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Null und nichtig? «Scheidung auf katholisch» in Luzerner Vorzeit
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Hochzeitspaar in Luzern um 1910. Die Braut trägt ein schwarzes Brautkleid, das sie auch nach der Hochzeit an Sonn- und Feiertagen tragen kann. (Bild: Stadtarchiv Luzern F2 PA 25.02:01)

Skurrile Fälle von Verlobung und Heirat Null und nichtig? «Scheidung auf katholisch» in Luzerner Vorzeit

3 min Lesezeit 01.05.2018, 11:00 Uhr

Was erzählt man Poltergruppen an einem Stadtrundgang über die Geschichte von Verlobung und Heirat? Es liegt in der Natur der Quellenüberlieferung, dass die Archive kein besonders günstiges Bild der Institution Ehe zeichnen. Immerhin beschäftigt es heute keine kirchlichen Würdenträger mehr, wenn sich eine Frau «unerlaubterweise» von ihrem Mann entfernt.

Luzern, 23. März 1901. «Geehrte Frau Meier!» schreibt P. Segesser, bischöflicher Kommissar in Luzern in einem Brief, «Ihr Mann führt Klage, dass Sie eigenmächtig sein Haus verlassen und von seiner Gemeinschaft sich entfernen.» Der Stadtpfarrer habe die Adressatin des Briefes bereits vergeblich ermahnt, sich ihrer «Pflichten als Gattin und Hausfrau» zu erinnern. Wenn sie sich über ihren Mann beschweren wolle, so stünden der Herr Pfarrer und der bischöfliche Kommissar selber zur Verfügung. Aber «eigenmächtig die eheliche Gemeinschaft aufzuheben», stehe ihr nicht zu, sie würde sich damit «schwer gegen ihre Christenpflicht verfehlen.» Eine Bleistiftnotiz verkündet: «Wieder vereinigt, den 29. März 1901.» Die Geistlichen als drohend-vermittelnde Eheberater?

«Scheidung auf katholisch»

Der Brief befindet sich in einem Dossier im Staatsarchiv Luzern, das Briefe enthält, die der bischöfliche Kommissar zum Thema «Ehesachen» geschrieben oder erhalten hat. Da geht es nicht nur um Ermahnungen wie an Frau Meier. Es wird auch davon gesprochen, was man ironisch als «Scheidung auf katholisch» – die Ungültigkeitserklärung der Ehe, man kennt das von einer monegassischen Prinzessin – bezeichnet.

Flüelen, 21. Februar 1921. Pfarrer Züger fragt in einem Brief beim Bischöflichen Ordinariat in Solothurn nach, ob es stimme, dass eine Frau Mathilda Giger-Bucher 1902 geheiratet habe, aber dass diese Ehe 1903 von kirchlichen Gerichten «propter Impotentiam viri» annulliert worden sei. Das sei wichtig, weil ihm Frau Giger-Bucher von Dekan Jeker als Haushälterin «sehr empfohlen» worden sei. Die Antwort ist nicht vorhanden.

Für ungültig erklärt wurden Ehen unter anderem, wenn es Doppelehen waren. Dies führte zu – aus heutiger Sicht – seltsamen Zivilstandssituationen, beispielsweise für die Ärztin und Schriftstellerin Emmanuele Meyer-Schweizer, die 1918 – 1922 im Schloss Schauensee in Kriens lebte. 1890 hatte sie bei einem Kuraufenthalt Franz Xaver Meier aus Hitzkirch kennengelernt und heiratete ihn bald darauf in New York, wo sie ihr Medizinstudium mit der Promotion abschloss (in der Schweiz wäre dies für eine Frau noch nicht möglich gewesen).

Verheiratet ohne Ehemann

Jahre später – das Paar hatte inzwischen drei Kinder – fand Meyer-Schweizer heraus, dass ihr Ehegatte vor der Hochzeit in Disentis die Priesterweihe empfangen hatte. Ihr Gesuch um Eheaufhebung führte dazu, dass die Ehe ihres Mannes für ungültig erklärt wurde, weil er die Ehe nicht hätte schliessen können. Ihre Ehe blieb hingegen gültig, weil sie ohne Wissen um die Priesterweihe abgeschlossen worden war. Die drei Kinder galten als ihre ehelichen Kinder und Meyer-Schweizer verstand sich fortan als verheiratete Frau ohne Gatten.

Auf dem neuen Frauenstadtrundgang für Poltergruppen erzählen wir nicht von Annullationsgründen. Auch den Heiratsschwindler, dessen Akten meine Kollegin im Staatsarchiv gefunden hat, verschweigen wir. Der neue Rundgang «Verliebt, verlobt, verheiratet» erzählt hingegen davon, was vor der Heirat alles passieren kann: Kontaktannoncen, Kiltgang, verbotenes Konkubinat?

Veranstaltungshinweis: Premiere des Rundgangs «Verliebt, verlobt, verheiratet» am Samstag, 5. Mai, 16.15 Uhr, Treffpunkt: Luzerner Theater, mit anschliessendem Apéro. Weitere Daten siehe frauenstadtrundgang.ch

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