Ungewöhnliches im Archiv von 100’000 Polizeifotos
  • Blog
  • «Damals»-Blog
Impressionen aus dem Fotobestand. (Bild: zvg)

Zum Fotobestand der Stadtpolizei Zug Ungewöhnliches im Archiv von 100’000 Polizeifotos

6 min Lesezeit 20.02.2020, 11:01 Uhr

Die Stadtpolizei Zug gibt es längst nicht mehr. Mit der Auflösung der Stadtpolizei kamen ihre Unterlagen – darunter auch rund 100’000 Fotos – ins Stadtarchiv. Hier finden sich neben Aufnahmen von Verkehrsunfällen auch Fotografien aus dem städtischen Alltag sowie Impressionen der Polizeiarbeit. Ungewöhnlich erscheinen hingegen die zahlreichen Aufnahmen der Füsse der Polizisten.

Mit der Entstehung der Zuger Polizei fusionierten Stadt- und Kantonspolizei im Jahr 2002 zu einer Organisation. Da das Polizeikorps ein Teil der Stadtverwaltung war, werden diese Archivalien im Stadtarchiv gelagert und für die Benutzung aufbereitet. Zum Bestand gehören auch Tausende von Negativen von Verkehrsunfällen, von Stadtpolizisten bei der Arbeit oder von Füssen –  dazu später mehr! – aber auch liebevoll zusammengestellte Fotoalben mit Schnappschüssen von Ausflügen, Arbeitssituationen oder von Sportwettkämpfen.

Unfall und Zufallszeugnis

Unfallauto nach einer Kollision an der Baarerstrasse, Ecke Gotthardstrasse, 1932. (Bild: zvg)

«So sah ein beteiligtes Unfallfahrzeug damals aus. Kollision an einem Samstag im Jahre 1932 an der Baarerstrasse.» Diese Bildunterschrift wurde zu einem späteren Zeitpunkt von einem ehemaligen Zuger Stadtpolizisten, dem heute auch als Buchautor bekannten Werner Binzegger zu einem der ersten Verkehrsunfälle mit einem Auto verfasst. Es ist unbestritten, dass dieses historische Bild erhalten bleiben sollte und für die Nachwelt wertvoll ist.

Tatsächlich ist die Fotografie dies aber nicht nur wegen der Abbildung des kuriosen Unfalls, sondern auch wegen des von Werner Binzegger beinahe beiläufig erwähnten weiteren Bildinhaltes: Im Hintergrund des Fahrzeuges ist zufälligerweise das Gebäude der traditionsreichen Firma Bossard (Gründung 1831) abgebildet. Dieses Zeitzeugnis erlaubt es uns, eine Vorstellung davon zu erhalten, wie in den 1930ern die Strassen, aber auch wie spezifische Gebäude ausgesehen haben – ein zufälliger Einblick in ansonsten kaum verfügbare Informationen.

Fotografierende Polizisten

Dass so viele Fotografien aus einer Abteilung der Zuger Stadtverwaltung erhalten sind, ist eher untypisch. Die Ablieferung bietet aber ungeahnte Gelegenheiten, einen Einblick in Geschichte und Arbeit der Polizei und darüber hinaus in einen Teil der Geschichte der Stadt Zug zu gewinnen. Das Fotografieren gehörte seit Mitte des 20. Jahrhunderts fast selbstverständlich zur Polizeiarbeit dazu.

Am Anfang wurden für bemerkenswerte Ereignisse oder klassische Personal- und Gruppenaufnahmen professionelle externe Fotografen beigezogen. Bald einmal wurde eine eigene Kamera angeschafft, um Unfälle und Vandalismus zu dokumentieren. Das systematische und fast lückenlose Fotografieren von Verkehrsunfällen begann jedoch erst zu Beginn der 1980er-Jahre.

Aussergewöhnliche Momente

Oskar Rickenbacher (links) und Karl Hegglin auf dem Zugersee, 1947. (Bild: zvg)

Eine weitere aussergewöhnliche Aufnahme beschreibt Werner Binzegger in seinem Buch «Fünf Schüsse und tausend Schutzengel». So vermutet er, dass die Stadtpolizisten Oskar Rickenbacher und Karl Hegglin die Tragfähigkeit der Eisdecke bei der kleinen Seegfrörni von 1947 testen. Aber was können wir aus dem Bild herauslesen, ohne diese rund 50 Jahre später vorgenommenen Anmerkungen? Warum standen die beiden Polizisten in Uniform und sichtbar unsicher auf dem Eis? Kann es sich um einen Test der Tragfähigkeit handeln, wenn bereits weitere Personen auf dem Eis unterwegs waren?

