Genossenschaften und Bocciabahn unerwünscht!

14.08.2015, 13:16 Uhr 4 min Lesezeit
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Wenn die beiden Begriffe Bernstrasse und abl fallen, denken viele an die jüngsten Querelen zwischen abl und dem Immobilienhai Jost Schumacher. Denn dem Juristen von stadtpatrizischem Geblüt wollte es als einem der grössten Immobilienbesitzer nicht schmecken, dass das Volk mit der Initiative «Für zahlbaren Wohnraum» die gemeinnützigen Wohngenossenschaften in eine Poleposition brachte, städtischen Grund im Baurecht günstig zu erwerben. Pikant für den Rechtsanwalt: Seine Klage wurde wegen nicht fristgerechten Einreichens gegenstandslos.

Wenn die beiden Begriffe Bernstrasse und abl fallen, denken viele an die jüngsten Querelen zwischen abl und dem Immobilienhai Jost Schumacher. Denn dem Juristen von stadtpatrizischem Geblüt wollte es als einem der grössten Immobilienbesitzer nicht schmecken, dass das Volk mit der Initiative «Für zahlbaren Wohnraum» die gemeinnützigen Wohngenossenschaften in eine Poleposition brachte, städtischen Grund im Baurecht günstig zu erwerben. Pikant für den Rechtsanwalt: Seine Klage wurde wegen nicht fristgerechten Einreichens gegenstandslos.

Genossenschaftliches Wohnungswesen hat sozialen Mehrwert

Für mich ist klar: Genossenschaftlich organisiertes Wohnungswesen hat einen sozialen Mehrwert. Das hat auch der Alt-Stadtrat und heutige abl-Präsident Ruedi Meier deutlich gegenüber der NLZ herausgestrichen: «Hier wird versucht, die auf privaten Mehrwert ausgerichteten privaten Interessen gegen die Gemeinnützigkeit der Wohnbaugenossenschaften auszuspielen. Man muss einfach sehen: Mit dem Baurecht gehört das Land weiterhin der Stadt. Und diese profitiert alljährlich von einem Baurechtszins. Das ist sehr nachhaltig.»

Was vielen unbekannt sein dürfte: Die abl hat an der Bernstrasse eine lange Geschichte, die bereits vor 90 Jahren Hausbesitzer auf die Barrikaden trieb. Denn schon 1927 baute die Genossenschaft dort Häuser.

Die Geschichte der abl

Zur Vorgeschichte: Als die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg grassierte, mobilisierte die Sozialdemokratie mit einer städtischen Volksinitiative. Ein kommunales Wohnungsprogramm sollte erschwingliches Wohnen möglich machen. Die liberal dominierte Stadtregierung wetterte gegen die «sozialistische» Initiative. Aus Angst, dass die Forderung aber bei Mietern und der Arbeiterschaft auf gute Resonanz stossen könnte, erarbeitete der Grosse Stadtrat einen Gegenvorschlag: Kein städtischer Wohnungsbau, dafür aber mehr städtisches Engagement für den genossenschaftlichen Wohnungsbau. Dank öffentlicher Gelder startete so die als Selbsthilfeorganisation gegründete abl 1924 durch. Hinter den Initianten standen die gewerkschaftlich gut organisierten Eisenbahner und der Luzerner Mieterverband. Bereits im September 1925 konnten am Neuweg die ersten Wohnungen bezogen werden. Weitere Wohnhäuser folgten in den Gevierten Bundes-, Bleicher- und Himmelrichstrasse.

Das ästhetische Gefühl der Bernstrasse

1927 streckte die abl dann ihre Fühler in das traditionelle Arbeiterinnen- und Arbeiterquartier Luzerns, den Untergrund, aus. An der Sagenmattstrasse sollten vier fünfgeschossige Wohnblocks entstehen, mit zusammen 76 Wohnungen und integrierten Verkaufslokalen im Erdgeschoss. Das Baugesuch der abl sorgte für Wirbel im Quartier. Der Quartierverein Bernstrasse reklamierte bei der Stadt, dass die Häuser zu hoch seien. Und die Fassaden sollten gegen die Bernstrasse so gestaltet werden, «dass sie das ästhetische Gefühl nicht verletzen». Vor allem störte man sich an den Küchenbalkonen, die auf die Bernstrasse hinausgingen. Der Grund: Solche Küchenbalkone würden «bekanntlich für Wäschehängen benützt».

Muster-Küche der damaligen abl-Genossenschaft.
Muster-Küche der damaligen abl-Genossenschaft.

Die im Quartierverein zusammengeschlossenen Gewerbetreibenden und Hausbesitzer opponierten aus ganz handfesten Eigeninteressen gegen das Projekt. Denn sie witterten beispielsweise in der im Erdgeschoss des einen Hauses vorgesehenen Metzgerei eine Konkurrenz. So heisst in einer Eingabe an die Stadt: «Die steuerzahlenden Gewerbetreibenden verstehen es nicht, wenn in einem mit öffentlichen Mitteln erstellten Haus ein Gewerbe- oder Verkaufslokal eingerichtet würde.»

Keine Lärm verursachenden Spiele auf den freien Plätzen

Auch die Aussicht, dass bald italienische Familien in die Siedlung einziehen könnten, scheint für Ängste im Quartier gesorgt zu haben. Deshalb solle die Stadt den «Betrieb sogenannter Italiener Cucine oder ähnlicher Kleinwirtschaftsbetriebe» verbieten und ein Auge darauf halten, dass «auf den freien Plätzen keine Boccia- oder ähnliche, Lärm verursachende Spiele betrieben werden dürfen».

Muster-Schlafzimmer der abl-Genossenschaft  in den 1920er Jahren.
Muster-Schlafzimmer der abl-Genossenschaft in den 1920er Jahren.

Der Stadtrat schloss sich diesen Forderungen an. Im Erdgeschoss durften kein Metzgereilokal und keine Cucina einziehen. Die abl musste ausserdem in den Mietverträgen das Aufhängen von Wäsche auf den Küchenbalkonen Richtung Bernstrasse verbieten und in der Umgebung der Bauten Ordnung und Reinlichkeit überwachen. Auch wurde das Projekt stark redimensioniert.

Viel mehr Harmonie

Heute ist das Klima zwischen abl und Stadt Luzern harmonischer. Wenigstens bekundete der Stadtpräsident Stefan Roth bei der letzten abl-Generalversammlung die juristische Zwängerei von Schumacher als «mühsam» und lobte die Genossenschafter: «Die Stadt braucht die abl, denn sie hat die notwendige Dynamik.»

PS: Der heutige abl-Präsident Ruedi Meier hat als Mitinitiant der Broschüre «Heraus aus Dreck, Lärm und Gestank … Bilder aus dem Luzerner Untergrund» den Impuls gegeben, den UntergRundgang zu gründen. Im September sind es dann 20 Jahre, dass wir Quartiergeschichten recherchieren und auf die Strasse bringen. Die Infos zu diesem Blog sind dem Beitrag von Mischa Gallati aus der Broschüre «Blattgold und Blechnapf» (2005) entnommen.

Autor: Delf Bucher

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