So kam die erste Druckerei nach Luzern «Dumme, altgläubige Luzerner»: Die brutale Reformation

20.10.2021, 11:03 Uhr 6 min Lesezeit 4 Kommentare
Hinrichtung des Protestanten Klaus Hottinger in Luzern am 9. März 1524. Illustration in der 1605 von Heinrich Thomann angefertigten Abschrift der Reformationsgeschichte Heinrich Bullingers.
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Hinrichtung des Protestanten Klaus Hottinger in Luzern am 9. März 1524. Illustration in der 1605 von Heinrich Thomann angefertigten Abschrift der Reformationsgeschichte Heinrich Bullingers. (Bild: Wikimedia Commons)

Als Martin Luthers neue Lehre ganz Europa erreichte, wurde aus Thomas Murner einer der grössten Gegner des neuen evangelischen Glaubens. Seine Schmähschriften gegen Luther zwangen ihn im Jahr 1525, nach Luzern zu flüchten. Mit Freude nahm das katholische Luzern den frommen Franziskaner auf und sorgte sich um sein Wohl. Die Geschichte nahm ein jähes Ende – und Luzern verlor seine erste und einzige Druckerei.

Die Reformation nahm durch Martin Luther ab 1517 ihren Lauf und stellte das Machtgefüge in Europa in kurzer Zeit auf den Kopf. Der lutherische Glaube traf im allgemeinen Volk einerseits auf sehr viel Zustimmung und Aufmerksamkeit, andererseits aber auch auf grossen Widerstand.

Der Buchdruck ermöglichte es den Reformatoren, allen voran Martin Luther, Flugblätter mit Texten oder Bildern zu verfassen, welche sich dann in Windeseile von Deutschland aus über ganz Europa verbreiteten. Schnell fanden die verschiedenen Schriften, Werke und satirischen Abbildungen, die den Katholizismus kritisierten, den Weg in die Eidgenossenschaft. Nach und nach übernahmen die Räte und Oberschichten in den ersten Schweizer Orten den neuen Glauben. Darunter waren an vorderster Front Zürich und Bern. Im Gegensatz zu ihnen blieben die innerschweizer Urkantone beim alten Glauben. So widersetzte sich auch der Rat der Luzerner mit grossem Widerstand dem neuen Glauben.

Luzern während der Reformation

Obwohl im 16. Jahrhundert nur eine sehr kleine privilegierte Schicht lesen und schreiben konnte, verbreiteten sich Informationen sehr schnell. Durch die Bilder auf den Flugblättern und die mündliche Kommunikation konnten sich auch Leute ohne Lesekenntnisse ein Bild von der Situation machen. Um die Protestanten in Schach zu halten, begann der Luzerner Rat die Bevölkerung streng zu überwachen. Die stadteigene Zensurbehörde war damit beauftragt, alle Schriften und Flugblätter, die in Zusammenhang mit Luther gebracht wurden, zu konfiszieren und die involvierten Personen vor das Gericht zu bringen.

Jeder Person, welche auch nur den Verdacht erregte, heimlich Luther zu lesen, mit seiner Lehre zu sympathisieren oder gar seine Meinung öffentlich zu verbreiten, drohte eine hohe Geldbusse oder in argen Fällen gar die Hinrichtung durch das Schwert. Auch scheinbar leichte Vergehen wie eine schriftliche Forderung, dass der Ablasshandel abgeschafft werden solle, wurden durch die Luzerner Obrigkeit und deren Gerichte rigoros und ohne Gnade bestraft.

Das Ziel war es, die Luzerner einzuschüchtern und sie davon zu überzeugen, sich vom protestantischen Glauben abzuwenden. Wahrscheinlich brachten diese skrupellosen Massnahmen auch viele dazu, sich erst recht vom katholischen Glauben abzuwenden.

Hinrichtungen waren keine Seltenheit

In Luzern bezeugen viele Gerichtsdokumente die regelmässigen Hinrichtungen. Im 16. Jahrhundert waren dies nicht selten Protestanten. Wie Luther forderten auch einige Luzerner, die «unbiblischen katholischen Praktiken», wie das Verehren von Heiligenfiguren, den Ablasshandel, das Papsttum oder das Zehntensystem abzuschaffen.

Der Evangelismus verhöhnte diese Praktiken und bezeichnete den Katholizismus als ketzerischer und närrischer Glaube. Aus Protest verbrannten oder zerstörten die Lutheraner häufig katholische Heiligenfiguren. Sie hatten genug von den gierigen Praktiken wie dem Ablasshandel und zeigten ihren Unmut öffentlich mit ihren Taten. Wie erwähnt wurden diese Vergehen ausnahmslos und hart bestraft.

Ein prominenter Franziskaner mischt den Schweizer Glaubenskrieg auf

Ganz anders sah das im nördlich der Schweiz liegenden Strassburg aus. Dort fand der Protestantismus viel Zustimmung und viele Katholiken übernahmen den lutherischen Glauben. Thomas Murner hingegen, der Franziskaner, verachtete Luther und den neuen Glauben aufs Höchste und war ein entschiedener Gegner der Reformation. Er verunglimpfte in seinen Schriften und Predigten alle Anhänger Luthers. Der Franziskaner machte sich so in kurzer Zeit viele Feinde. Er beleidigte Luther als «Narren» und «Zerstörer des Glaubens Christi». Schon bald wollte kein Drucker mehr eine seiner Schriften drucken. Als er sich in seinem Kloster eine eigene Druckerei einrichtete, wurde diese nach nur wenigen Wochen von einer wütender Menge von Protestanten zerstört.

