Raubkunst in der Zentralschweiz
Theodor Fischer und die entartete Kunst in Luzern

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Hermann Göring mit Adolf Hitler. Göring nutzt seine Macht, um seine persönliche Kunstsammlung zu erweitern. (Bild: Wikipedia)

Luzern galt als Umschlagplatz für «entartete» Kunst. Zu verdanken hat die Stadt dies dem Galeristen Theodor Fischer, welcher beste Beziehungen ins Naziregime hatte. Er nutzte die Gunst der Stunde und bereicherte sich ohne Skrupel an den kriminellen Machenschaften des NS-Staats.

Freitag, der 30. Juni 1939. Vor dem Hotel National an der Haldenstrasse herrscht Grossauflauf. Denn im Hotel findet eine Auktion statt, die den Titel trägt: «Moderne Gemälde aus deutschen Museen». Veranstaltet von der Galerie Fischer, werden 125 Werke von renommierten Künstlern wie van Gogh, Klee und Gauguin angeboten.

Moderne Gemälde aus deutschen Museen

Luzern ist für einen Tag das Zentrum der Kunstwelt. Die ausgestellten Werke sind begehrt, Sammler aus ganz Europa und sogar den USA reisen für die Auktion an.

Und die Versteigerung ist ein voller Erfolg. Die Galerie verkauft zwei Drittel aller angebotenen Werke. So erwirbt etwa das Kunstmuseum Basel acht Gemälde, weitere 40 gehen an Schweizer Händler und Sammler.

Die Galerie Fischer finanziert den Krieg

Am Ende der Auktion sind Gemälde im Wert von 627’000 Franken verkauft worden. Von diesem Betrag fliesst das Gros ins Dritte Reich, denn die Nationalsozialisten haben die Auktion durch ihre Politik der «entarteten» Kunst überhaupt erst ermöglicht. Tausende von Bildern fallen zum Opfer und werden aus deutschen Museen entfernt. Die Nazis planen, den Erlös der Auktion in ihre Aufrüstung zu investieren. Ihre durchschaubaren Machenschaften rufen bei der internationalen Kunstszene Entsetzen hervor. Im Ausland wird die Auktion aufs heftigste kritisiert. Boykottaufrufe von Kunstkritikern und Galeristen bestimmen den öffentlichen Diskurs.

Die Kritik trifft besonders den Gründer der Galerie und Initianten der Auktion: Theodor Fischer. Für ihn handelt es sich bei den Protesten um eine jüdische Verschwörung, welche den Kunsthandel kontrollieren will. Im Angesicht des öffentlichen Tadels antwortet er mit einem Rundschreiben auf Englisch. Darin behauptet er, dass die amerikanische Propaganda die «sensationelle» Versteigerung sabotieren wolle. Auch der Vorwurf der indirekten Finanzierung der deutschen Aufrüstung erscheint ihm fremd: «Dieses Argument ist lächerlich und falsch. Es steht fest, dass die Fonds verteilt werden zugunsten der deutschen Museen, um ihnen den Ankauf anderer Kunstwerke zu ermöglichen.»

Dem widerspricht Joseph Goebbels im Abschlussbericht der Auktion jedoch entschieden: «Die erzielten Deviseneinnahmen sind gemäss Weisungen des Führers der Reichsbank und damit der deutschen Kriegswirtschaft zugeflossen.»

Am 30. Juni 1939 wird in Luzern mit «entarteter» Kunst gehandelt. Auf direktem Weg wird der Zweite Weltkrieg mitfinanziert, initiiert vom Galeristen Theodor Fischer.

Der Luzerner Galerist Theodor Fischer wird für seine Auktionen kritisiert.
Der Luzerner Galerist Theodor Fischer wird für seine Auktionen kritisiert.

Fischers Zugang zur Kunstszene war kein vorgeplanter Weg. Nach einer Lehrerausbildung unterrichtet er drei Jahre lang in England, bevor es ihn wieder nach Luzern verschlägt. Dort beginnt er in der Galerie Bossard zu arbeiten, erlernt das Metier und zieht daraufhin nach Lausanne und anschliessend nach Berlin, wo er beim Kunsthändler Paul Cassirer eine Anstellung findet. 1907 wohnt er wieder in Luzern und beschliesst, seine eigene Galerie zu eröffnen.

