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Seit wann leben in der Zentralschweiz Menschen?
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Altsteinzeitliche Szene im Museum für Urgeschichte(n) Zug. (Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Eichenberger Res)

Älteste Zentralschweizer sind erstaunlich jung Seit wann leben in der Zentralschweiz Menschen?

3 min Lesezeit 10.12.2018, 11:33 Uhr

Vor gut 2,5 Millionen Jahren stellen Menschen in Ostafrika erste Steinwerkzeuge her, und seit immerhin 600’000 bis 800’000 Jahren besiedeln sie auch den Alpenraum – ein unvorstellbar langer Zeitraum! Doch in der Zentralschweiz kann die Anwesenheit des Menschen erst seit höchstens 60’000 Jahren nachgewiesen werden. Woran liegt es, dass der Mensch bei uns so spät in Erscheinung tritt?

Dass altsteinzeitliche Funde in Alpennähe so selten sind, liegt hauptsächlich an den Gletschern, die während den Eiszeiten deutlich mächtiger waren als heute. Die Zentralschweiz hat ihr heutiges Aussehen durch die Gletscher der letzten Eiszeit (115’000 bis 15’000 Jahre vor heute) erhalten. Insgesamt dreimal stiessen diese damals weit ins Mittelland vor.

Auf dem Höhepunkt einer Eiszeit war die Durchschnittstemperatur bei uns bis zu 10°C kälter als heute, und die Meeresspiegel lagen weltweit 120 Meter tiefer. Gigantische Eismassen bedeckten grosse Teile der heutigen Welt. Aus den Alpen erstreckten sich Gletscher weit ins Mittelland, lediglich die höchsten Gipfel ragten heraus (Abbildung 1).

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Abbildung 1: Grösste Ausdehnung der Eismassen zur Zeit der Maximalvergletscherung während der letzten Eiszeit vor 24'000 Jahren. Aus: Fundort Seetaler Kies, Kantonsarchäologie Luzern.

Abbildung 1: Grösste Ausdehnung der Eismassen zur Zeit der Maximalvergletscherung während der letzten Eiszeit vor 24’000 Jahren. Aus: Fundort Seetaler Kies, Kantonsarchäologie Luzern.

Pflanzen, Tiere und Menschen zogen sich während kalter Phasen jeweils in eisfreie Gebiete zurück, zum Beispiel nach Südfrankreich. Die Vorstösse und Rückzüge der Gletscher zerstörten die Spuren älterer prähistorischer Kulturen weitgehend. Nur an Orten, wo kein Eis hingelangte, haben sie sich erhalten, also jenseits der maximalen Gletscherausdehnung, in Höhlen und an sehr hoch gelegenen Stellen.

Neandertaler an der Rigi

Ausserhalb der Reichweite der Gletscher lag auch die bislang älteste archäologische Fundstelle der Zentralschweiz, die Steigelfeldbalm (LU). Die schwer zugängliche Höhle befindet sich oberhalb von Vitznau auf 960 Metern über Meer in einer steilen Felswand der Rigi (Abbildung 2 und 3). In den 1930er-Jahren führte der Luzerner Gelehrte Wilhelm Amrein dort mehrere Ausgrabungen durch.

Links: Die Steigelfeldbalm-Höhle liegt in einer steilen Feldwand oberhalb von Vitznau LU. Rechts: Ausblick von der Steigelfeldbalm. Bilder: Kantonsarchäologie Luzern

Dabei entdeckte er Knochen eiszeitlicher Tiere wie Höhlenbär und Höhlenhyäne und einige Steinwerkzeuge (Abbildung 4) Sie sind mehrheitlich sehr grob zugehauen und daher zeitlich nicht näher einzuordnen. Eine kleine, dreieckige Spitze aus Bergkristall zeigt jedoch Bearbeitungsspuren, wie sie für die Neandertaler charakteristisch sind. Sie beweist, dass sich irgendwann zwischen 60’000 und 35’000 Jahren vor heute Menschen in der Höhle aufhielten – die bislang ältesten bekannten Zentralschweizer.

Vergleiche mit ständig eisfreien Regionen lassen annehmen, dass sich hier schon vor 400’000 oder mehr Jahren sporadisch Menschen aufhielten, ihre Lagerplätze sind jedoch von den Gletschern zerstört.

Höhlenbärenkochen aus der Steigelfeldbalm-Höhle bei Vitznau. Die Bären starben eines natürlichen Todes und waren wohl nicht gleichzeitig mit den Neandertalern dort. Bild: Kantonsarchäologie Luzern.

Abbildung 4: Höhlenbärenkochen aus der Steigelfeldbalm-Höhle bei Vitznau. Die Bären starben eines natürlichen Todes und waren wohl nicht gleichzeitig mit den Neandertalern dort. Bild: Kantonsarchäologie Luzern.

Jagdlager vom Ende der letzten Eiszeit

Erst ganz am Ende der letzten Eiszeit werden menschliche Spuren in der Zentralschweiz häufiger. Vor etwa 22’000 Jahren erreichte der Reussgletscher seine maximale Ausdehnung und zog sich danach rasch zurück. Er hinterliess eine komplett neu geformte Landschaft mit Hügeln, Moränen, Wasserläufen und Gewässern wie Seen und Tümpeln.

Allmählich entstand in dieser Landschaft eine Kältesteppe (Tundra). Darin weideten Rentiere und Wildpferde, aber auch Mammuts, Wölfe und Schneehasen waren anzutreffen. Diese Artenvielfalt zog Menschen auf der Suche nach Jagdbeute an. Die Überreste ihrer Lagerplätze sind es, die wir heute als älteste Spuren des modernen Menschen in der Zentralschweiz finden, beispielsweise im Wauwilermoos LU, in Cham-Grindel ZG oder in Einsiedeln-Langrüti SZ. Sie sind etwa 12’000 bis 16’000 Jahre alt (Abbildung 5).

Replik eine Speerspitze. Diese waren mit mehreren scharfen Feuersteinklingen bewehrt. Diese waren auf einer Seite sehr scharf, die andere, stumpfe Seite (Rücken) wurde am Speerschaft befestigt. Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger.

Abbildung 5: Replik einer Speerspitze. Diese waren mit mehreren scharfen Feuersteinklingen bewehrt. Diese waren auf einer Seite sehr scharf, die andere, stumpfe Seite (Rücken) wurde am Speerschaft befestigt. Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger.

Die altsteinzeitlichen Funde aus dem Kanton Zug sind permanent im Museum für Urgeschichte(n) ausgestellt. Wer mehr über die Menschen am Ende der letzten Eiszeit und ihre Umwelt erfahren möchte, kann dies ab dem 13. Januar 2019 in der Sonderausstellung «Mammuts – Zuger Riesen zeigen Zähne».

Spannende Lektüre zu Mammuts, ersten Menschen und dem Wirken der Gletscher im Luzerner Seetal bietet auch die Broschüre «Fundort Seetaler Kies» der Kantonsarchäologie Luzern (Berichte! 2015/8), die auf der Website https://da.lu.ch/ bestellt oder digital heruntergeladen werden kann.

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