«Eine gute Mutter hat mehr Macht als eine  Stimmrechtlerin»
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Plakat «Schweiz: Schwarzer Fleck in Europa», 1948/50 Gestaltung: anonym. (Bild: Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK, 35-0242)

Luzernerinnen im Kampf gegen das Frauenstimmrecht «Eine gute Mutter hat mehr Macht als eine Stimmrechtlerin»

5 min Lesezeit 27.11.2020, 10:57 Uhr

Zwei der prominentesten Gegnerinnen des Frauenstimmrechts kamen aus Luzern. Josefine Steffen-Zehnders und Ida Monn-Kriegers engagierter Kampf ab den 1950ern zeigt, dass auch Frauen zu den erbitterten Verfechtern der traditionellen Geschlechterordnung gehörten.

Die Mehrheit der Schweizer Männer hatte lange Zeit wenig Lust auf politische Mitsprache der Frauen. So scheiterte die erste nationale Abstimmung über das Frauenstimmrecht 1959 deutlich: mit 66,9 Prozent Nein-Stimmen. Stimmung dagegen machten im Abstimmungskampf zuvor aber nicht nur die tonangebenden Männer, sondern auch einige weibliche Gegnerinnen (zentralplus berichtete). Wie kann ein Mensch dagegen sein, mehr Rechte und Mitsprache in der Gesellschaft zu erlangen?

Josefine Steffen-Zehnder: gleiche Rechte, lästige Pflichten

Dr. Josefine Steffen-Zehnder (1902–1964) war im Jahr der ersten nationalen Abstimmung 57 Jahre alt, besass einen Doktor in Geschichte, leitete ein Studentenheim an der Frankenstrasse in Luzern und war Mutter von drei Kindern. Und sie äusserte ihre «Bedenken einer Frau gegen die Einführung des Frauenstimmrechts» sehr deutlich; in der gleichnamigen Kampfschrift und als eloquente Rednerin in der Öffentlichkeit.

Josefine Steffen-Zehnder um 1950 (Bild: Otto Pfeifer, Stadtarchiv Luzern, F2a/PORTRÄTS/EINZEL/1130)

«Was […] als Bewegung für die Freiheit der Frau angefangen hat, führte […] in stärkste Unfreiheit!», kritisiert Steffen-Zehnder in der Zeitschrift «Civitas» und meint damit die Entwicklungen in kommunistischen Staaten. Das Ziel der Gleichberechtigung von Mann und Frau habe dort zwar zu gleichen Rechten, aber auch zu den gleichen Zwängen geführt. Als Beispiel führt sie die Militärpflicht an.

Nein zur Vermännlichung der Frau

Diese Gleichmacherei der Geschlechter widersprach ihrer Vorstellung völlig: Frauen hätten physisch und psychisch eine andere «Eigenart» als Männer und die dürfe nicht ausradiert werden. Zur Unterstützung zitiert sie den CVP-Nationalrat Karl Wick, der ebenfalls die Andersartigkeit betont:

«Es ist ein Glück für unsere Demokratie, dass die eine Hälfte unseres Volkes ausserhalb des politischen Getriebes steht und allein durch ihre frauliche Existenz ein Element der Beruhigung in der Unruhe des politischen Kampfes darstellt.»

Das Argument, Frauen seien emotional, Männer hingegen rational denkend, wird von den Gegnern immer wieder angeführt. Steffen-Zehnder – und mit ihr der Bund der Luzernerinnen gegen das Frauenstimmrecht, den sie präsidiert – befürchtete eine Vermännlichung der Frau, wenn diese in das schmutzige Geschäft der Politik hineingezogen würde: Nicht der Mann werde sich der Frau anpassen, sondern die Frau müsste dann männliche Eigenschaften annehmen.

Inserat des Bundes der Luzernerinnen gegen das Frauenstimmrecht, 1960 (Bild: Gosteli-Stiftung, AGoF 648 Margrit Liniger-Imfeld)

Ida Monn-Krieger: Frauen ins Haus

Ähnliche Argumente vertrat auch Steffen-Zehnders Mitstreiterin, Ida Monn-Krieger aus St. Niklausen LU (1916–1970), Mutter von vier Kindern und verheiratet mit einem Bankier und Gymnasiallehrer.

Die beiden Frauen gehörten 1958 zu den Mitgründerinnen des Schweizerischen Frauenkomitees gegen die Einführung des Frauenstimmrechts. Monn-Krieger war später Präsidentin des Nachfolge-Bundes, kurz vor der zweiten nationalen Abstimmung 1971.

