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Heilende Rituale – zwischen Magie und Religion
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Opferlichter am Gnadenbrunnen von Luthernbad, Luzerner Hinterland.

Heilende Rituale – zwischen Magie und Religion

5 min Lesezeit 07.10.2015, 13:41 Uhr

Die Art, wie wir am Morgen aufstehen, bis hin zur Entsorgung von Flaschen nach dem immer gleichen Muster: Sich nach festen Regeln wiederholende Gewohnheiten nennen wir Rituale. Sind sie es wirklich?

Die Art, wie wir am Morgen aufstehen, bis hin zur Entsorgung von Flaschen nach dem immer gleichen Muster: Sich nach festen Regeln wiederholende Gewohnheiten nennen wir Rituale. Sind sie es wirklich?

Hintergrund zum Ritual

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Aufschluss darüber gibt das Herkunftswörterbuch. Ritual ist abgeleitet vom lateinischen Wort ritualis (den Ritus betreffend). Der Ritus wiederum ist ein feierliches religiöses Zeremoniell. Charakteristisch für Rituale sind folglich vorgegebene Wortfolgen, Gesten, Handlungen und dazu benutzte Gegenstände, die sich auf magisch-religiöse Vorstellungen beziehen. Dadurch unterscheidet sich das Ritual von der Gewohnheit. Und auch vom Brauch, der nichts anderes ist, als ein sinnentleertes Ritual.

St. Mauritius in Schötz. Heilung bei offenen Beinen und schlecht heilenden Wunden.

St. Mauritius in Schötz. Heilung bei offenen Beinen und schlecht heilenden Wunden.

Durch ihren Bezug auf höhere Mächte schliessen Rituale Aspekte mit ein, die sich der Kontrolle durch den Menschen entziehen. Dies gilt besonders für Heilrituale, die sehr einfach sein können. Beispiele dafür sind das meist von Bittgebeten begleitete Anzünden von Kerzen an Wallfahrtsorten, das Auftragen von heiligen Ölen auf den Körper oder Ritualgegenstände, die Darbringung von Opfern, der Besuch heiliger Orte, die Berührung mit Gegenständen, denen man übernatürliche Kräfte zumisst oder der Gebrauch von kleinen Besen zum magischen «Wegwischen» von Krankheiten.

Das Wegwisch-Ritual

In fast allen Heilritualen vermischen sich die verschiedenen Elemente – Wallfahrt, Opferung, Gebet und weitere rituelle Handlungen – zu einem neuen Ganzen. Um Belege dafür sind wir nicht verlegen. Über das Luzerner Hinterland hinaus bekannt ist die vom Volk Bläsi genannte Wallfahrtskapelle St. Blasius in Alberswil. Noch in den 1920er Jahren wallfahrtete man ins Bläsi, um von Halsweh befreit zu werden. Aber auch bei Mandelentzündungen, der gefürchteten Diphterie, Mumps oder bei Infektionen versprach man sich von einem Besuch dieses Gnadenortes Abhilfe. Vor dem Bild des Heiligen breitete man seine Anliegen aus und bat ihn um baldige Gesundung oder zumindest um eine Linderung des Leidens. Für die Kapelle ist auch das im Luzerner Hinterland besonders verbreitete Besenopfer belegt. Das Ritual verlangte, dass man kleine Besen aus Landschilf in die Kapelle brachte, damit den Boden wischte und sie danach im Gotteshaus zurückliess. Das rituelle Wischen hat mit der christlichen Lehre indes wenig gemeinsam. Es ist eine magisch-religiöse Handlung, die in der Fachsprache Analogiezauber genannt wird: So wie man die Unreinheiten mit dem Besen hinauswischt, so sollen auch die Unreinheiten, welche die Krankheiten verursachen, «weggewischt» werden. Zwei dieser Besen, die 1978 anlässlich der Restaurierung der Kapelle zum Vorschein kamen, befinden sich in der Sammlung der «Schenkung Dr. Josef Zihlmann». Sie sind in der Ausstellung «Mysterien des Heilens. Von Voodoo bis Weihwasser» zu sehen, die bis Ende September im Historischen Museum Luzern gezeigt wird.

