterschied dieses Pfahlbaus im Cottagestil zu den späteren Freibädern?

Die Abteile der Männer und Frauen trennte eine massive Holzwand, um beide vor neugierigen Blicken zu schützen. Nicht nur war die Badeanstalt geschlechtergetrennt, die Geschlechterhierarchie kam auch darin zum Ausdruck, dass die Schwimmbassins für die weiblichen Gäste deutlich kleiner als diejenigen für die Männer waren. Zusätzlich hatte das Bassin der Männer freien Zugang zum See, die Frauen hingegen waren davon abgetrennt und mussten in der Badeanstalt verweilen.

Das Kastenbad am Nationalquai stand also in starkem Kontrast zu den aufstrebenden Freibädern nach dem Ersten Weltkrieg. Diese waren hingegen Ausdruck einer Freizeitkultur, durch die körperliches Wohlbefinden und Gesundheit vermittelt werden sollte.

Seebad Luzern (Bild: Phillippe Bucher).

Baden als Ausdruck der Modernität

Seien es erste Schwimmlektionen, das Bräunen an der Sonne oder der Sprung ins kalte Nass, so bleiben Schwimmbäder Teil des gesellschaftlichen Lebens der Luzerner. Das Zitat aus der Automobilzeitschrift Automobil-Revue im Jahr 1930 nach der ersten Schweizer Bademodenschau im Lido Luzern ist nach wie vor gültig: «Das Strandbad gehört mit in das Bild des modernen Menschen, der nach Sonne, Licht und Freiheit gierig ist.» Alte Tabus und Kleidervorschriften sind heute glücklicherweise verschwunden und alle Gäste können gleichwertig in den vollen Genuss der vielzähligen öffentlichen Bäder in Luzern kommen.