Technische Rätsel aus der Vergangenheit
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Zwei Sägeapparate nach der Idee des Berner Archäologen Karl von Morlot, zeitgenössische Skizzen. Aus: L. Pfeiffer, Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen (Jena 1920). (Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger)

Technische Rätsel aus der Vergangenheit

4 min Lesezeit 29.01.2015, 14:05 Uhr

Die Archäologie bringt viele grosse, bis anhin ungelöste Rätsel mit sich. Dazu gehören nicht nur die ägyptischen Pyramiden sondern auch kleinere, dennoch sehr interessante Fundstücke im Gebiet des Kantons Zug.

Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto lückenhafter wird die Überlieferung – sei es mündlich, schriftlich oder in Form von Objekten. Der Archäologie stehen als Quellen fast ausschliesslich materielle Hinterlassenschaften zur Verfügung, beispielsweise Reste von Bauten, Alltagsgegenständen oder Kunstwerken. Durch genaues Beobachten und mit Hilfe naturwissenschaftlicher und technischer Analysen entsteht daraus allmählich ein Bild der Vergangenheit. Nicht selten bereitet die Interpretation von Funden und Befunden den Fachleuten aber Probleme: Wie einen Gegenstand deuten, über dessen Funktion uns seit mehreren Tausend Jahren niemand mehr etwas erzählen kann?

Zu den «grossen» ungelösten Rätseln der Archäologie gehört der Bau der ägyptischen Pyramiden im 3. Jahrtausend v. Chr. Nach wie vor ist nicht endgültig geklärt, auf welche Weise die tonnenschweren Steinblöcke transportiert und an ihre endgültige Position gebracht wurden. Nicht ganz so monumentale, doch nicht weniger knifflige Rätsel bot und bietet die einheimische Archäologie. Einige davon liegen auch in der Sammlung des Museums für Urgeschichte(n) Zug. So fanden sich in mehreren jungsteinzeitlichen Siedlungen rund um den Zugersee bearbeitete Steine, die «Anhänger in Feldflaschenform» genannt werden. Bisher ist absolut unklar, wofür die Pfahlbauer die mysteriösen Objekte verwendeten. Waren es Gewichtssteine oder Schmuckstücke, oder dienten sie vielleicht zum Beschweren der Kettfäden eines Webstuhles?

Rätselhafte Funde wurden im Jahr 2000 auch in Steinhausen entdeckt: Bei der Ausgrabung eines längst verlandeten Uferbereichs fanden sich dort mehrere bis zu 16 Meter lange grobe Holztrapeze aus der frühen und mittleren Bronzezeit. Derartige Holzkonstruktionen sind bisher einzigartig, es gibt in den Pfahlbausiedlungen Europas keine Vergleiche. Dies macht es nicht einfacher herauszufinden, wofür sie vor 3’500 und mehr Jahren dienten! Auch Funde aus dem Umfeld der Trapeze helfen bei der Deutung nicht weiter. Derzeit gibt es verschiedene plausible Hypothesen: Es könnte sich um Überreste von Flossen, Baugerüsten oder Fischfanganlagen handeln. Die endgültige Lösung des Rätsels steht aber noch aus.

Dass es oft Jahrzehnte bis zur Entschlüsselung archäologische Funde dauert, zeigen Beispiele, deren Entdeckung schon weiter zurückliegt. Dazu gehören die zahlreichen Beilklingen aus Felsgestein und ihre Halbfabrikate in Form angesägter Steine. Sie sind in grosser Zahl auch aus den jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlungen rund um den Zugersee bekannt. Bereits im 19. Jahrhundert veranlassten derartige Funde die Fachleute zum Schluss, dass die Pfahlbauer vor 6’000 Jahren in der Lage gewesen sein mussten, Felsgestein zu zersägen. Jedoch konnten sich die Forscher – damals waren es tatsächlich nur Männer – nicht vorstellen, mit welchen Werkzeugen dies möglich war. Schliesslich standen den Menschen der Jungsteinzeit weder metallene Sägen noch Spitzmeissel geschweige denn moderne Diamantsägen zur Verfügung. Wie und womit also hatten die Pfahlbauer gesägt? Kreativität und Erfindungsreichtum waren gefragt! 

Schon bald entwickelten verschiedene Forscher Ideen und testeten diese auch in der Praxis. Der Berner Archäologe Karl von Morlot erfand um 1870 einen hölzernen «Sägeapparat» mit einer Klinge aus Silex (Feuerstein). Sein Zürcher Kollege Jakob Heierli hingegen erachtete es als viel effizienter, Gestein mit Hilfe eines Holzbrettchens und Sand als Schleifmittel zu zersägen. Noch eine andere Lösung fanden englische Archäologen 1878: Sie vermuteten, dass Felsgestein mit sandigen Schnüren zersägt wurde.

1926 schliesslich fielen dem deutschen Archäologen Hans Reinerth unter den Funden aus Schweizer Pfahlbausiedlungen kleine, dünne Sandsteinplättchen auf, die er als Handsägen interpretierte. Dies bestätigte sich in den 1940er-Jahren, als das Fundmaterial aus einer jungsteinzeitlichen Sägewerkstatt in Cazis GR entdeckt wurde: Sandsteinplättchen und angesägte Gesteine. Seither ist unter Fachleuten anerkannt, dass Stein zumindest in manchen Regionen der Welt mit Sandsteinplättchen zersägt wurde.

Bisweilen werden wir Archäologinnen und Archäologen mit der Frage konfrontiert «warum forscht und gräbt ihr überhaupt noch weiter – es gibt doch schon genug archäologische Funde?». Beim näheren Hinschauen wird jedoch rasch klar: Noch kennen wir erst einen Bruchteil unserer Vergangenheit. Neue Funde, aber auch die Neubeurteilung älterer Funde mit aktuellen Forschungsmethoden führen dazu, dass sich unser Bild ständig erweitert und korrigiert. Wäre dies nicht mehr der Fall, so liefen wir rasch Gefahr, die intellektuellen und technischen Fähigkeiten vergangener Generationen aufgrund unseres lückenhaften Wissens masslos zu unterschätzen.

Wer nun selbst einmal Steine nach der Art der Pfahlbauer zersägen und nachvollziehen möchte, ob die Methode mit Sandsteinplättchen oder aber das Vorgehen mit Holzbrettchen und Sand effizienter zum Ziel führen, kann dies noch bis zum 22. März in unserer Sonderausstellung «Einfach tun». Dort lassen sich zudem weitere Techniken der Stein- und Bronzezeit praktisch nachvollziehen und über die technischen Kenntnisse unserer Vorfahren staunen.

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