Stierenmarkt – seit 125 Jahren ein wichtiges Ereignis
«Männliches Zuchtmaterial» und Chilbi in Zug

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Ermüdendes Feilschen der Männer, der Stier ruht sich derweil aus, undatiert. (Bild: Reproduktionen Braunvieh Schweiz, Zug)

Der Zuger Stierenmarkt ist seit der ersten Durchführung 1897 auch eine gesellige Angelegenheit. Später arbeiteten hier 120 Frauen in der Gastronomie – ein potenzieller Heiratsmarkt angesichts der vielen jungen Stierenwärter. Und auch wenn die mächtigen Stiere heute mitten in der Stadt Zug archaisch anmuten, so geniesst der Stierenmarkt gesellschaftlich weiterhin einen hohen Stellenwert.

«Das ist Gregi, der Älteste mit seinen neuneinhalb Jahren. Er ist ein aufgestellter Typ, er hat für sein Alter ein gutes Temperament. Seine Fruchtbarkeit ist gut und man kann noch jedes Tier mit diesem Stier decken. Er ist ein alter Stier und seine Mutter und Grossmutter sind ebenfalls alt geworden. Das ist für mich ein Zeichen, um mit ihm weiter zu züchten, denn die Gesundheit und die Langlebigkeit sind gut. Wir haben viele alte Kühe im Stall.»

Zweifellos, hier ist Liebe im Spiel. Stierenzüchter Eugen Hitz und seine Tochter Ruth kamen am letztjährigen Stierenmarkt gleich mit vier Munis nach Zug. Aber fürs Züchterglück reicht Liebe allein jedoch nicht. Erfolgreiche Stierenzucht erfordert viel Wissen und Erfahrung. Und noch mehr, wie Ruth Hitz nachdoppelt: «Stierenzucht ist ein Teil unseres Schwerpunkts. Und man züchtet einfach, weil wir die Leidenschaft dafür haben.»

Festhüttenbetrieb, Postkarte, 1932
Festhüttenbetrieb, Postkarte, 1932

Stierenzüchter seien schon «ein wenig spezielle Typen», meint Stefan Hodel von Braunvieh Schweiz, der gleich neben dem Stierenmarktareal ansässigen Züchterorganisation. Er organisiert seit vielen Jahren den alljährlichen Markt. Aber in neuerer Zeit gäbe es auch junge Bäuerinnen und Bauern, die das «Feld gehörig durcheinandermischen» würden. Und das sei auch gut so.

Die Zucht fördern

Und auch nötig, denn seit der Einführung der künstlichen Besamung der Kühe in den 1960er-Jahren hat der Stierenmarkt an züchterischer Bedeutung stark eingebüsst. Immer weniger Züchterinnen und Landwirte begutachten heute die verbliebenen 200–300 Tiere.

Das war nicht immer so: Vor 125 Jahren führte der frisch gegründete Schweizerische Braunviehzuchtverband den ersten Zuchtstierenmarkt in Zug durch. Dieser entwickelte sich rasch zum Zentrum der Braunviehzüchter. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden bis zu 1300 Stiere aufgeführt. Hier versammelte sich das «männliche Zuchtmaterial» aus dem ganzen Zuchtgebiet. Hier deckten sich die lokalen Viehzuchtgenossenschaften mit einem neuen Stier ein.

Im 19. Jahrhundert begannen Bund und Kantone, Viehschauen abzuhalten und dabei die besten Tiere zu prämieren. Sie wollten damit die Viehzucht fördern. Auch in Zug wurden bereits in den 1860er-Jahren solche Schauen organisiert. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gründeten Viehzüchter lokale Viehzuchtgenossenschaften. Sie bezweckten «durch Haltung rassenreiner Braunvieh-Bullen und -Kühe die Erträgnisse der Viehzucht zu heben», wie die älteste Zuger Viehzuchtgenossenschaft, jene von Risch, 1892 festhielt. Und seit 1895 haben nun die Genossenschaften, aber auch Händler und Private die Möglichkeit, das Angebot an Zuchtstieren zu vergleichen und sich mit guten Zuchttieren einzudecken.