Theodor Fischers dubiose Beziehungen

Theodor Fischer hatte beste Beziehungen zu einem führenden Mitglied der «Verwertungskommission», Karl Haberstock. Die Kommission verkauft die «entarteten» Bilder ins Ausland oder tauscht sie gegen gewünschte Werke der Nazi-Elite. Haberstock war für den Verkauf der «entarteten» Kunst verantwortlich. Seine Aufgabe war es, Händler zu bestimmen, welche die ungewollten Kunstwerke veräusserten.

Fischer und Haberstock waren langjährige Geschäftspartner und Freunde. Fischer hatte vor der Eröffnung seiner eigenen Galerie einige Jahre in Berlin, unter dem jüdischen Kunsthändler Paul Cassirer gearbeitet. Haberstock war ebenfalls bei der Kunsthandlung Cassirer angestellt. So entwickelte sich eine Beziehung zwischen den Händlern, welche in den 30er-Jahren florierte und der Galerie Fischer unzählige Werke zukommen liess.

Um Gemälde für seine Galerie aufzutreiben, waren Fischer jegliche Mittel recht. So frequentierte er auch des Öfteren sogenannte «Judenauktionen». Bei diesen Zwangsliquidationen wurden jüdische Sammlungen aufgelöst und an den Höchstbietenden versteigert.

1937 erwarb er bei der Liquidierung von Emma Budges Privatsammlung, einer deutsch-amerikanischen Kunstmäzenin, sieben Objekte. Vereinbart war, dass Fischer den Nachkommen der verstorbenen Budge den Betrag auf ein Sperrkonto überweisen sollte. Der Erlös sollte ihnen die Auswanderung ermöglichen. Fischer hingegen nutzte seine Machtposition aus und überwies das Geld nie.

Fischer gegen die Stadt Köln

Dass Fischer beste Beziehungen in die Kunstszene des Dritten Reichs unterhielt, ist unbestritten. Wie weit seine Beziehungen allerdings wirklich reichten, zeigt folgende Anekdote aus dem Jahr 1938.

Die Stadt Köln wendet sich an den Luzerner, um ihm ein Gemälde abzukaufen. Es geht um die «Madonna mit Kind», gemalt von Lucas Cranach. Fischer gibt man den Verwendungszweck des Bildes nicht bekannt, er hat jedoch einen Verdacht, welcher sich im Nachhinein bestätigt. Noch bevor die Verhandlungen beginnen, führt er in einem Briefwechsel mit seinem Sohn Paul den Verdacht auf, dass das Bild wohl an Göring oder sogar Hitler gehen soll.

Und tatsächlich, die Stadtverwaltung will das jahrhundertealte Werk dem frischgebackenen Vater Hermann Göring zur Geburt seiner Tochter Edda schenken. Göring ist als «Reichsmarschall» der designierte zweite Mann im NS-Staat und nutzt seine Macht unter anderem auch, um seine persönliche Kunstsammlung zu erweitern. Die Stadt weiss um sein ausgeprägtes Interesse an Gemälden der «alten Meister» und will ihn dementsprechend überraschen. Bei der Bezahlung des Cranach treten allerdings Komplikationen auf. Fischer hatte sich mit Vertretern der Stadt auf einen Devisenbetrag von 4’000 US-Dollar geeinigt. Als die Kölner allerdings keine Devisenbewilligung erhalten und das unbezahlte Gemälde trotzdem an Göring verschenken, reagiert Fischer empört.

Er beschwert sich und kritisiert die Stadt unverhohlen. Um den Tauschhandel doch noch abwickeln zu können, entscheidet sich die Stadtverwaltung, Fischer nach Köln einzuladen, damit er sich dort im Wallraf-Richartz-Museum ein Gemälde seiner Wahl aussuchen kann. Fischer entscheidet sich nach einigem Hin und Her für ein Tableau von van Gogh, das «Porträt des Camille Roulin». Dieses ist eines der prominentesten Exponate des Museums, weshalb Fischer einige Überzeugungsarbeit leisten muss, um der Museumsdirektion das Gemälde abzuschwatzen. Auf unlautere Weise kommt er dann doch noch zu seinem Willen, aber dazu später mehr.