Ida Monn-Krieger als Kontrarednerin an einer Parteiversammlung der Freisinnig-Demokratischen Partei der Stadt Luzern, 1959. (Bild: Hans Blättler, Stadtarchiv Luzern, F2a/POLITIK/5.2:3)

Was die beiden Frauen verband, ist ihre Angst vor der Auflösung der klaren Rollenteilung zwischen Frau und Mann: Eine Frau gehörte ins Haus und hätte Mutter zu sein. An der Autorität des Vaters als Oberhaupt der Familie soll nicht gerüttelt werden, da sonst das System Familie auseinanderzubrechen drohe.

Plakat Teppichklopfer, 1946 (Bild: Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK, 10-0994)

Die Frau solle sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren können, nämlich ihre Pflichten im Haus. Steffen-Zehnder schreibt, das öffentliche, politische Leben werde überschätzt, auf der anderen Seite finde eine «Unterwertung des fraulichen Wesens und Arbeitsbereiches» statt. Eine durchaus zeitgemässe Kritik an der ungleichen Wertung von Arbeit also, die auch am Frauenstreik 2019 vorgebracht wurde – jedoch mit einer sehr anderen Intention.

Heute kritisieren Feministinnen die Unterbewertung von «Care-Arbeit», also bezahlter und unbezahlter Betreuungs- und Pflegearbeit, da diese oft von Frauen übernommene Tätigkeit wenig Lohn und kaum gesellschaftliche Anerkennung erhält. Die heutigen Frauenrechtlerinnen plädieren aber für das Aufbrechen der Geschlechtertrennung – während die damaligen Gegnerinnen diese noch zementieren wollten.

«Eine gute Mutter hat mehr Macht als eine eifrige Stimmrechtlerin»

Nebst ihrer Rolle als Hausfrau hat die Frau laut den Frauenstimmrechtsgegnerinnen vor allem eine Aufgabe zu erfüllen: Mutter zu sein.

Zeitungsinserat, Luzerner Landbote, 27. Januar 1959

Für Politik fänden die vielbeschäftigten Mütter gar keine Zeit. Und sie könnten ja indirekt – durch den Ehemann und die Söhne – Einfluss nehmen auf politische Entscheide. Was die Gegnerinnen dabei aber vergessen: Nicht alle Frauen sind Mütter. Alle unverheirateten und kinderlosen, verwitweten oder alleinerziehenden Frauen werden in dieser Definition der Frau ausgeschlossen und diskriminiert.

«Hopfen und Malz noch nicht verloren»

1958 verfasst Ida Monn-Krieger einen Brief an die Lehrerin ihrer Tochter, an Marta Dormann. Sie warnte darin eindringlich vor dem Frauenstimmrecht und versuchte, die junge Lehrerin von ihren Argumenten zu überzeugen. Denn bei Dormann sei «Hopfen und Malz noch nicht verloren», auch wenn diese keine politisch denkende Person sei. Marta Bauer-Dormann wurde später Luzerner Grossbürgerrätin und Grossrätin.

Brief von Ida Monn-Krieger an Marta Dormann, 1958. (Bild: Schenkung Marta Bauer-Dormann)

In Ida Monn-Kriegers Brief zeigt sich der Widerspruch vieler Gegnerinnen: Sie verschaffen sich wortgewandt eine Stimme und engagieren sich im Bereich der Politik, sprechen aber gleichzeitig anderen Frauen das Recht für eine offizielle Stimme ab.

1970 und 1971: «Ziit isch da»

Als einige Jahre später der Kanton Luzern (1970) und die Schweiz (1971) die Männer nochmals zur Urne rufen, um über das Frauenstimmrecht abzustimmen, ist das Resultat wieder deutlich: Dieses Mal wird das Frauenstimmrecht aber klar angenommen.

Ausstellung «Eine Stimme haben. 50 Jahre Frauenstimmrecht Luzern» (23.10.2020 bis 29.08.2021)

Das Historische Museum Luzern nimmt das geschichtsträchtige Ereignis zum Anlass für eine Jubiläumsausstellung und taucht ein in 100 Jahre Kampf für Gleichberechtigung.

Im benachbarten Natur-Museum läuft zeitgleich die Kabinettsausstellung «Weibchen, Männchen, was soll’s.»: Eine Ausstellung über die «Natur» von Frau und Mann und welche sozialen Rollen die Geschlechter aufgrund der biologischen Unterschiede zu erfüllen hätten.

Steffen-Zehnder und Monn-Krieger erleben die zweite nationale Abstimmung 1971 zwar nicht mehr, beide starben früh. Ihre Arbeit im Abstimmungskampf wurde aber von Nachfolgerinnen fortgesetzt – nicht mehr ganz so voller Enthusiasmus wie zuvor. Die Gegnerinnen sahen ihre baldige Niederlage vorher: Es war an der Zeit für einen Wandel.

Plakat «Ziit isch da», 1970, Werbeagentur BSR, Hans und Urs Hilfiker, Luzern, 1970. (Bild: Staatsarchiv Luzern, StALU PLB 13/13)

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