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Krankheiten, an denen schon unsere Zuger Vorfahren litten
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Das Leben in der Frühzeit war medizinisch gesehen lange nicht so sicher wie heute. (Bild: Pixabay)

Karies, Zahnwurzelabszesse und Knochenbrüche Krankheiten, an denen schon unsere Zuger Vorfahren litten

5 min Lesezeit 20.03.2020, 10:56 Uhr

Entzündungen und Zahnschmerzen sind nicht erst seit der Neuzeit bekannt – seit eh und je leiden die Menschen unter gesundheitlichen Problemen. Dies zeigen Skelette von der Pfahlbauzeit bis ins 19. Jahrhundert aus dem Kanton Zug. Knochen und Zähne von Verstorbenen sind ein Gradmesser für den Gesundheitszustand der Bevölkerung und geben Rückschlüsse zur Ernährung und Arbeitsbelastung.

Hast Du den Winter unbeschadet überstanden? Hoffentlich, denn Winterzeit ist bekanntlich Knochenbruchzeit, und die Knochen kann man sich auf der Skipiste und auf dem vereisten Trottoir brechen. Dank der heutigen medizinischen Behandlung ist man aber zum Glück schnell wieder auf den Beinen. Doch wie war das in früheren Zeiten?

Was Knochen erzählen

Kommen bei archäologischen Rettungsgrabungen menschliche Skelette zum Vorschein, werden Anthropologen beigezogen, denn Knochen verraten viel über den Gesundheitszustand einer verstorbenen Person.

Menschliche Knochen und Zähne erhalten sich im Boden unter guten Bedingungen Jahrtausende und geben Hinweise auf Sterbealter, Geschlecht, Körperhöhe und Körperbau. Paläopathologische Untersuchungen weisen Krankheiten und krankhafte Veränderungen an Gelenken und Wirbeln nach. Zudem erlauben Spuren an den Knochen Rückschlüsse auf Mangelernährung, Verletzungen wie Schwerthiebe oder Knochenbrüche und entsprechende Behandlungsmethoden.

Sogar wenn eine Leiche kremiert wurde, lassen sich aus den winzigen Knochenfragmenten noch Informationen zu Alter, Körperbau, Geschlecht und Krankheiten gewinnen.

Verbrannte Knochenfragmente aus einem spätbronzezeitlichen Kremationsgrab von Cham-Oberwil Äbnetwald werden untersucht. (Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger)

Stress in der Spätbronzezeit

In der spätbronzezeitlichen Pfahlbausiedlung von Zug-Sumpf (1000 v. Chr.) wurden 1954 die Skelettreste eines Kindes entdeckt. Es wurde höchstens 12 Jahre alt und war von kräftigem Körperbau, aber für sein Alter zu klein.

Auf Röntgenaufnahmen der Langknochen sind sogenannte Harris-Linien sichtbar. Sie werden als Folge von körperlichem Stress gedeutet und lassen darauf schliessen, dass das Kind etwa ein Jahr vor seinem Tod erkrankte.

Auf dem Röntgenbild sind horizontale Linien auf den Langknochen eines Kindes zu erkennen, die von körperlichem Stress zeugen. (Quelle: Die spätbronzezeitlichen Ufersiedlungen von Zug- Sumpf, Band 1)

Spuren am Skelett

Im Jahr 2000 grub die Kantonsarchäologie Zug das frühmittelalterliche Gräberfeld von Baar-Früebergstrasse aus. Dort fanden sich Skelette von 208 Personen aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., die anthropologisch untersucht wurden und uns einiges über den Gesundheitszustand der Baarer Bevölkerung vor 1300 Jahren verraten. Das Alter und die körperliche Anstrengung hinterliessen Spuren am Skelett. Beispielsweise konnten Entzündungen an der Wirbelsäule und den Gelenken sowie Knochenbrüche, Knochenhautentzündungen und Vitaminmangel nachgewiesen werden.