Da der van Gogh allerdings den Wert des Cranach übersteigt, einigt sich Fischer mit der Museumsdirektion auf eine Zahlung von 16’000 Reichsmark, zusätzlich zu der Lieferung einiger Ausstellungstücke für das Kölner Museum. Das Geld kommt jedoch nie an.

Kontakt zu Göring?

Zehn Jahre nach diesem Vorfall meldet sich die Stadt Köln 1948 bei Fischer und fordert Schadensersatz für die ausbleibende Zahlung. Ausserdem bemängeln sie sein Verhalten während der Akquirierung von 1938. Die Museumsleitung wollte den van Gogh zuerst nicht herausgeben, wodurch Fischer umgehend auf Einschüchterungen zurückfiel.

Der Konservator des Museums habe Fischer damals nämlich verdeutlichen wollen, dass ein Eingriff in die Stammbilder eines Museums unrechtmässig sei. Doch Fischer war sich seiner Kontakte und seinem damit verbunden Gewicht bewusst und handelte dementsprechend rücksichtslos. Er drohte dem Kölner Oberbürgermeister mit seinen Kontakten, behauptete, dass er «Görings ganze Wut auf sein Haupt lenken werde», sollte er den gewünschten van Gogh nicht erhalten.

Allem Anschein nach waren seine Drohungen wirksam, da er das erhoffte Gemälde schliesslich doch noch bekam. Jeglichen Widerstand der Museumsdirektion wendete er mit Bezug auf seine Beziehung zu Göring ab. Bei einer Weigerung der Stadt Köln müsse er sich letzten Endes an Göring wenden. Ob Fischer jedoch wirklich Beziehungen zu Göring unterhielt, ist nicht schriftlich belegt. Was bedeuten könnte, dass es sich um leere Drohungen handelte. Nichtsdestotrotz ist sein Vorhaben erfolgreich.

Opportunist oder Antisemit

Die Frage stellt sich, ob Fischer ein überzeugter Antisemit war und seine Bereicherung auf Kosten unzähliger Menschen aus unverhohlenem Hass tat. Oder war er ein Opportunist erster Klasse? War er vielleicht gar beides? In der Schweizer Kunstszene finden sich einige Galeristen, welche die «Entartung» von Künstlerinnen zu ihrem eigenen Geschäftsvorteil genutzt haben. Das wahre Ausmass des Handels mit der ausrangierten Kunst lässt sich wohl nie feststellen, auch wenn der Diskurs noch immer erfolgt.

Verwendete Quellen
  • Buomberger, Thomas (1998): Raubkunst – Kunstraub: Die Schweiz und der Handel mit gestohlenen Kulturgütern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs
Weitere Quellen
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5 Kommentare
  1. Andreas Bründler, 14.03.2022, 10:40 Uhr

    Für eine ausgewogene Berichterstattung würde ich hier auch eine Stellungnahme der Familie Fischer erwarten. Kuno Fischer und Theo Fischer sind die heutige Generation. Paul Fischer ist schon 1976, also for 46 Jahren, gestorben.

    Auch bei einem Blog sollte die journalistische Sorgfaltspflicht gelten.

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    1. Redaktion zentralplus, 14.03.2022, 11:17 Uhr

      Danke für das kritische Feedback. Die Quelle des Beitrags ist wie ausgewiesen eine öffentlich zugängliche Studie, die das Geschäft mit illegal erworbener Kunst in der Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkriegs behandelt. Aus der aktuellen Diskussion erhält das Thema durchaus Relevanz. Wir nehmen Ihren Input betreffend Stellungnahme der Familie gerne auf.

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  2. Andreas Bründler, 14.03.2022, 07:03 Uhr

    Mit diesem Artikel wird die junge Generation der Galerie Fischer in Sippenhaft genommen. Ich dachte, in der heutigen modernen Zeit gebe es keine Sippenhaft mehr.

    Anscheinend doch noch. Wir sind also nicht mit der Zeit fortgeschritten.

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  3. Ateue, 12.03.2022, 06:01 Uhr

    Diese Familie so zu denunzieren in heutiger Zeit, finde ich ungerecht. Wir so zusagen die Neue Generation, sollten wir schon vergoltene Taten nicht der jungen Generation zu Lasten legen.A.F.

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  4. M.H. aus M, 11.03.2022, 12:26 Uhr

    Übernimmt Zentralplus jetzt die Kosten für den Objektschutz der nach wie vor existierenden Galerie?

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