Das rituelle «Wegwischen» von Krankheiten als magisch-religiöse Handlung ist keine Besonderheit des Luzerner Hinterlandes, sondern es ist in fast allen Kulturen verbreitet. Zu tun hat es mit der Vorstellung, wonach Krankheiten nicht einfach entstehen, sondern durch Dämonen und böse Geister verursacht werden. Diese Wesen aus dem Reich der Schatten versuchen von Menschen Besitz zu ergreifen, die nicht ausreichend magisch geschützt sind oder deren Seelen sich nicht im Gleichgewicht befinden. Besonders offensichtlich wird diese Vorstellung in den Heilritualen nepalesischer Schamanen. Dort sind die Ritualbesen stets zur Hand, um böse Geister wegzuwischen oder zu vertreiben, die während eines schamanischen Rituals auftreten können.

Krankheiten heissen nicht ohne Grund so

Nicht nur durch Ritualgegenstände lassen sich diese Vorstellungen nachweisen, sondern auch durch unsere Sprache: Der Mensch wird nämlich nicht einfach krank, sondern die Krankheit wirft ihn ins Bett. Er kämpft und ringt mit ihr. Zeigen die magisch-religiösen Rituale Wirkung, besiegt er die Krankheit und wird wieder gesund. Auch andere Redewendungen belegen die Existenz des alten Glaubens. Beispiele finden sich zuhauf: vom Schlag getroffen (schlagende Krankheitsdämonen), Hexenschuss (Hexen verursachen Krankheiten), Zahnteufel, Kröte im Hals (Kröten sind Hexentiere), Zipperlein (Fussgicht, von Zipper, Dämon in der Gestalt eines Kobolds).

Votivkröte aus Wachs. Dankeszeichen für die Heilung von Gebärmutterleiden.

Votivkröte aus Wachs. Dankeszeichen für die Heilung von Gebärmutterleiden.

Doch nicht nur das Wischen des Kapellenbodens im Sinne eines Analogiezaubers ist eine rituelle Handlung, sondern auch die Wallfahrt selbst. Man versteht darunter einen prozessualen, versprochenen Gang zu einer im Volksglauben als Wunder- oder Gnadenort bekannten Kultstätte. Bereits für die Fahrt zum heiligen Ort sind Verhaltensnormen vorgeschrieben, die den Bittsteller auf die Begegnung mit den höheren Mächten vorbereiten sollen: Um für die zu erwartende Gnade bereit zu sein, bricht man mit nüchternem Magen auf. Man geht zu Fuss und auf dem Weg zum Gnadenort betet man und singt fromme Lieder. Am Gnadenort selbst zünden die Bittsteller Opferkerzen an und rezitieren Gebete aus einem Pilgerbüchlein. Dabei ist es einerlei, ob man grosse Wallfahrtsorte wie Einsiedeln oder Werthenstein aufsucht oder kleine Landheiligtümer wie St. Blasius in Alberswil oder St. Mauritius in Schötz.

Wallfarten nach moderner Art

Manche dieser Riten mögen sich mittlerweile verflacht haben. Für die Fahrt zum Wallfahrtsort benutzt man heute das Auto und die Gebete muss man von einem Blatt ablesen. Trotzdem handelt es sich beim Gang zu einem Gnadenort noch immer um eine rituelle Reise. Die damit einhergehenden, nach bestimmten Vorschriften ablaufenden rituellen Handlungen haben denn auch nach wie vor den Zweck, die an den Gnadenorten wirkenden höheren Mächte günstig zu stimmen und dadurch Heilung oder zumindest eine Linderung des Leidens zu erwirken.

 

Die Ausstellung zum Thema: Mysterien des Heilens. Von Voodoo bis Weihwasser. Historisches Museum Luzern, 25. September 2015 – 28. März 2016.

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