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«Ein Hauch von Weltgeschichte weht durch Luzern»
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Im Kunst- und Kongresshaus fand 1935 der Zionistenkongress statt. (Bild: Schweizer Bauzeitung – 1934)

Als die Zionisten in Luzern über Palästina debattierten «Ein Hauch von Weltgeschichte weht durch Luzern»

4 min Lesezeit 4 Kommentare 28.07.2019, 09:00 Uhr

Alles, was in der zionistischen Bewegung Rang und Namen hatte, traf sich am 19. Zionistenkongress 1935 in Luzern, um die Realisierung des zionistischen Projekts voranzutreiben. Obwohl der Kongress von der Luzerner Politik freundlich begrüsst wurde, verlief er doch nicht ganz reibungslos.

Chaim Weizmann, David Ben-Gurion und Golda Meir. Alle drei prägten die israelische Politik massgeblich und haben noch etwas gemeinsam: Sie trafen sich vom 20. August bis zum 6. September 1935 in Luzern zum 19. Zionistenkongress.

Aber was war das Ziel des bis dato grössten Zionistenkongresses, der auch im Ausland auf Interesse stiess? Kurz und knapp: Antworten auf die Verfolgung der Juden in Europa zu liefern und den Aufbau Palästinas voranzutreiben.

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Warum nicht in Basel?

Wer an die beiden Begriffe Schweiz und Zionismus denkt, dem kommt automatisch Basel als Ort des ersten Zionistenkongresses 1897 in den Sinn (einen Crashkurs in Zionismus gibt es hier). Basel als Kongressort besitzt eine lange zionistische Tradition. Warum fand der Kongress 1935 also nicht in Basel, sondern in Luzern statt?

Der Grund war die Grenznähe der Stadt am Rhein. Die politische Situation im Nachbarland Deutschland hatte sich 1935 für die jüdische Bevölkerung bereits dermassen stark zugespitzt, dass die Zionisten auch in Basel Übergriffe und Anschläge befürchteten. Deshalb wurde der 19. Zionistenkongress nach Luzern verschoben. Der Fakt, welcher belegt, dass das 1933 errichtete Kunst- und Kongresshaus nach damaligem Verständnis topmodern war, sprach für Luzern als Austragungsort des 19. Zionistenkongresses. Wie die konservative Luzerner Tageszeitung «Vaterland» am Tag vor der Eröffnung des Kongresses am 19. August schrieb, seien bereits alle 492 Delegierten und 2400 Teilnehmer aus 43 Staaten in Luzern eingetroffen.

Auf Einladung der Veranstalter hielt der Luzerner Regierungsrat Heinrich Walther an der Eröffnungsfeier die Begrüssungsrede. Er sprach davon, dass das Schweizer Volk Verständnis für die Zionisten aufbringen solle, da dieses ebenfalls jahrhundertelang um die Unabhängigkeit und die Freiheit gekämpft habe.

«Luzern im Zeichen des Zionistenkongresses»

Am Donnerstag, dem 29. August, veröffentlichte das FDP-nahe «Luzerner Tagblatt» den Artikel «Luzern im Zeichen des Zionistenkongresses». Der Artikel thematisiert die zionistische Welle, die Luzern überrollte und die von den Luzernern auch freundlich aufgenommen wurde: Die Luzerner Kinos veröffentlichten der Reihe nach verschiedene Palästinafilme, bei denen die zionistische Jugend in blauen Hemden im Kino Moderne Spalier stand.

Wer das Treiben im Kunsthaus beobachte, den erinnere die Szenerie unwillkürlich an den Orient, schrieb ein Journalist des Luzerner Tagblatts. Zudem gab es eine «Grosse Palästina-Ausstellung», die ein detailliertes Bild der Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina lieferte. In der Ausstellung wurde demonstriert, wie durch moderne Technik grossflächige Gebiete von Steinwüsten oder sandigen Steppen in fruchtbares Land verwandelt wurden. Aber nicht von allen Seiten wurde der Zionistenkongress positiv aufgenommen.

Frontistische Übergriffe

Nach der «Machtergreifung» Hitlers 1933 formierten sich in der Schweiz zahlreiche Parteien, die sich ideologisch am antisemitischen Programm der NSDAP (zentralplus berichtete) orientierten. Auch in Luzern entstanden verschiedene sogenannte «Fronten». Der Zionistenkongress bot den lokalen Antisemiten die optimale Gelegenheit, ihre Ansichten des jüdischen Kapitalismus, der jüdischen Weltverschwörung und des Judenmarxismus zu verbreiten und den Kongress zu stören.

Eine der «harmloseren» Aktionen waren Klebezettel, die in der Stadt verbreitet wurden. Darauf standen unter anderem Parolen, es sei Verrat zu behaupten, man sei gleichzeitig Schweizer und Zionist. Während des Kongresses ist eine Petarde im städtischen Kunsthaus explodiert und es kam im Moosmatt-Schulhaus, wo einige Delegierte ihre Unterkunft hatten, zu einem gewalttätigen Übergriff.

Ergebnisse und Erinnerungen

Die Debatten im Kongress beschäftigten sich mit den Themen der Einwanderung, der Jugenderziehung und der Industrie und Wirtschaft. Was den Luzerner Zionistenkongress besonders prägte, war die gebildete grosse Koalition, an der fast alle am Kongress anwesenden Strömungen des Zionismus beteiligt waren. Hintergrund war die Bedrohung der Juden in Deutschland und die sich verschlechternde Lage in Osteuropa. An der Schlusssitzung des 19. Zionistenkongresses wurde auch die neue Exekutive gewählt. Das Symbol dieser Einigkeit war die Wahl von Chaim Weizmann als neuer Präsident der Zionistischen Weltorganisation.

Was bleibt heute noch vom Kongress übrig? Mit dem Bau des neuen KKL-Gebäudes vor rund 20 Jahren an der Stelle des alten Kunst- und Kongresshauses verschwand der wichtigste Zeuge dieses weltgeschichtlich bedeutenden Ereignisses. Der Zionistenkongress in Luzern ging als Kongress des Kompromisses zwischen den säkularen und den modernen, orthodoxen Strömungen des Zionismus in die Geschichtsbücher ein und sein Stellenwert in der jüngeren Geschichte der Stadt Luzern sollte definitiv erhalten bleiben.

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4 Kommentare
  1. Oliver Heeb, 29.07.2019, 14:32 Uhr

    Danke, für den interessanten und gut geschriebenen Beitrag. War mir nicht bekannt.

  2. Till Eulenspiegel, 28.07.2019, 12:06 Uhr

    Kurzer und knapper Bericht, jedoch sehr informativ. Weiter so.

  3. Hansruedi Küttel, 28.07.2019, 10:26 Uhr

    In der Einleitung vom”Aufbau Palästinas” zu schreiben ist aus heutiger Sicht mehr als nur zynisch. Schade, denn es verdirbt mir die Lust weiter zu lesen.

    1. Philippe Bucher, 22.08.2019, 17:51 Uhr

      Entschuldigen Sie die späte Antwort Herr Küttel. Das ist ein Tippfehler meinerseits, die Realisierung des zionistischen Projekts sollte natürlich in Klammern stehen, da es aus der Luzerner Tagespresse stammt und nicht eine Formulierung meinerseits ist. Der Satz sollte deshalb natürlich aus der Zeit heraus gelesen und verstanden werden. Vielen Dank für Ihre kritische Rückmeldung, ich versuche stets meine Beiträge zu verbessern. Ich hoffe Sie werden mir auch in Zukunft auf die Finger schauen.