Steine statt Gold im Wasserturm
So beraubten Diebe die Stadt Luzern 15 Jahre lang

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Im Wasserturm befand sich die Schatzkammer der Stadt Luzern – dies machte sich der Stadtknecht zu Nutzen.
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Im Wasserturm befand sich die Schatzkammer der Stadt Luzern – dies machte sich der Stadtknecht zunutze. (Bild: Zentralgut)

Im 18. Jahrhundert verschafften sich Diebe mehrmals Zugang zur Luzerner Schatzkammer im Wasserturm. Über 15 Jahre hinweg stahlen sie so etwa 50’000 Gulden, ohne dass die Stadt dies bemerkte. Einem Zufall war es zu verdanken, dass sie aufflogen.

In einer stillen Nacht in den 1740er-Jahren schlich sich der Luzerner Stadtknecht Josef Anton Stalder mit zwei Komplizen heimlich ins Dachgeschoss des Wasserturms. Gemeinsam mit den beiden Theologiestudenten Beat Spengler und Walter Ales entfernte er heimlich einige Bodenbretter, um dann an einem Seil in die Schatzkammer hinunterzugleiten. In die massiven eisenbeschlagenen Holztruhen sägten sie ein Loch, welches ihnen ermöglichte, tausende von Gulden ganz unbemerkt zu stehlen.

Ein filmreifer Raub

Nachdem Monate vergangen waren, ohne dass jemand auf den Raub aufmerksam geworden war, merkten die drei Diebe, dass sie etwas Grosses vollbracht hatten. Ihr Plan war aufgegangen. Denkbar einfach konnten sie ihren Diebstahl geheim halten. Weil man im 18. Jahrhundert die Münzen bei Zählungen oft nicht von Hand zählte, sondern lediglich das Gewicht wog, hatten die drei Diebe das gestohlene Geld mit Kies und Steinen ersetzt. So merkte niemand, dass in den Truhen und Säcken gar kein Geld mehr war.

Zugang verschaffen konnten sie sich, weil der Stadtknecht für den Kerker im Dachgeschoss des Wasserturms verantwortlich war. Da er einen Schlüssel besass, konnten die drei in aller Ruhe in den Turm spazieren. Im Dachgeschoss angekommen, entfernten sie die Bodenplatten und hatten unbemerkt Zugang zur Schatzkammer. Weil sie mit dem gestohlenen Gold sehr geschickt umgingen und sich nicht sonderlich verdächtig verhielten, konnten sie den Diebstahl über Jahre hinweg immer wieder wiederholen.

Kaum versiegende Geldquelle

Auch einige enge Verwandte waren in die Diebstähle eingeweiht und profitierten vom Gold. Viele Jahre lebten sie ein gutes Leben ohne Sorgen. Wenn sie Geld benötigten, schlichen sie wieder in die Schatzkammer und tauschten mit derselben Strategie Gold gegen Steine und Kies.

Infolge seines zunehmenden Alters musste der Stadtknecht Stalder, der schon gegen die 60 ging, sein Amt dem jungen Jost Ignatz Florin übergeben. Weil dieser sehr vertrauenswürdig erschien oder vielleicht von den Diebstählen Wind bekam, wurde auch er eingeweiht. Er «übernahm» nebst dem Amt des Stadtknechts also auch das regelmässige Stehlen aus dem Staatsschatz.

Lange währte das Glück der Diebe

15 Jahre lang hatten sich die einfachen Arbeiter am Luzerner Staatsschatz ganz nach Belieben bedient, ohne jegliche Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatten vermutlich geglaubt, dass sie ihren Lebensunterhalt bis an ihr Lebensende durch das Stehlen aus dem so sicher geglaubten Wasserturm würden finanzieren können.

Wäre da nicht der Deutschritterorden des Herzogtums Elsass und Burgund gewesen, wäre dies vielleicht sogar möglich gewesen. Doch weil die Republik ein attraktiver Ort für Söldneranwerbung und Geldanleihen war, wandte sich 1758 eben erwähnter Ritterorden an die Republik und ersuchte die Regierung Luzern um eine imposante Leihe von 100’000 Florin.

39 Säcke gefüllt mit Steinen

So stiegen einige Tage darauf Bedienstete der Stadt in die Schatzkammer, um das Geld bereitzustellen. Erst bei dieser Zählung bemerkten sie, dass 27 Säcke mit Silbermünzen komplett fehlten und 39 Säcke anstatt der Goldmünzen lediglich Kies und Steine enthielten. Die Regierung schätzte die gestohlene Summe auf etwa 50’000 Gulden.

Im Wasserturm befand sich ausserdem die Folterkammer, wo man die Diebe folterte und verhörte.
Im Wasserturm befand sich ausserdem die Folterkammer, wo man die Diebe folterte und verhörte.

Schnell war der Regierung klar, dass nur Bedienstete der Stadt sich auf diese Weise Zugang verschafft haben konnten, ohne aufzufallen. Sofort suchte man nach ihnen. Weil der Aufruhr so gross war, hatten die Täter schon Wind davon bekommen, dass sie aufgeflogen waren. Hals über Kopf war die Hälfte bereits aus Luzern geflohen, bevor die Fahndung begann. Die beiden ehemaligen Theologiestudenten Spengler und Ales flohen erfolgreich Richtung Bodensee. Auch der Magd von Stalder und Frölins Schwager gelang die Flucht. Unsicher ist allerdings, wohin sie flüchteten. Die vier wurden nie gefasst und hatten somit keine Konsequenzen zu tragen.

Folterkammer im Wasserturm

Währenddessen wurde der ehemalige Stadtknecht Stalder mitsamt Frau und Kindern verhaftet. Er war noch dabei, die Flucht zu planen, wurde jedoch gefasst, noch bevor er Luzern verlassen konnte. Auch den zweiten Knecht fasste man innert kurzer Zeit. Frölin konnte Luzern zwar verlassen, wurde aber binnen weniger Tage von einem Kopfgeldjäger gefasst und zurück nach Luzern gebracht.

Beide kamen in die Folterkammer, die sich ebenfalls im Wasserturm befand. Dort folterte man sie gnadenlos, bis sie alle Details über die Diebstähle verrieten. So wurden einige Tage später auch die Ehefrau Frölins und der Gerber Niklas Schumacher belastet und kurz darauf verhaftet. Als Mittäter wurden auch sie hart bestraft.

Diebe zum Tode verurteilt

Im folgenden Gerichtsprozess wurden die Täter schliesslich verurteilt. Dem ehemaligen Stadtknecht Stalder wurde, wie es bei Dieben damals üblich war, erst die rechte Hand abgehackt, bevor er dann mit einem Strick zu Tode gewürgt wurde.

Den zweiten Stadtknecht, Frölin, hängte man wegen religiöser «Gnaden» ohne das Abhacken der Hand, während man seine Frau und den Gerber Niklas Schumacher zum Tode durch das Schwert verurteilte. Das gestohlene Geld sah die Regierung Luzerns nie wieder.

Verwendete Quellen
  • Edwin Singer, Der Raub des Staatsschatzes, in: Der Wasserturm, 150 Jahre Artillerieverein Luzern – Gesellschaft zum Wasserturm 1861–2011, Luzern, 2011, S. 72–84. 
  • Hans Jurt, Die Beraubung des Staatsschatzes im Wasserturm zu Luzern 1758, Universität Luzern, 2004.
Weitere Quellen
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1 Kommentare
  1. Martin, 26.08.2022, 13:04 Uhr

    Alle waren sie blitzartig weg. Bis auf den Stadtangestellten – der war noch am Planen. 😉

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