Zwinglis Waffen im Luzerner Zeughaus
Eine Reliquie mit zweifelhafter Herkunft

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Zwingli Kappel 1531, Karl Jauslin. (zvg. Delf Bucher)

Reliquien hat die Reformation aus den Zürcher Kirchen verbannt. 1848 aber brachte man unter Kanonenschüssen Zwinglis Waffen aus dem Luzerner Zeughaus nach Zürich zurück – eine «Liebesgabe» der Luzerner Liberalen nach dem verlorenen Sonderbundskrieg.

Grenadiere schiessen in die Luft. Kanonen donnern. Das Volk jubelt. Der Bürgermeister setzt eine bewegte Miene auf. Szenen vor dem Zürcher Rathaus im Jahr 1848, als Zwinglis Waffen nach dem Sonderbundkrieg von Luzern nach Zürich überstellt wurden. 1531 ist der Reformator auf dem Schlachtfeld gefallen. Und mehr als dreihundert Jahre waren die Waffen als Siegestrophäe im Zeughaus (heutiges historisches Museum) deponiert. Sie galten als ein Beweis, dass Gott die Sachen der katholischen Kirche schützt. Die hübsche Geschichte wird aktuell in einem Zeichentrickfilm im Landesmuseum in der neuen Museumsschau «Gott und die Bilder» nacherzählt.

Als Luzern die Waffen zurückgeben musste

Ein schönes Comic. Natürlich war die historische Wirklichkeit anno 1848 etwas komplexer. Denn das liberale Zürich war wohl elektrisiert, die Zwingli-Waffen zurückzuerhalten. Aber man wollte die dank dem Sonderbundkrieg zur Macht gelangten Liberalen in Luzern nicht brüskieren.

Und so wurde der Staatsakt der Waffenrückgabe von salbungsvollen Worten für die Luzerner begleitet: «Unsere katholischen Miteidgenossen in Luzern dürfen versichert sein, dass wenn der Tag der Rückkehr von Zwinglis Waffen aus ihren Händen in die unsrigen von uns freudig gefeiert wird, sich in unserer Freude keine Gefühle mengen, deren Ausdruck für sie als Glieder der katholischen Kirche verletzend wäre», fabulierte der Bürgermeister Ulrich Zehnder.

Standort-Streit der Kantone

Die Waffen waren lange eine Prunkstück unter den «vaterländischen Alterthümer» im Landesmuseum, das Zürich 1891 nach heftigen Auseinandersetzungen im Wettstreit um den Standort gegenüber Luzern, Basel und Bern zugesprochen bekam. Heute räumt die Kuratorin der Ausstellung im Landesmuseum, Erika Hebeisen, freimütig ein: Bei Helm, Hellebarde und einem primitiven Feuerrohrwehr sei sie sicher, dass sie nicht zu Zwinglis Bewaffnung gehörten. Nur das Schwert hat noch eine gewisse Plausibilität. Aber auch hier reisst die Indizienkette an mancher Stelle ab.

Spannend dabei: Reformierte Besucher bezweifelten bei ihren Besuchen in Luzern oft, dass die Waffen nicht zu Zwingli gehörten. Erst als sie wieder in Zürichs Besitz gelangten, war ihre Authentizität unbestritten.

Im Zweifel um die Herkunft

Polemisch frech machte sich beispielsweise ein sächsischer Lutheraner beim Anblick der schön inszenierten Waffenschau im Luzerner Zeughaus lustig. Der Sachse spottete über den Helm des Reformators und fragt sich, ob die «blecherne Mütze» nicht mehr einem «Donquichotischen Barbierbecken» gleiche.

Seine luziden Beobachtungen brachte auch der 16-jährige Hans Heinrich Füssli zu Papier: «Ob aber diese Antiquität (Zwinglis Waffenrüstung) nicht unterschoben worden sei, daran zweifelten wir; sein Name, der auf den Helm einge­graben, ist von neueren Händen. Wir machten mit unsern Führern die Anmerkung, daß man dergleichen traurige Denkmale der Feindschaft und Uneinigkeit der Eidgenossen unter sich selbsten entweder einander ausliefern oder doch an einem geheimen Ort sorgfältig verwahren sollte.»

Zwinglis Blick in Richtung Innerschweiz

1848 fand dann der Waffen-Reimport statt. Aber nicht wie es Füssli, später ein in London gefeierter Maler, dachte: Als ein Mahnmal gegen den blutigen Zwist innerhalb der Eidgenossenschaft. Vielmehr wurde das bewehrte Schwert kulturkämpferisch aufgeladen und Zwingli dann auch monumental in seinem 1885 erstellten Denkmal in die Hand gedrückt. Wehrhaft, mit strengem Blick schaut er über den Zürisee Richtung Innerschweiz, als wollte er die Heerscharen von katholischen Einwanderern bannen.

Aber die «industrielle Reservearmee» aus den katholischen Stammlanden rückte unaufhaltsam ins reformierte Zürich ein. Innert 30 Jahren (1880-1910) stieg der Anteil der Katholiken in der Stadt Zürich von 19 auf 31 Prozent. So lebten bereits 1910 mehr Katholiken in Zürich als in Luzern. Heute bilden sie die Mehrheit in der Wirtschaftsmetropole an der Limmat.

Luzerner Stadtführungen zur Reformation

Anlässlich des Jubiläums «500 Jahre Reformation» bietet das Luzerner Untergrundgang-Team zusammen mit Kirchenhistoriker Markus Ries, Pfarrer Beat Hänni und Historiker Hans Jurt  einen zweistündigen Rundgang an. Hier wird erklärt, wie Politiker und Söldnerführer die reformatorischen Aufbrüche rund um den Luzerner Reformator Oswald Myconius ausbremsten und wie das zwinglianische Bilderverbot zu einer Bilderflut in der Leuchtenstadt führte. Nächste öffentliche Führung ist am Samstag, 21. April 2018, um 14.30 Uhr, Startpunkt: Matthäuskirche (Hertensteinstrasse 30, Luzern). Teilnahme ohne Anmeldung möglich!

Mehr Informationen bei Urs Häner, 041 240 94 29, [email protected]

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