Der Schädel einer 60–66-jährigen Frau aus Baar-Früebergstrasse (7. Jh. n. Chr.) zeigt Spuren ihres für die damalige Zeit hohen Alters. Durch Entzündungen hat sich der Unterkieferknochen zurückgebildet und alle ihre Zähne waren schon zu Lebzeiten ausgefallen. Da sie nicht mehr kauen konnte, war sie auf weiche Kost angewiesen. (Bild und Porträt: ADA Zug, Direktion des Innern, Res Eichenberger und Eva Kläui, Archiv Archäologie)

Medizinische Fallbeispiele aus dem Frühmittelalter

Unfälle oder gewaltsame Auseinandersetzungen führten schon früher zu Knochenbrüchen. Im Friedhof von Baar-Früebergstrasse wurde ein 45-jähriger Mann bestattet, der sich im Lauf seines Lebens das linke Schlüsselbein gebrochen hatte. Im Alltag dürfte der Mann dadurch nicht gross beeinträchtigt gewesen sein, denn der Bruch war recht gut verheilt. Das gebrochene Schlüsselbein ist allerdings etwas verdickt und verkürzt zusammengewachsen.

Der Mann aus dem frühmittelalterlichen Grab 175 von Baar-Früebergstrasse hatte sich das linke Schlüsselbein gebrochen. (Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger)

Mit dem Alter kann es an Wirbelsäule und Gelenken zu starken Abnützungen und Verknöcherungen kommen, was schmerzhaft ist. Hätte der knapp 60-jährige Mann aus dem frühmittelalterlichen Grab 153 von der Früebergstrasse heute gelebt, hätte er mit Sicherheit ein künstliches Hüftgelenk bekommen, denn sein Skelett zeigt starke Verschleisserscheinungen. Dies führte wohl zu massiven Schmerzen. Statt eines neuen Gelenks erhielt der Mann jedoch damals im besten Fall Gehhilfen.

Das Hüftgelenk eines 60-jährigen Mannes aus Grab 153 von Baar-Früebergstrasse zeigt starke Verschleisserscheinungen. (Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger)

Karies ist kein neuzeitliches Phänomen. In Baar litten vor 1300 Jahren vermutlich 50 bis 70 Prozent der Bevölkerung an Karies. So fand sich beispielsweise der Unterkiefer eines etwa 50-jährigen Mannes mit nur noch wenigen und ausgesprochen schlechten Zähnen.

Die meisten Backenzähne waren bereits ausgefallen, die übriggebliebenen Zähne stark abgenutzt – und an Karies litt er ebenfalls. Zu allem Unglück bildete sich bei einer Zahnwurzel noch ein Abszess!

Der Mann aus Grab 92 von Baar-Früebergstrasse litt an Karies. (Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger)

Operativer Eingriff am Schädel

Bei archäologischen Untersuchungen im ehemaligen Friedhof St. Matthias in Steinhausen wurden seit den 1970er-Jahren Gräber freigelegt. Teilweise liessen sich an den untersuchten Menschenknochen krankhafte Veränderungen (Paläopathologien) nachweisen.

Aussergewöhnlich ist der Fund eines trepanierten Schädels, also einer Schädelkalotte mit operativer Öffnung (Trepanation). Der Schädel aus Steinhausen weist gar vier Trepanationen und zwei Teiltrepanationen auf. Der Grund für die Operationen ist nicht bekannt.

Der Schädel stammt von einer über 35-jährigen Frau, die an Tuberkulose litt und im 19. Jahrhundert lebte. Die ersten drei Eingriffe und die beiden Teiltrepanationen überlebte die Patientin, an der letzten Operation verstarb sie jedoch.

Schädel mit Trepanationen aus dem 19. Jahrhundert vom ehemaligen Friedhof St. Matthias in Steinhausen. Die Nummern bezeichnen die operativen Eingriffe in ihrer zeitlichen Abfolge, die Buchstaben die Teiltrepanationen. (Bild: Museum für Urgeschichte(n) Zug, Res Eichenberger)

Möchtest Du mehr darüber erfahren, an welchen Krankheiten und Verletzungen die Menschen seit der Jungsteinzeit litten und wie sie Heilung oder Linderung suchten? Im Museum für Urgeschichte(n) Zug ist noch bis zum 17. Mai 2020 die Sonderausstellung «Gesundheit! 7000 Jahre Heilkunst» zu sehen. Die Ausstellung wurde von der Kantonsarchäologie Luzern konzipiert und mit Zuger Funden ergänzt.

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