Meggen: Der geplatzte Traum vom Kurort
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Pension Gottlieben und Magdalenenkirche vor dem malerischen Alpenpanorama (Bild: Historisches Archiv Gemeinde Meggen, Signatur Nr. G3.G Fotothek 6)

Trotz eigener Dampfschiffgesellschaft gescheitert Meggen: Der geplatzte Traum vom Kurort

6 min Lesezeit 2 Kommentare 28.08.2020, 10:22 Uhr

Eine eigene Schiffsstation, Silvesterfeiern und Wein für 1.40 Franken: Das «Hôtel du Parc Gottlieben» hatte einiges zu bieten, doch gereicht hat es nicht. Einzig ein Parkplatz in Hintermeggen ist stiller Zeuge des geplatzten Traums, ein kleines Luzerner Fischerdorf am Vierwaldstättersee in einen Kurort zu verwandeln.

Meggen. Heute bekannt als «Steueroase», Rückzugsort für Superreiche und, wenn man der «Weltwoche» glauben darf, «vor zwei Jahren beste Gemeinde der Schweiz» (2019 musste man die Krone an Zollikon abgeben). Früher sah das aber ganz anders aus: Meggen war nicht für seine vermögenden Einwohner bekannt, sondern war ein ruhiges Bauern- und Fischerdorf.

Der Aufstieg des Individualtourismus im 19. Jahrhundert in der Region Zentralschweiz (zentralplus berichtete) beschränkte sich aber keineswegs nur auf die Stadt Luzern und seine beeindruckenden Palastbauten (wie zum Beispiel das Grand Hotel National). Auch kleinere Ortschaften warben als Kurorte um die zahlungskräftigen ausländischen Gäste, beispielsweise Weggis oder Vitznau.

Von solchen Bestrebungen blieb auch das kleine Fischerdorf Meggen nicht verschont. Hier war es vor allem der umtriebige und ambitionierte Gottlieb Zingg, der Meggen in einen Kurort verwandeln wollte.

Gottlieben

Vor 160 Jahren, 1860, kaufte Gottlieb Zingg-Stocker das Grundstück in Hintermeggen direkt neben der Magdalenenkirche. Das Hotel benannte er nach seinem Vornamen «Hôtel du Parc Gottlieben». Vier Jahre später erhielt Zingg die Bewilligung um im «Gottlieben» ein Kurhausbetrieb zu eröffnen: Insgesamt besass das Hotel 50 Betten mit Kalt-, Warm- und Molkebädern.

Sein Ziel: Nebst der Stadt Luzern wollte er auch die Gegend um Meggen, mit malerischem Blick auf das Alpenpanorama und Nähe zur Rigi, touristisch erschliessen. Der einzige Knackpunkt: Wie sollten die «illustren Gäste» überhaupt nach Meggen kommen?

Die Dampfschifffahrt und der Tourismus

Denn die Dampfschifffahrt war zwar schon seit den 1830er Jahren auf dem Vierwaldstättersee angekommen, das Kursangebot für Meggen und den Küssnachter Arm des Sees war aber «völlig ungenügend.» Als Treiber des Tourismus ermöglichte das Dampfschiff vielen Touristen den schnellen Zugang zu den nahen Alpen. Dies wollte sich Zingg für sein Kurhotel zunutze machen.

Gottlieb Zingg war nicht der Einzige, der sich an einem Ausbau des Schifffahrtsangebots in Meggen interessiert zeigte. Die vom Regierungsrat und Megger Jost Scherer-Haas 1837 gegründete Weinhandlung sah ebenfalls das Potenzial, ihre Waren per Schiff transportieren zu können. Zusammen stellten sie also 1864, im Eröffnungsjahr des Kurhausbetriebs, ein Gesuch an die Dampfschiffgesellschaft Luzern, zum Bau einer Schiffsstation in Hintermeggen. Das Gesuch wurde jedoch abgelehnt.

Zingg und Scherer wollten diese Niederlage aber nicht auf sich sitzen lassen. Gemeinsam gründeten sie kurzerhand die Dampfschiffgesellschaft Küssnachtersee. Sie liessen eine Strasse vom «Hôtel Parc du Gottlieben» bis zum See bauen, die Herrenfahrstrasse.  Danach bauten sie einen Schiffssteg, wo der Schraubendampfer «Rütli» ab 1864 täglich bis zu achtmal an- und ablegte.

Kein andauernder Erfolg

Die Investition war für beide Parteien ein Erfolg: Der Dampfer transportierte sowohl den Wein der Weinhandlung Scherer, als auch Gäste von und zum «Hôtel du Parc Gottlieben». Schliesslich fusionierte die Dampfschiffgesellschaft Luzern mit der Dampfschiffgesellschaft Küssnachtersee im Jahr 1869.

