Niedergang eines Ratsmitglieds und Diplomaten Melchior Russ: ein Luzerner Ritter schreibt Geschichte

27.08.2021, 10:57 Uhr 5 min Lesezeit 4 Kommentare
Melchior Russ: ein Luzerner Ritter schreibt Geschichte
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Während einer feierlichen Messe im Wiener Stephansdom schlägt König Matthias Corvinus den Luzerner Gesandten Melchior Russ zum Ritter. (Bild: Diebold Schilling / Wikimedia Commons)

Der Luzerner Melchior Russ war zu Lebzeiten kein Unbekannter, er war politisch aktiv und wurde gar zum Ritter geschlagen. Dennoch wird heute kaum mehr über ihn berichtet. Dabei war er der Erste, der Luzerns Geschichte erzählen wollte.

Ich staunte nicht schlecht, als mir vor einigen Tagen die Diebold Schilling-Chronik in die Hände fiel. Zwischen Schilderungen des alten Luzerns, Lobreden über die Luzerner Amtsherren und dem klassischem «Kantönligeist» erstrahlte plötzlich das Bild eines Luzerner Ritters.

Im goldenen Umhang kniet ein junger Melchior Russ vor dem ungarischen König – Matthias Corvinus – und empfängt den Ritterschlag. Weder von Luzerner Rittern noch von Melchior Russ hatte ich bis zu jenem Moment gehört. Meine Neugier war geweckt und ich begab mich auf die Spur eines Vergessenen.

Erste Luzerner Chronik

Das einzige Überbleibsel seines Wirkens ist die erste Luzerner Chronik. Russ hatte in seiner Freizeit begonnen, diese zu verfassen, konnte aber sein Werk nie beenden. So umfasst der 1482 geschriebene Geschichtsbericht lediglich 81 Seiten. Anstelle eines ruhigen Alltags als Chronist, erwartete den jungen Luzerner nämlich ein ereignisreiches Leben.

Gerade aus den Burgunderkriegen zurückgekehrt, gewöhnte sich der junge Russ an den ruhigen Alltag in der Stadtkanzlei Luzerns, als den Grossen Rat eine Botschaft aus Ungarn erreichte. Der ungarische König Matthias Corvinus strebte ein Bündnis mit den Eidgenossen an, da er Söldner brauchte, um Krieg gegen die Türken zu führen.

Aufnahme in den Grossen Rat

Auserkoren wurde ausgerechnet der 28-jährige, unerfahrene Melchior Russ. Er sollte als Teil einer kleinen Gesandtschaft inoffiziell nach Ungarn reisen und erste Besprechungen führen. Diese verliefen höchst zufriedenstellend für alle Beteiligten. Als Russ zurückkehrte, wurde er freudig empfangen und in den Grossen Rat aufgenommen.

Glück und Können brachten ihm anschliessend grosse politische Erfolge und er wurde zum Vogt von Ebikon und später gar von Malters und Littau ernannt. Er lebte in Ruhe und Frieden, pflegte Bekanntschaften, heiratete und begann damit, die erste Luzerner Chronik zu verfassen. Dies wäre das perfekte Ende einer Biografie gewesen: Ein Mann, der im Sturm der Jugend Erfolg, Glück und Familie findet und sorgenfrei seinem Lebensabend entgegenschaut.

Doch ein solches Ende war ihm nicht vergönnt.

Erneute Reise nach Ungarn

Zehn Jahre nach Russ’ erster Reise nach Ungarn trug ihm der Grosse Rat eine weitere Reise zu Corvinus auf. Es galt, den ausgehandelten Söldnervertrag mit den Eidgenossen zu verlängern.

Zwar hatte Corvinus bis dahin weder die Pensionen der Luzerner Söldner bezahlt, noch galt er als besonders zuverlässig, trotzdem bat er um eine Verlängerung des Vertrages. Der Grosse Rat hatte sich von ungarischen Geschenken und schönen Worten betören lassen. Russ sollte nun, zu dessen grossen Missfallen, als offizieller Diplomat nach Ungarn reisen.

Anfänglich weigerte er sich, diese Reise anzutreten. Doch er hielt dem Druck des Rates nicht lange stand. Im Jahr 1488 wurde er in Ungarn zum zweiten Mal von einem hocherfreuten Corvinus begrüsst. Nach besiegeltem Vertrag wollte der überschwängliche König den immer skeptischer werdenden Russ zum Ritter schlagen. Russ lehnte ab, denn er wusste, dass er sich den ausschweifenden Lebensstil als Ritter nicht leisten konnte. Der König insistierte und versprach ihm jährlich 200 Gulden auszuzahlen, sodass sich Russ das kostspielige Leben als Ritter finanzieren konnte.

