Reise durch das Fegefeuer, die Hölle, das Paradies Heftige Szenen in Zuger «Comic» aus der Frühneuzeit

06.08.2021, 11:01 Uhr 7 min Lesezeit
Heftige Szenen in Zuger «Comic» aus der Frühneuzeit
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Die Bestrafung von überheblich oder anmassend stolzen Personen, wie sie sich Georg in seinen Visionen vorstellte. (Bild: Stadtarchiv Zug)

Die Pfarrbibliothek St. Michael Zug sieht nur selten Tageslicht, und das ist auch gut so. Die teilweise aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammenden Handschriften und Drucke brauchen besondere Sorgfalt. Eine Besonderheit sind die Visionen des Ritters Georg von Ungarn, sie sind so etwas wie ein Comicbuch der frühen Neuzeit. Darin beschrieben ist seine Reise durch das Fegefeuer, die Hölle und das Paradies. Wir zeigen 28 Darstellungen, die teilweise leer schlucken lassen.

Der Kodex 22 der Zuger Pfarrbibliothek ist eine wertvolle Besonderheit in der Sammlung: Er ist, abgesehen von wenigen Einzelbildern oder Schmuckinitialen, das einzige Werk in der Bibliothek, welches mit Abbildungen ausgestattet ist. Aber auch inhaltlich ist das handgeschriebene Buch ein Sonderfall: Es enthält die «Visionen des Ritters Georg», eine Erzählung über die Reise Georgs von Ungarn durch das Fegefeuer, die Hölle und das Paradies. Eine Handschrift, die wohl eher zur frommen Unterhaltungsliteratur – sozusagen ein Comicbuch der frühen Neuzeit – als zur klassisch theologischen Bildungsliteratur gezählt werden kann.

Georg von Ungarn wandert durch die Unterwelt: Reise-, Pilger- und Visionsliteratur

«Kodex» bedeutet übrigens, dass es sich bei den «Visionen des Ritters Georg» um ein handgeschriebenes Buch handelt, obwohl der Buchdruck 1580, zur Zeit ihrer Niederschrift, schon erfunden war. In diesem Fall entschied man sich aber für den «altmodischen» Weg der Herstellung.

Für die rund 30 Abbildungen liess der unbekannte Schreiber auf den Textseiten jeweils Platz und notierte zu jeder Leerstelle eine Inhaltsangabe für den ebenfalls nicht bekannten Zeichner. Der Illustrator zeichnete dann mit einem Metallstift den Entwurf und zog diesen mit Tinte nach. Anschliessend wurden die Bilder mit Aquarellfarben koloriert und jede Abbildung mit einem gelben Rahmen versehen, der an einen goldenen Bilderrahmen erinnert.

Die «Visionen des Ritters Georg» zählen zur Gattung der Visionsliteratur und der Reise- bzw. der Pilgerliteratur. Sie beschreiben die Wallfahrt des Georg von Ungarn zum sogenannten Fegefeuer des Patrick in Irland. Bei der irischen Wallfahrtsstätte und Insel Lough Derg («Roter See») durchlebte Georg, wie es die Erzählung festhält, Visionen vom Jenseits. Dieser Inhalt macht das Werk auch zu einem Vertreter der Visionsliteratur, die zur Verankerung von Jenseitsvorstellungen der damaligen Menschen beitrug. Eines der bekannteren Beispiele dieser Art von Literatur ist Dantes zwischen 1307 und 1321 verfasste «Göttliche Komödie».

Ein Ritter und Heiliger? Georg – die Geschichte einer mythischen Figur

Ritter Georg, Sohn eines ungarischen Barons namens Crisaphan, ist historisch nicht fassbar. Einige andere der in der Erzählung erwähnten Persönlichkeiten existierten dagegen schon (Mitte 14. Jahrhundert), so etwa der damalige Erzbischof von Armagh. Was wird aber im «Comic» überhaupt erzählt?

Beispiel einer Seite mit Text und Bild.