Weiter ausgebaut wurde das Angebot des Hotels durch die Betriebsbewilligung als Wein- und Speisewirtschaft. Leider ist über den Betrieb von damals fast gar nichts bekannt. Klar ist nur, dass der Erfolg von Gottlieb Zingg-Stocker nicht von Dauer war: Sein Hotel wurde 1880 konkursamtlich versteigert. Käufer waren die Gebrüder Scherer der Megger Weinhandlung. Es war der Beginn einer Reihe von Besitzerwechseln, die erst mit der Einrichtung eines Frauenheims in den 1920er endete.

Boomjahre in Meggen

Mit dem Anschluss an die Gotthardbahn 1897 (zentralplus berichtete), erhielt die Gemeinde Meggen nochmals einen touristischen Aufschwung. Dieser manifestierte sich in der Eröffnung verschiedener Pensionen und Gasthäuser im Dorf. Um die Jahrhundertwende entstanden der Jugendstil-Saal im Hotel «Kreuz», das Hotel und Pension Schloss Neuhabsburg in Vordermeggen und die Villa St. Charles Hall als Erholungsstätte für französische Geistliche und deren Familienangehörige.

Seit der Gunzwiler Josef Amrein das Hotel 1902 gekauft hatte, waren nicht nur ausländische Gäste, sondern auch öfters Megger im «Gottlieben» anzutreffen. Das Hotel wurde zum beliebten Treffpunkt in Hintermeggen, besonders nach dem Gottesdienst am Sonntag in der Kirche nebenan. Man verabredete sich im «Gottlieben» zum Jass oder zur Orchesterprobe.

Das «Gottlieben» als Gasthof «zweiten Ranges»

Aber auch an den ausländischen Gästen wurde einiges an Unterhaltung geboten, wie zum Beispiel Konzerte oder Bälle. Wohl mit Erfolg, denn der exzellente Ruf des «Gottlieben» reichte bis nach Stuttgart. So schrieb die Deutsche Allgemeine Illustrierten Zeitung kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieg über die «Klimatische Kursanstalt Gottlieben»:

«Das geräumige Kurhaus besteht aus Holz und ist mit seinen Holzschuppen (Schindeln) eingerandet, was demselben einen ländlich heimeligen Anblick verleiht. Durch seine innere Einrichtung (mit grossem Speisesaal, Damensalon mit Klavier, Lesezimmer, Frühstücksraum, Telegraphen- und Schreibbüro, sowie 70 Gastzimmer), die gute und reichliche Tafel bei mässigen Preisen hebt es sich zu einem Gasthofe zweiten Ranges empor.»

Apropos mässige Preise: Im historischen Archiv Gemeinde Meggen ist folgende Rechnung vom Mai 1908 überliefert: «30 Nachtessen à 1.20» plus «11 Liter Wein à 1.40» kosteten damals etwas mehr als 50 Schweizer Franken.

Besonders gelobt wird in der Stuttgarter Zeitung die «herrliche Aussicht auf das frischgrüne Umgelände, den See und den Alpenkranz» und die günstige Lage des «Gottlieben» als Ausgangspunkt. Von Meggen aus waren die Rigi oder andere Kurorte in der Zentralschweiz leicht zu erreichen.

Langsamer Verfall und Abriss

Während dem Ersten Weltkrieg wurde das Hotel aber umgenutzt: Deutsche pflege- und erholungsbedürftige Internierte wurden im «Gottlieben» einquartiert. Dies war nicht das letzte Mal, dass fremde Militärpersonen in Meggen interniert waren.

1919 wurde die Wirtschaftsbewilligung in Folge des Rückkaufs der Weinhandlung Scherer & Bühler AG nicht verlängert. Damit erlosch der Traum von Gottlieb Zingg, Meggen in ein Kurort à la Weggis oder Vitznau zu verwandeln, endgültig.

Mit dem Übergang zum Frauenheim verschwand das ehemalige Kurhotel Gottlieben im Schattendasein und wurde 1973 von der Megger Gemeinde gekauft. Bald darauf wurde das baufällige Gebäude, dessen Rennovation alle Budgets gesprengt hätte, abgerissen. Wo sich früher wohlhabende Gäste aus aller Welt auf der Terrasse gesonnt haben, stehen heute die Parkplätze der Magdalenenkirche.

Der Dank des Autors geht an Beat Gähwiler, Archivar des Historischen Archiv Gemeinde Meggen, für die Unterstützung und die Möglichkeit, als Megger über ein fast vergessenes Stück Geschichte zu berichten.

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2 Kommentare
  1. Silvano, 03.09.2020, 06:53 Uhr

    Wieder einmal ein guter und interessanter Blog. Es macht immer wieder freude von Ihnen Herr P. Bucher die Blogs zu lesen. Weiter so.

  2. Till Eulenspiegel, 02.09.2020, 09:43 Uhr

    Sehr gut geschriebener Blog Herr Bucher.

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