Ein Luzerner Leben im Spätmittelalter Titelgier wird Melchior zur Gilgen zum Verhängnis

10.09.2021, 11:02 Uhr 6 min Lesezeit
Titelgier wird Melchior zur Gilgen zum Verhängnis
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1507 leitet Melchior Zur Gilgen den Bau des Familienanwesens ein. Dieses überdauert die Jahrhunderte und ist noch heute ein markantes Gebäude der Stadt Luzern. (Bild: Wikimedia commons)

Pilgerreisen mit anschliessendem Ritterschlag waren für Schweizer Eliten im Mittelalter ein gängiges Mittel, um ihr Ansehen zu mehren. Doch nicht immer verliefen diese wie geplant. Diese Erfahrung machte auch der Luzerner Politiker und Söldnerführer Melchior zur Gilgen.

Wir schreiben den 28. September 1519. Ein einsamer Dreimaster treibt inmitten des Mittelmeers durch den leichten Wellengang. Nur wenige Segel sind gehisst, das Schiff treibt träge durch die Nacht. Einige wenige Öllampen spenden spärliches Licht. Das Schiff ist nur schwach bemannt, denn die Mehrheit der Besatzung liegt unter Deck. Und die Zustände in den Mannschaftsquartieren sind grauenvoll.

Eine Kakofonie des Stöhnens und Röchelns steigt aus dem Bauch des Schiffs empor. Die Malaria hat die Besatzung erfasst. Fiebernd liegt die Mehrheit der Besatzung in ihren Kajüten, kämpft einen hoffnungslosen Kampf gegen die fatale Krankheit.

Die Mannschaft ist bereits geschwächt, einige sind verwundet, was wohl die Verheerung der Krankheit erklärt. Einige Tage vor dem Ausbruch sind sie Opfer eines Piratenüberfalls geworden, dem sie nur knapp entkommen konnten. Ihre Bewaffnung, gepaart mit der organisierten Reaktion auf den Überraschungsangriff, reicht aus, um die Seeräuber abzuwenden. Denn diese Pilger sind nicht nur gottesfürchtig, sondern auch kampferprobt.

In den Reiseberichten der Überlebenden wird besonders eine Person hervorgehoben, welche durch ihre Entschlossenheit und Kühnheit auffällt.

Wer ist Melchior zur Gilgen?

Die Rede ist vom Luzerner Söldnerführer und Politiker Melchior zur Gilgen.

Ihm werden die Organisation und Bewaffnung der Mannschaft zugeschrieben, welche die Seeräuber schon allein beim Anblick in die Flucht geschlagen haben soll. Natürlich betonen die zeitgenössischen Quellen diese «Heldentat» wohl auch deshalb besonders, weil sie die letzte nennenswerte Handlung eines bedeutenden Innerschweizer Politikers darstellt.

Denn Melchior zur Gilgen wird die Fahrt nicht überleben. Er erliegt dem Malariaausbruch und wird nicht mehr in seine alte Wirkungsstätte Luzern zurückkehren. Doch wie findet sich ein Luzerner im 16. Jahrhundert auf einem Schiff im Mittelmeer wieder? Und wohin führt seine Pilgerreise? Um diese Fragen beantworten zu können, muss ein Blick auf die frühen Anfänge dieses Menschen geworfen werden.

Frühe Verantwortung

Die erste schriftliche Erwähnung Melchior zur Gilgens führt zu einem Ratsprotokoll aus dem Jahr 1490. Dort muss er eine Zeugenaussage vor dem Ratsgericht ablegen. Das Ratsgericht, auch als «Neunergericht» bekannt, hatte die Funktion inne, über bestimmte Vergehen und Bussgelder zu entscheiden. Im Namen seiner älteren Schwester Agnes zur Gilgen muss er vor Gericht aussagen. Zwischen seiner Schwester und ihrem Ehemann ist ein Streit entbrannt. Agnes wirft ihrem Mann vor, sie mehrfach betrogen zu haben und verlangt die Scheidung. Die damalige stark patriarchalisch geprägte Herrschaftsstruktur der Stadt Luzern schliesst Frauen komplett aus dem politischen Leben aus. Dieser Ausschluss geht so weit, dass sogar eine Aussage vor Gericht nur durch einen männlichen Verwandten getätigt werden darf.

Und so muss Melchior zur Gilgen an diesem Tag im Jahr 1490 für seine grosse Schwester aussagen. Obwohl er erst 16 Jahre alt ist, wird seine Aussage vor Gericht verlangt. Wie es scheint erfolgreich, da die Ehe geschieden wird.

Diese Anekdote zeigt die erste urkundliche Erfassung unseres Protagonisten sowie seine ersten Schritte im öffentlichen Leben der Stadt Luzern.

Erste politische Erfahrungen

Das erste politische Amt, das Melchior zur Gilgen wahrnimmt, ist die Mitgliedschaft im Grossen Rat. Mit 19 Jahren wird ihm diese Verantwortung zuteil. Seine frühe Partizipation an öffentlichen Entscheidungen der Stadt lässt sich wohl mit dem privilegierten Stand seiner Familie erklären. Schon sein Vater hatte diverse politische Ämter in der Stadt inne.

In der Folgezeit weitet sich seine politische Verantwortung zunehmend aus. Durch seine Partizipation in der Politik der Stadt wird er auch in das soldatische Leben involviert. Die ersten kriegerischen Erfahrungen sammelt zur Gilgen 1499 im Schwabenkrieg.