Handschlag am Zuger Stierenmarkt. Ausschnitte aus: «Landwirtschaftliche Rundschau, Zuchtstierenmärkte Zug und Thun», 1962, «Antenne, 09.09.1965 – 1300 Stiere in Zug», und «Schweizerisches Zuchtvieh = Bétail suisse d’élevage», 1947. Telepool AG, Zürich und Schweizerisches Agrararchiv, Bern

«Gesund und recht»

Stierenkäufer: «Zwei, vier, sechs, acht, neunundzwanzig … ist das gut so?»

Viehhändler: «Besten Dank.»

Käufer: «Euch auch, hoffentlich nützt es etwas. Ich bin schon seit 40 Jahren hier am Stierenmarkt. Wir handeln und verstellen Munis und dieser hier hat mir gefallen. Ein gesundes Tier, schöne Beine, nicht zu dick. Darum sind wir uns einig geworden und ich habe ihm den Muni abgekauft.»

Händler: «Ich bin als Viehhändler hier. Es sind hier noch zwei oder drei Viehhändler, sonst kommt niemand mehr zum Markt. Ich denke, in diesem Jahr mit all den Einschränkungen haben die meisten ein bisschen Angst [Der Stierenmarkt 2021 fand unter Einhaltung der Corona-Schutzmassnahmen statt]. Wir machen das Beste und schauen, dass die Bauern die Stiere wenigstens jemandem verkaufen können.»

Programm des ersten Zuger Zuchtstierenmarktes des neu gegründeten Schweizerischen Braunviehzuchtverbandes, 9.–11. September 1897.
Programm des ersten Zuger Zuchtstierenmarkts des neu gegründeten Schweizerischen Braunviehzuchtverbandes, 9.-11. September 1897.

Seit jeher und bis heute wird der eigentliche Handel vor dem Stier abgewickelt: Unter den Augen eines Zeugen feilschen Käufer und Verkäufer um den Preis. Werden sie handelseinig, bezeugen sie dies mit einem Handschlag. Bezahlt wird bar auf die Hand. Der Verkäufer garantiert mit dem Ausspruch «Gesund und recht!» während neun Tagen die Gesundheit des Tieres.

Zuckerwatte für die Kleinen, Bier für die Grossen

Seit dem ersten Stierenmarkt ist der Anlass auch eine gesellige Angelegenheit: 1897 findet um halb eins nachmittags ein «gemeinschaftliches Mittagessen der Delegierten und Gäste» im Hotel Hirschen in Zug statt. 1935 arbeiten bereits 120 Frauen in der Gastronomie – ein potenzieller Heiratsmarkt angesichts der vielen jungen Stierenwärter.

Bis in die 1960er-Jahre ist der Stierenmarkt populär wegen des Waren- und Landmaschinenmarkts und der Chilbi. Heute muten die vielen mächtigen Stiere mitten in der Stadt und vor der Hochhauskulisse archaisch an. Dies trägt zur Beliebtheit des Anlasses bei: Gesellschaftlich geniesst er einen hohen Stellenwert. Im Festzelt mit 2000 Plätzen, an den Marktständen und im Streichelzoo vermischen sich für einmal Stadt- und Landbevölkerung und die Lokalpolitik geht auf Tuchfühlung mit der potenziellen Wählerschaft.

Mann mit Pfeife am Stierenmarkt, undatiert
Mann mit Pfeife am Stierenmarkt, undatiert

Trotzdem bleibt der Markt für die verbliebenen Stierenzüchter ein wichtiger Ort für den fachlichen und geselligen Austausch. Und holt sich ein Stier bei der Prämierung einen Mister-Titel, kehrt die Landwirtin oder der Züchter stolz erhobenen Hauptes nach Hause zurück. Für Ruth und Eugen Hitz hatte sich jedenfalls der Weg nach Zug gelohnt: Von ihren vier Stieren holten drei einen Titel. Und der alte Gregi war mit seinen 1375 kg der schwerste am letztjährigen Stierenmarkt.

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