Georg diente in Apulien in Italien als Landeshauptmann. Das Regiment, das er führte, hatte zahlreiche Verbrechen begangen. Von Reue ergriffen, reiste Georg an den päpstlichen Hof in Avignon. Obwohl er die päpstliche Absolution für seine Taten erhielt, liessen ihm seine Verfehlungen keine Ruhe. So machte er sich auf den Weg vom französischen Avignon zum spanischen Santiago de Compostela, wo er einige Monate in der Einsiedelei lebte. Schliesslich pilgerte Georg zur irischen Wallfahrtsstätte am Lough Derg, zum sogenannten Fegefeuer des Hl. Patrick.

Dort erhielt er die Erlaubnis, ins «Purgatorium Patricii» einzutreten, musste vor seiner Reise ins Jenseits aber 15 Tage fasten und 5 Tage beten. Die Wallfahrtskapelle, die in die Unterwelt führte, befand sich auf einer kleinen Insel. Georg durfte als Pilger mit nichts Anderem als mit drei Tuniken bekleidet und einem Kreuz am Handgelenk seine Reise durch eine Falltüre in der Kapelle antreten.   

Nachdem Georg die Wendeltreppe hinuntergestiegen war, befand er sich auf einer leeren Ebene mit einem einzigen Weg zu einer weissen Kapelle. Dort erschienen ihm drei identisch aussehende, bärtige Greise. Sie teilten ihm Folgendes mit: Es stünden ihm Erscheinungen und Vorspiegelungen des Teufels bevor, und es würde ihm der Einblick ins Fegefeuer, in die Hölle und in das Paradies gewährt. Die Greise lehrten Georg darauf ein Gebet, mit dem er die Angriffe des Bösen abwehren konnte.

Von Gebeten und bärtigen Greisen

Ritter Georg hatte auf seinem Weg zahlreiche Begegnungen, so zum Beispiel mit feuerspeienden Bestien, verführerischen Jungfrauen, reichen Kaufleuten und toten Familienmitgliedern. Diese und alle anderen Kreaturen sollten Georg von seinem Glauben abbringen. Doch das ihm von den Greisen anvertraute Gebet erwies sich als lebensrettendes Mittel. Georg liess sich beirren, auch wenn er sogar Zeuge von Torturen wurde, die gepeinigte Seelen durchzustehen hatten. Er hielt erst an, als ihn sein Weg zu einer schmalen Brücke führte. Hier stiess ein gekrönter Engel, Erzengel Michael, zu ihm und erklärte, dass die bisher präsentierten Folterungen des Fegefeuers nichts im Vergleich zu den anderen Orten der Qual seien, die ihm noch bevorstünden.

In den weiteren Szenen des Fegefeuers entdeckte Georg auch seine Mutter. Der Engel führte Georg an der Hand über die schmale Brücke, unter der die Hölle zu erkennen war. Die Qualen darin waren noch viel schlimmer als diejenigen des Fegefeuers.

Nach einer kurzen Rast auf einer Blumenwiese mit Baumgarten gelangten die beiden Reisenden zu einer Stadtmauer mit einem hell leuchtenden riesigen Tor. Da Georg als Lebender das eigentliche Paradies nicht wahrnehmen konnte, erklärte ihm Michael, dass es sich dabei um ein Abbild des himmlischen Paradieses handle. Ihm werde nur ein irdisches Paradies gezeigt. Innerhalb der Stadtmauern hob ihn Michael auf einen Altar in der Stadtmitte. Von da aus konnte Georg Engel und heilige Prozessionen um den Altar beobachten. Schliesslich drängte Michael Georg, in die Welt der Lebenden zurückzukehren, da das irdische Paradies nur eine zeitlich begrenzte Erscheinung war, die speziell für Georgs Besuch geschaffen worden sei.

Georg willigte ein, wenn ihm Michael vier Wünsche erfüllt: Erstens wolle er nicht selbst in die Hölle kommen, zweitens wolle er wissen, wie lange er noch zu leben habe, drittens wolle er wissen, wie er seiner Mutter aus den Qualen des Fegefeuers helfen könnte und viertens wolle er den Erzengel zur Fürbitte zugunsten seiner Mutter bewegen. Michael versprach Georg die Erfüllung dieser Wünsche mit Ausnahme des dritten. Denn die Leidenszeit seiner Mutter vermöge er durch Messen, Gebete und barmherzige Taten selbst zu verkürzen. Der Erzengel übergab Georg sodann noch mehrere Botschaften an verschiedene wichtige Persönlichkeiten der damaligen Zeit. So wurde Georg in die Oberwelt entlassen, wo er als geläuterter Pilger vom Prior, König Mathan, und einer Volksmenge empfangen wurde. Ein Happy End der besonderen Art.