Ritterschlag für den Luzerner

Dies überzeugte ihn und so wurde Russ am 24. Juni 1488 im Stephansdom in Wien vor Gesandten des Papstes und den Königen Europas zum Ritter geschlagen. Während ihm Ungarn mit dem Schwert des Papstes die Ritterehre erwies, hing in Luzern das Schwert des Damokles drohend über ihm. 

Bei seiner Rückkehr warteten bereits die von Ungarn noch immer unbezahlten Söldner auf ihn und forderten die ausstehenden Pensionen. Russ ersuchte den König zweimal, das geschuldete Geld endlich zu bezahlen. Ein ganzes Jahr verstrich und das Geld aus Ungarn liess noch immer auf sich warten. Russ blieb nichts anderes übrig, als die Pensionen mit seinem eigenen Vermögen zu begleichen. Er stand zunehmend unter Druck, auch weil zeitgleich Gerüchte kursierten, Russ sei nicht legitimiert gewesen das Bündnis mit Corvinus abzuschliessen.

So also musste Russ selbst für die Schulden der Ungaren aufkommen und sich vor dem Grossen Rat rechtfertigen. Zwar wurde die Klage fallen gelassen, für die Pensionen aber hatte er einzustehen. Russ verlor sein ganzes Vermögen und damit auch sein Haus, sogar seine Frau verliess ihn.

Neuer König, neues Glück?

Corvinus zahlte ihm die Pensionen nie zurück. Nach dessen unerwartetem Tod setzte Russ seine letzte Hoffnung auf den neuen König. Dieser war sogar geneigt Corvinus Schulden zu begleichen und einen neuen Vertrag mit den Eidgenossen aufzusetzen, da sich Ungarn gerade im Krieg gegen die kaiserliche Armee befand.

Doch das Glück wandte sich erneut von Russ ab. In den Reihen der kaiserlichen Armee befanden sich zur grossen Empörung Ungarns ebenfalls Eidgenossen. Russ wurde mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt und zog sich verarmt nach Uri zurück.

Vom Ritter im strahlenden Umhang zum einfachen Söldner

Wahrscheinlich starb Russ als einfacher Söldner im Kampf gegen die Österreicher. Nachdem er Geld und Ehre, Frau und Haus hergeben musste, forderte das Schicksal nun auch sein Leben. Und von dem einst strahlenden Mann im goldenen Umhang, dem geschätzten Ratsmitglied und Diplomaten, blieb kein Erbe, kein Denkmal, nur eine unvollendete Chronik zurück.

Doch ganz vergessen ist er nicht. Verewigt in der Diebold Schilling Chronik glänzt für immer der letzte Moment in dem Russ› Leben noch im Lot war. Ein glorreicher Atemzug, ehe er zum Ritter geschlagen und in die Armut verbannt wurde.

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4 Kommentare
  1. Cédric Hortmann, 31.08.2021, 15:20 Uhr

    Super spannender Artikel und toll geschrieben. Gerne mehr von Frau Hüsler!

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  2. remo.genzoli, 27.08.2021, 17:30 Uhr

    @Kurt Heller
    Richtig, war auch mein erster Gedanke. Wobei dieser Russ vermutlich auch nur eine Marionette der Von Schumacher, Von Segesser, Von Altishofen, Von Pfyffer, oder wie diese Initianten, Profiteure und Drahtzieher des ehrwürdigen Grossen Rates alle hiessen, war.

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  3. Kurt Heller, 27.08.2021, 13:38 Uhr

    Es wäre besser, wenn diese Söldnergeschichten nicht immer noch verklärt würden.
    Leider geht die Söldnerausstellung in Stans leider zu Ende. Es lohnt sich, sich dies Ausstellung und das erbärmliche Leben der Söldner sich vor Augen zu führen. Und statt die Söldnerherren/Adligen aus Luzern noch zu verherrlichen, mal Klartext zu reden und ihr Verhalten auf ihre erbärmliche Gier nach Geld zu reduzieren

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    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 27.08.2021, 14:39 Uhr

      Danke für den Input. Wir denken nicht, dass dieser Beitrag das Söldnerwesen verherrlicht.
      Kritisch waren auch die letzten Beiträge zum Thema:
      https://www.zentralplus.ch/blog/damals-blog/wie-soldaten-die-luzerner-patrizier-reich-machten

      https://www.zentralplus.ch/blog/damals-blog/ausgenutzt-und-ausgeblutet-wie-die-zuger-elite-sich-bereicherte

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