Untergrundgang: 25 Jahre Fokus auf die kleinen Leute Grabe, wo du stehst – die Rückseite des Kalenderbilder-Luzerns

29.10.2020, 10:55 Uhr 6 min Lesezeit
Die einstige Rollbarriere. Wo heute die Eisenbahnbrücke durch die Baselstrasse geht. (Bild: Stadtarchiv Luzern)
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Die einstige Rollbarriere. Wo heute die Eisenbahnbrücke durch die Baselstrasse geht. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Ein Vierteljahrhundert lang gibt es sie inzwischen, die sogenannten Untergrundgänge, sozialgeschichtliche Führungen durch das Luzerner Untergrundquartier. Was 1995 mit einem ersten Rundgang begann, wird nach sieben verschiedenen Programmen, etlichen Publikationen und weiteren Kooperationsprojekten selber zum Stoff für einen «Damals-Blog» – verfasst von Untergrundgänger Urs Häner.

«Das andere Luzern» nannte sich vor 25 Jahren programmatisch der erste Untergrundgang: Nicht das etablierte, touristisch verwertete Luzern sollte im Mittelpunkt stehen, sondern das Alltagsleben einfacher Menschen jenseits des Kasernenplatzes. Nicht das Kalenderbilder-Luzern wollten wir den Leuten zeigen, sondern die Rückseite solcher Bilder.

Als Titelbild wählten wir ein Bild, das bis heute eine informelle Grenze im Stadtraum markiert: Wo jetzt eine Eisenbahnbrücke über die Baselstrasse führt, musste bis zum Bau des zweiten Bahnhofs in Luzern (1896 eröffnet), eine Rollbarriere Strassen- und Schienenverkehr voreinander fernhalten.

Untergrundquartier mitten in Luzern

Immer wieder stellen wir auf unseren Rundgängen fest, dass zahlreiche Luzernerinnen und Luzerner erst mit uns zu Fuss ins Gebiet jenseits des Kasernenplatzes und jenseits der Bahnbrücke auf Entdeckungstour gehen. Noch immer wird diese Gegend der Stadt als randständig empfunden, obwohl sich doch seit 1995 die Eckwerte des politischen Gemeinwesens Luzern gründlich verändert haben: Am Ende der Baselstrasse wartet nicht mehr wie früher die Stadtgrenze, das Untergrundquartier liegt seit zehn Jahren in der geografischen Mitte von Luzern, nur scheint das noch fast niemand wirklich realisiert zu haben.

Uns war und ist es wichtig, das Augenmerk auf die Geschichten der kleinen Leute zu richten: Wie wohnten sie, welchen Arbeiten gingen sie nach? Von Anfang an stand auch die Frage im Mittelpunkt, wo die Menschen herkamen, die im Untergrundquartier lebten und leben. Denn die frühere Vorstadt und der sich daraus entwickelnde Untergrund waren schon immer die Zone der Zugezogenen.

Kleine Geschichten, grosse Wirkung

Exemplarisch sei aus dem Stoff des ersten Rundgangs die Geschichte von Franz Brun, einem Tagelöhner aus Entlebuch, herausgegriffen: Er hatte 1856 das uneheliche Kind der Maria Schaller aus Ufhusen bei sich aufgenommen. Ob er der Vater war, konnten wir nicht eruieren, jedenfalls wies ihn die Polizei an, das Kind umgehend aus Luzern zu «entfernen».

An einer solchen kleinen Geschichte lassen sich viele grosse Linien ablesen, in ihr spiegeln sich beispielsweise der fragile Status der Saisonniers (in den 1990ern hatten wir mit unserem gewerkschaftlichen Hintergrund noch die verlorenen Kämpfe zur Abschaffung des Saisonnierstatuts in den Knochen) oder ganz aktuell die vielen Unsicherheiten von Sans-Papiers.

Weitere Untergrundgänge

Weil der erste Rundgang auf gute Resonanz stiess, machten wir weiter, zumal der Stoff reichlich brachlag und wir weitere Schätze heben konnten. So fand sich im Staatsarchiv beispielsweise die Dokumentation eines Quartierpolizisten, der um 1900 die Aktivitäten der italienischen Anarchisten in den Quartierbeizen eifrig notierte.

Mit dem Titel «Zwischenzeiten und Gegengedächtnisse» sollte nochmals angeschärft werden, was uns wichtig ist in der Geschichtsschreibung: Nicht die grossen Jubiläen und die Prominenten weckten unser Interesse, sondern die Namenlosen in manchen Nischen der Aufmerksamkeit. Und weil wir feststellten, dass wir praktisch bei jedem Thema auf Fragen von Migration und Integration stiessen, machten wir diese explizit zum Kern unseres dritten UntergRundgangs: «Fremd sein – heimisch werden».