Zu den Illustrationen

Nach diesen Ausführungen über die dramatische Reise lohnt sich natürlich ein Blick auf die Illustrationen, den «Comic» des Werkes. Versuch doch einfach selbst zu erraten, wo genau sich Georg in der Geschichte befindet, bevor du die erklärende Bildunterschrift liest.

1. Der Abstieg ins Purgatorium in Irland.
2. Georg vor der weissen Kapelle mit den drei weisen Greisen.
3. Die Teufel in Gestalt von Tieren versuchen Georg vom Glauben abzubringen.
4. Die Teufel begegnen Georg als Ritter.
5. Die Teufel als schöne Frauen.
6. Die Teufel begegnen Georg in Gestalt reicher Kaufleute. Georg hat die Hand zum Gebet erhoben.
7. Als Nächstes sieht Georg die im Fegefeuer bestraften Seelen. Auch die dargestellten Höllentiere sehen nicht glücklich aus.
8. Die Teufel verkleiden sich als Mönche, die Füsse sehen aber verdächtig teuflisch aus.
9. Die Teufel als Chorherrenprozession. Der Anführer der Prozession hat einen seltsamen Vogelfuss.
10. Der Vater und die Brüder Georgs erscheinen ihm, aber es handelt sich wiederum in Wirklichkeit um Teufel. Auch hier sind die Füsse nicht ganz menschlich.
11. Auch die teufelsfüssige Bekannte vermag Georg nicht zu verführen.
12. Als nächste Station auf seinem Weg sieht Georg ein Feuerrad in einem See aus Feuer. Woher wohl der Illustrator die Gestalt einer Elefantenkreatur hernahm?
13. Hier soll es sich nicht um eine Höhle mit Drachenschwanz, sondern um einen teuflischen «Pfuhl» handeln. Ein «Pfuhl» ist ein kleiner Teich bzw. eine Ansammlung von schmutzigem, fauligem Wasser oder Jauche.
14. Diese Abbildung soll einen Berg zeigen, den Georg auf seinem Weg erreicht und erklimmt.
15. Georg erreicht die Höllenbrücke, wo ihn Erzengel Michael empfängt.
16. Der Erzengel Michael begleitet Georg von nun an auf dessen Reise. Im Hintergrund sind gequälte Seelen zu erkennen.
17. Michael und Georg sehen Sünder, die im Fegefeuer bestraft werden, indem sie an denjenigen Körperstellen aufgehängt werden, mit denen sie gesündigt hatten.
18. Auch «Hoffärtige» werden im Fegefeuer bestraft. «Hoffärtig» bedeutet in etwa: dünkelhaft, verletzend, überheblich oder anmassend stolz. Woran kann man diese Eigenschaften im Bild erkennen?
19. Hier werden die Geizigen bestraft!
20. Die Bestrafung der Unkeuschen sieht derjenigen der Geizigen doch sehr ähnlich.
21. Zur Strafe haben die Zornigen brühend heisse Suppe zu essen.
22. Die zwei Teufel in diesem Bild bestrafen die Gefrässigen.
23. Georg und Michael überqueren zusammen die Höllenbrücke.
24. Hand in Hand schreiten Georg und der Erzengel Michael über die Paradieswiese.
25. Die Reisenden erreichen den paradiesischen Baumgarten, in dem Georg sich ausruhen kann.
26. Georg und Michael befinden sich vor dem irdischen Himmelstor, das zu einer nur für Georg geschaffenen Abbildung des tatsächlichen Paradieses führt.
27. Die Botschaften an die weltlichen Führer werden Georg übergeben.
28. Auf der letzten Abbildung der Geschichte im Kodex ist nicht Georg tanzend auf einem Tisch dargestellt, sondern seine Ankunft in der Kapelle, um wieder in die Welt aufzusteigen.

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