Wann entstand das Bild? Zur Herausforderung gehört hier die Überprüfung und Nachforschung der gemachten Angaben. Dabei können weitere Quellen wie Personallisten oder Zeitungsbeiträge, andere Fotografien, aber auch Bildinhalte wie die Uniform (die Stadtpolizei wechselte 1967 die Uniform), der Kleidungsstil der sonstigen Personen im Bild und die Gebäude im Hintergrund weitere Informationen bieten.

Albumseiten zur Seegfrörni 1963. (Bild: zvg)

Getestet haben die Stadtpolizisten die Dicke und Sicherheit des Eises des gefrorenen Zugersees tatsächlich, aber wohl eher so, wie das nächste Bild zeigt: Mit einem mit Kufen ausgestatteten Schlauchboot in Ufernähe und der entsprechend professionelleren Ausrüstung.

Tagtägliche Polizeiarbeit

Trams der Linie zum Zugerberg vor der Kirche St. Michael vor 1959. (Bild: zvg)

Wenige Jahre vor der Seegfrörni 1963 fuhren zum letzten Mal Trams durch die Strassen der Stadt Zug. Die zugerischen Trämli wurden durch Busse ersetzt – der Abschied von den ZBB-Trams wurde ebenfalls in einem Album der Stadtpolizei verewigt. Die Tramschienen wurden entfernt und erstmals Uhren zur Kontrolle der Parkzeit aufgestellt. Mit der zunehmenden Motorisierung der Bevölkerung änderte sich auch die Polizeiarbeit signifikant.

Unfälle wurden seit 1960 durch die Stadtpolizei aufgenommen und erfasst. Der Verkehrsunterricht, die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern und der Verkehrsdienst gehörten zu den neuen und immer wichtigeren Aufgaben des Korps.

Josef Thüring beim Verkehrsunterricht Ende der 1960er-Jahre am Kolinplatz. (Bild: zvg)

Das Bild des Stadtpolizisten Josef Thüring beim Unterweisen von Schülerinnen und Schülern der Stadt Zug entstanden erlaubt einen Einblick in diesen Aufgabenbereich. Die Fotografie kann dank Personalunterlagen, aber auch mittels der Kleider der Kinder und des Polizisten datiert werden.

Stadtpolizei und Stadtarchiv

Mit dem Gebrauch der Fotografie wurde die Polizeiarbeit zweifellos erleichtert. Für uns als Archiv stellen jedoch die rund 100’000 erhaltenen Aufnahmen eine grosse Herausforderung dar. Zur Aufgabe eines Archives gehört nicht nur das Sichern, Ordnen, Verzeichnen und Zugänglichmachen, sondern auch der Entscheid, was überhaupt behalten werden soll und was nicht. Was hat historischen Wert? Was muss aus rechtlichen Gründen aufbewahrt werden?

Was könnte für zukünftige Forschungsfragen relevant sein? Das sind nur einige Fragen, die sich vor dem Entscheid stellen, etwas zu «kassieren», sprich zu vernichten, anstatt zu archivieren. Alles kann nicht aufbewahrt werden – so auch im Falle von den hunderttausenden Negativen. Die Stadtpolizisten waren überaus sorgfältig, beinahe pingelig in der Ablage ihrer dokumentarischen Fotografie. Jeder Fall wurde mit einer eigenen Nummer versehen und in semi-transparenten Mäppchen streifenweise aufbewahrt.

20 Aufnahmen derselben Autotüre

Dabei sammelten sich aber auch Hunderte von Negativstreifen an, die gar nichts abbildeten. Zudem sind auch sehr viele Aufnahmen vorhanden, die sich nur minimal voneinander unterscheiden wie etwa zwanzig Aufnahmen der gleichen Autotür. Warum gerade diese Bilder fein säuberlich abgelegt und aufbewahrt wurden, ist nicht mehr nachvollziehbar. Vermutlich existierte eine Regel, alle Bilder eines entsprechenden Filmes zu einem bestimmten Fall aufzubewahren.

Deshalb wurden auch alle Aufnahmen von Testläufen aufbewahrt, wie etwa die zahlreichen Bilder von den Füssen der Polizisten zeigen. Obwohl amüsant, sind diese Fotografien weder von rechtlicher Relevanz, noch dokumentieren sie Stadt- und Verkehrsgeschichte. Aber sie zeigen durchaus die Arbeitsweise der Stadtpolizei hinter dem Schreibtisch und vor dem Ausseneinsatz.

So finden neben den klassischen Aufnahmen von Verkehrsunfällen auch Fotografien aus dem Alltag in der Stadt und Impressionen der Polizeiarbeit hinter der Kamera sowie – unbeabsichtigt – besonders schöne Schuhe ihren Weg ins Archiv. Und wer weiss – vielleicht erlauben gerade diese Fotografien in Zukunft einen ungeahnten Einblick in längst vergangene Zeiten. Oder hätten Sie in der ersten Aufnahme das Metalli erkannt?

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.