Vom «Problem-» zum Vorzeigeschulhaus

Es ist im Rückblick höchst spannend zu sehen, wie sich Geschichten anreichern, wandeln, wie bisweilen sogar Korrekturen nötig sind, weil neues Wissen dazukommt. Und wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass aus dem damaligen «Problem-Schulhaus» St. Karl (wobei diese Titulierung aus dem «Blick» selber schon fragen lässt, wer mit welchem Interesse was sagt) ein Vorzeigeschulhaus für interkulturelles Lernen wird?

Und wer hätte damals bei der Geschichte über das «Hochstrasser-Negerli», die wir beim früheren Lagerhaus an der Baselstrasse 3 erzählen, daran denken mögen, dass solche rassistische Codes auch in der nächsten Generation munter weiterwirken? Nachdem diese Geschichte einige Jahre einfach mitlief im Programm, hat sie in diesem Sommer wieder eine erschreckende Aktualität bekommen.

Quartiergeschichten im Trend

Der Hunger nach Quartiergeschichten war weiterhin nicht gestillt. Nun kam für die grösser werdende Equipe (anfänglich waren wir drei, aktuell zählen sich 7 bis 9 Guides dazu) eine Phase, in der die Albert Koechlin Stiftung mit ihren grossen Kulturprojekten den Takt der Stichworte für sozialgeschichtliche Recherchen vorgab: Wir konnten im Rahmen der «Goldenen Zwanzigerjahre» (2005), von «Transit» (2009), «sagenhaft» (2013) und «Die andere Zeit» im letzten Jahr vier weitere und thematisch aufgefächerte Untergrundgänge realisieren.

Da gab es dann auch Abstecher ins Bruchquartier und an die Bernstrasse, und im neuesten Rundgangsprojekt zog es uns nordwärts via Reussinsel in die Fluhmühle und auf den Stollberg. Übrigens kamen nicht nur geografische, sondern auch thematische Erweiterungen dazu. So entstanden etliche Kooperationsprojekte, so beispielsweise zum 125-Jahr-Jubiläum der Katholischen Kirchgemeinde (1999) oder zu «100 Jahre Internationales Kriegs- und Friedensmuseum» (2002), das bei vielen Luzernern so sträflich in Vergessenheit geraten ist.

Graben nach Geschichten

Das Motto für unsere Untergrundgänge lautet weiterhin «Grabe, wo du stehst». Es orientiert sich am Buchtitel des schwedischen Autors Sven Lindqvist, der in den 1970ern mit einem «Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte» eine grosse Breitenwirkung erzielte und vielen sogenannten Geschichtswerkstätten Pate stand. Eine wunderschöne Illustration solchen Grabens im Untergrundquartier ist folgende Fotografie (um 1900):

Bauarbeiter bearbeiten den Untergrund in der Baselstrasse. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Es ist selbstredend, dass diese Männer kaum nach alten Geschichten graben, sondern vor der Baselstrasse 14 neue Leitungen im Boden versenken. Aber sind es vielleicht jene Leitungen, die genau jetzt ihr Lebensalter erreicht haben und deshalb dringend ersetzt werden müssen? Wir hoffen jedenfalls, dass die bevorstehende Grossbaustelle zur Sanierung der Baselstrasse uns nicht allzu sehr einschränkt auf den Führungen durch das Quartier.

Lesehilfe im öffentlichen Raum

Vor 25 Jahren formulierten wir unsere Absicht, das vorhandene Wissen zum Untergrundquartier «aus den Bibliotheken auf die Strasse zu bringen». Das gilt natürlich weiterhin, aber dank der zahlreichen Erkundungstouren durch den abgesteckten Sozialraum haben wir auch gelernt, aufmerksam zu sein für unscheinbare Veränderungen und kleine Signale der Geschichtsschreibung.

So wie Strassennamen ganze Geschichten erzählen können (Hirschengraben, Meyerstrasse, Grenzweg), so kann auch eine alte Mauerinschrift, eine Auffälligkeit bei einem Gebäude, z. B. die weisse Fläche an der Hausfassade beim Kreuzstutz, Anlass sein, den umgekehrten Weg von der Strasse in die Bibliotheken und Archive zu gehen!

Jedenfalls wollen wir die Interessierten auf den Rundgängen ermuntern, mit offenen Augen durch den öffentlichen Raum zu spazieren und die verschiedenen Zeichen zu lesen, die er darbietet. Zum Abschluss daher ein kleines Fotorätsel: Welche Situation fängt folgender Schnappschuss beim Kreuzstutz ein?

Ein Bodenrätsel beim Kreuzstutz? (Bild: Urs Häner)

Der Farbwechsel im Boden symbolisiert das Ende der öffentlichen Telefonzellen in Luzern! Übrigens markiert das Bild noch einen zweiten Epochenbruch: Dort, wo jetzt Gras wächst, stand bis in die 1960er-Jahre das «Gasthaus zum Kreuzstutz», eine legendäre Arbeiterbeiz. Aber das sind Geschichten für einen weiteren Blog-Beitrag …

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