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Spuren im Alltag

Die Stadtführung des Frauenstadtrundgangs in der Altstadt Zug. (Bild: )

Geschichtsvermittlung im öffentlichen Raum steckt in Europa und der Schweiz noch in den Kinderschuhen. In Zug wird sie hauptsächlich über alte Gebäude vermittelt, wie die Altstadt oder der Zurlaubenhof. Mercedes Lämmler über die wichtigen Aufgaben der Denkmalpflege.

Anders als in Museen, werden die Menschen im öffentlichen Raum mit Geschichte konfrontiert, ohne explizit danach gesucht zu haben. Dabei kommen mitunter Fragen auf, die nicht immer gleich beantwortet werden können. Aus diesem Grund empfinde ich den öffentlichen Raum, besonders den Stadtraum mit all seinen verschiedenen Akteuren, als spannendes Untersuchungs- und Experimentierfeld.

Das Interesse eines Einzelnen für einen Ort und sein privates Engagement hängt häufig mit der Identifizierung zusammen. Fühlt man sich mit einer Sache nicht verbunden, ist das Interesse an seinem Schicksal oftmals nur begrenzt. Vor einigen Wochen wurden nun die Sparmassnahmen des Kantons Zug bekannt gemacht. Betroffen ist im Speziellen die kantonale Denkmalpflege, die es in Zug schon seit jeher schwer hat, was an den hohen Bodenpreisen liegen mag. Hier stellt sich mir allerdings die Frage: Ist es denn der richtige Ansatz genau an dem Ort zu sparen, an dem es gesellschaftlich am meisten kriselt, nämlich bei der Identität? Die Beschäftigung mit Geschichte erleichtert der Öffentlichkeit das Zurechtfinden in der Gegenwart und fördert auch ein bewussteres und verantwortungsvolleres Handeln für die Zukunft.

Die Stadtführung des Frauenstadtrundgangs.

Die Stadtführung des Frauenstadtrundgangs.

Geschichte wird im öffentlichen Raum hauptsächlich über alte Gebäude vermittelt, wie beispielsweise die Altstadt oder der Zurlaubenhof. Beim Betrachten solcher Häuser kann man sich in frühere Zeiten versetzen und vielleicht sogar das morgendliche Hämmern des Schmiedes oder die mit Pferdeäpfeln übersäten Wege vorstellen. Am ehesten lässt sich deren Geschichte mit klassischen Führungen vermitteln. Seit einigen Jahren versuche ich aber selber im Rahmen eines Frauenstadtrundgangs Zuger Sozial- und Alltagsgeschichte zu präsentieren und dabei verschiedene Thematiken aufzugreifen: Das alltägliche Leben mit dem Wasser (Brunnen, Seekatastrophen, Überschwemmungen), das Söldnerwesen in der frühen Neuzeit oder die Industrialisierung. Ziel des Vereins ist es, den Blick weg von Kriegen, den grossen Städtebauern und Pionieren hin zu anderen, weniger beachteten Bereichen zu lenken. Je nach Thematik der Führung lässt sich die Stadt dann neu entdecken. Seit den 90er Jahren werden in grösseren Städten solche Formate zunehmend angeboten wie Nachtwächtertouren oder Rundgänge zur Schweizer Musikgeschichte.

Die Stadtführung des Frauenstadtrundgangs bei der Katastrophenbucht.

Die Stadtführung des Frauenstadtrundgangs bei der Katastrophenbucht.

Die Geschichtsvermittlung, insbesondere in der Öffentlichkeit, steckt in Europa und in der Schweiz aber noch in den Kinderschuhen. Einige Studiengänge haben sich bereits auf dieses Terrain der angewandten Geschichte gewagt, aber noch sind grössere Projekte und Vermittlungsansätze ausstehend. Die Thematisierung von historischen Ereignissen wurde bisher hauptsächlich der Kunst überlassen. Ein älteres und spannendes Beispiel ist hier die Arbeit «Ort des Erinnerns» (1993) der Berliner Künstler Renata Stih und Friedrich Schnock. Das Künstlerduo liess im Bayerischen Viertel in Berlin mittels Doppelschilder gegen Juden erlassene Gesetze aus der NS-Zeit sichtbar machen. Auf der einen Seite waren Bilder von alltäglichen Gegenständen wie Brot, Tasche und Badehose zu finden und auf der anderen Seite wurden die dazugehörigen Gesetze aufgezeigt. Dadurch begegnete der Betrachter nicht gleich der bekannten Symbolik (Judenstern) oder einer gutgemeinten Didaktik, sondern wurde beim Anblick von scheinbar Bekanntem mit diesen grausamen Umständen konfrontiert.

Eines der Schilder in Berlin.

Eines der Schilder in Berlin.

Ein weiteres Beispiel, ebenfalls aus Berlin, ist «The Missing House» des französischen Künstlers Christian Boltansk. Am Ort eines bei Kriegsende zerstörten Hauses an der Grossen Hamburger Strasse, liess Boltansk im Jahr 1990 Metallplatten an der leeren Hauswand (Lücke) der angrenzenden Gebäude anlegen, auf denen die Namen und Berufsbezeichnungen der ehemaligen Mieter, Juden osteuropäischer Herkunft, aufgeführt sind. Boltanski wollte mit dieser Arbeit auf das Abwesende aufmerksam machen, nehmen wir ja nur wahr, was wir auch sehen. Alles was nicht mehr da ist, geht schlussendlich in der Lücke, der Leere, verloren, wie die Häuser und die Geschichte der Menschen darin.

Aus diesem Grund vertrete ich die Meinung, dass die Aufgaben und Möglichkeiten der Denkmalpflege in den Bereichen Heimatschutz, Geschichtsvermittlung und Erinnerungskultur nicht den Sparmassnahmen zum Opfer fallen dürfen. 

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Ob Hintergründe zu alten Gebäuden, Geschichten zu Plätzen, stadtbekannte Personen, bedeutende Ereignisse oder der Wandel von Stadtteilen – im «Damals»-Blog werden historische Veränderungen und Gegebenheiten thematisiert.
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