Im Rahmen des Kriegs beteiligt er sich unter anderem an einem Viehraubzug. Mit einer Söldnertruppe, welche er als Hauptmann anführt, berauben sie das Schloss «Altenhewen». Im anschliessenden Scharmützel schlagen sie eine zahlenmässig überlegene Expedition.

Diese erfolgreiche Kampfhandlung verschafft ihm in der Stadt Luzern grosses Ansehen, welches nach Kriegsende mit verantwortungsvollen politischen Ämtern vergütet wird. Von seinen Zeitgenossen als kühner Söldnerführer gefeiert, wird er mit öffentlichen Verantwortungen geradezu überhäuft. So beginnt auch seine Funktion als Diplomat, welche ihn als Gesandten häufig zur Tagsatzung führt.

Seine Funktion als Diplomat der Stadt Luzern nutzt er zur Festigung seines Netzwerks, welches ihm bei der Söldneranwerbung dienlich ist.

Eine folgenreiche Söldneranwerbung

Diese Tätigkeit führt Melchior zur Gilgen 1506 in den Thurgau. In seiner Funktion als Hauptmann des Papstes Julius II. wirbt er dort Söldner an. Allerdings zum grossen Missfallen des amtierenden Thurgauer Vogts Hans Muheim, der die abgeworbenen Söldner bereits für seine eigenen Zwecke engagiert hat.

Aufgebracht durch diese Tat, verlangt der Vogt eine Untersuchung, welche er durch die Zürcher Ratsherren einleiten lässt. Die folgende Untersuchung führt zur Entlastung zur Gilgens. Angesichts des folgenden Freispruchs wähnt dieser sich in Sicherheit und reist einige Wochen später in öffentlicher Funktion nach Kloten, um dort als Rechtsbeistand eines Angeklagten zu fungieren. Doch seine Rolle als Verteidiger kann er nicht wahrnehmen. Nach seiner Ankunft in Kloten wird er sofort verhaftet und in eine Zelle im Zürcher Rathaus gesperrt.

Von dieser unrechtmässigen Verhaftung aufgebracht, engagieren sich seine Luzerner Ratskollegen für ihn und schaffen es, seine Freilassung zu erwirken.

Machtzementierung in Stein

Durch seine politische Einflussnahme in der Stadt Luzern häuft zur Gilgen auch materiellen Wohlstand an. Diesen manifestiert er in der Errichtung eines Stadtanwesens, welches die Jahrhunderte überdauert und das auch heute noch das Stadtbild Luzerns prägt. 1507 leitet er den Bau des Familienanwesens ein.

Das Gebäude, welches heute einen Bekleidungsladen und eine Anwaltsfirma beherbergt, ist direkt an einen markanten Turm gebaut, an den Baghartsturm, welcher noch vor dem Haus errichtet wurde. Das Gebäude befindet sich am Nordende der Kapellbrücke und gilt als eine der grössten Steinbauten der Altstadt.

Wie sich unschwer erkennen lässt, gehörte zur Gilgen zur städtischen Elite, hatte politische Ämter sowie Reichtum anhäufen können und genoss hohes Ansehen in der Stadt. Doch reichte ihm dies nicht aus. Das nächste Kapitel zeigt die Hybris des Zeitgeists auf, welche auch Melchior zur Gilgen erfasst.

Das «Zur Gilgen Haus» prägt das Luzerner Stadtbild bis heute.

Der begehrte Ritterschlag wird zum Verhängnis

Wie bei den städtischen Führungseliten dieser Zeit üblich, entscheidet sich zur Gilgen, einen Ritterschlag anzustreben. Um diesen prestigereichen Titel zu erwerben, ist eine Pilgerreise nach Jerusalem vonnöten. 1519 ist es für ihn so weit. Mit einer Gruppe von eidgenössischen Politikern und Söldnerführern macht er sich auf die lange, riskante Reise nach Jerusalem.

Und die Hinfahrt verläuft für die ambitionierten Ritter erstaunlich ereignislos. Sie schaffen es nach Jerusalem, können die dortige Prozedur erfolgreich absolvieren und sich den erhofften Ritterschlag verschaffen. Die Rückfahrt allerdings hätte tragischer nicht verlaufen können.

Und hier sind wir wieder beim Anfang dieser Erzählung. Durch ihre militärische Erfahrung geprägt, können die Pilger einen Piratenüberfall abwehren. Gegen die Malaria allerdings ist jede militärische Erfahrung nutzlos. Noch auf dem Schiff verstirbt Melchior zur Gilgen. Seine Heimatstadt Luzern und deren Politik konnte er zu seinen Lebzeiten beeinflussen, seiner Familie sogar ein steinernes Denkmal setzen. Doch auch als einflussreicher Mann war er nicht unantastbar.

Seine Gier nach Titeln und Anerkennung ist letztlich sein Verderben gewesen und zeigt in eindrücklicher Art und Weise die Risikobereitschaft, welche die Elite der damaligen Zeit für ihre Titelgier in Kauf nimmt.

Melchior zur Gilgens letzte Reise führt nach Rhodos, wo er begraben wird. Sein Wunsch zu Lebzeiten, in der Familiengruft bei der Hofkirche bestattet zu werden, geht nicht in Erfüllung. 3000 Kilometer von seiner alten Wirkungsstätte entfernt findet er schliesslich seine letzte Ruhe. Doch noch heute ist sein Andenken in Form des Familienanwesens in der Altstadt Luzerns sichtbar, wenn es auch erst beim genauen Hinschauen ersichtlich ist.

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