Als Murner so sehr in die Enge getrieben worden war, musste er Strassburg verlassen und flüchtete 1525 nach Luzern. Im streng katholischen Luzern wurde er mit grosser Freude aufgenommen, neu eingekleidet und gut ärztlich versorgt, da er eine Verletzung davongetragen hatte. Er wurde im Franziskanerkloster untergebracht und man stellte ihn als Lesemeister an.

Weil er sich in Strassburg schon bestens mit den Druckereien vertraut gemacht hatte und sogar eine eigene errichten liess, dauerte es nicht lange, bis Murner den Auftrag bekam, selbst die erste Luzerner Druckerei zu eröffnen. Nur sechs Monate nach seiner Ankunft wurde der erste Druck im Franziskanerkloster erstellt. Um effizient und in grossem Stil drucken zu können, holte er seine Gehilfen aus Strassburg nach Luzern. Diese halfen ihm, seine eigenen Werke, als auch Aufträge des Luzerner Rats zu drucken.

Flugblätter – zwischen Hass und Genie

Murner begann seine Werke, Flugblätter und Pamphlete nun also in Luzern, in seiner eigenen Druckerei zu verfassen. In den Flugblättern beleidigte und verunglimpfte er nicht nur Martin Luther, denn nach und nach gerieten auch die Schweizer Reformatoren aus Bern oder Zürich in sein Kreuzfeuer.

Einige der führenden Reformatoren aus der Schweiz waren Ulrich Zwingli, Utz Eckstein aus Zürich und Niklaus Manuel aus Bern. Murner warf mit Beleidigungen nur so um sich und beschimpfte die Protestanten als Esel, Mörder, Schelme, Buben, Narren, Dummköpfe, ehrlose Diebe oder Bösewichte. Murner sollte in Luzern wohl mithelfen, den katholischen Glauben in der Innerschweiz zu verteidigen.

Dennoch war es das Resultat, dass Luzern sich nach und nach Sympathien bei den Zürcher und Berner verspielte und sich dadurch grossen Unmut bei den Obrigkeiten einbrachte. Die Adeligen aus Luzern wurden wegen der polemischen Werke Murners immer wieder von deren Räten gerügt. Sie verlangten, dass Murner mit seinen herabsetzenden Schriften und Flugblättern sofort innehalten müsse.

«Dumme, altgläubige Luzerner»

Auch die Protestanten waren nicht unschuldig und beschimpften die Katholiken regelmässig als Ketzer, Narren und Räuber, doch Murner schürte deutlich grösseren Unmut. Beide Seiten arbeiteten mit satirischen und beleidigenden Vergleichen oder Anschuldigungen. Oft wurden in den Streitschriften die involvierten Personen mit Tieren verglichen und mit Kostümen karikiert. So auch in dieser Abbildung von Murner in seinem Werk «Von dem grossen Lutherischen Narren» in welcher Luther als Narr dargestellt wird, der von Murner erwürgt wird.  

Murner zeichnet sich als Katze, die Martin Luther, im Narrenkostüm erwürgt.

In den Schriften und Flugblättern wurden aber nicht nur Beleidigungen abgedruckt. Es wurde auch gedichtet und aus Werken berühmter Autoren und – am wichtigsten – aus der Bibel zitiert. So fragte sich der Schaffhauser Protestant Sebastian Hofmeister, wieso die «dummen altgläubigen Luzerner» angeblich in der «Leuchtenstadt» leben würden, aber immer noch in der religiösen Finsternis tappten.

Luzern wegen Murner unter Druck

Die Reformation spaltete die Eidgenossenschaft innerhalb weniger Jahre. Luzern wollte von der neuen Lehre aber nichts wissen, blieb katholisch und stand weiter hinter Murner und seinen Aussagen. Der immer grösser werdende Druck und die Unterdrückung der Protestanten in der Innerschweiz durch die Luzerner Obrigkeit sorgten dafür, dass innert weniger Jahre nach dem Aufkommen der Reformation alle Luzerner, die lutherisches Gedankengut hegten, aus Luzern flüchteten, um nicht mehr verfolgt zu werden.

Nach und nach wurden Murners Werke immer beleidigender und somit geriet der Rat von Luzern plötzlich selbst zunehmend unter Druck. Weil Murner wegen einer seiner Schmähschriften gerichtlich verurteilt wurde, forderten die protestantischen Orte Bern und Zürich die sofortige Auslieferung Murners. Sie wollten ihn unbedingt bestrafen und die Verbreitung seiner Lügen stoppen. Als Murner mitbekam, dass er gerichtlich verfolgt wurde, wusste er, dass seine Zeit in Luzern vorbei war.

Jahrzehnte keine Druckerei mehr in Luzern

So verliess er das Franziskanerkloster für immer und flüchtete nach fünf Jahren Aufenthalt in der Innerschweiz zurück nach Oberehnheim in seine Heimat in der Nähe seines alten Zuhauses Strassburg. Als er flüchtete, verliessen auch seine Strassburger Gehilfen die Stadt und da sich kein Luzerner wirklich mit dem Drucken auskannte, verkam die Druckerei und wurde nicht mehr benutzt. Erst einige Jahrzehnte später wurde wieder eine neue, stadteigene Druckerei eröffnet.

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4 Kommentare
  1. frapfo1955, 20.10.2021, 12:15 Uhr

    Dem Verfasser sei folgende Korrektur dringend nahe gelegt:
    Es heisst nicht «Ulrich Zwinggli» sondern korrekt «Huldrych Zwingli», der in Wildhaus im Toggenburg geboren wurde und dann in Zürich als Reformator wirkte!

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    1. Delf Bucher, 20.10.2021, 14:05 Uhr

      Auf jeden Fall korrigieren: Zwingli statt Zwinggli. Aber den huldvollen Titel Huldrych hat sich der Zürcher Reformator, der auf den Namen Ulrich getauft wurde, erst später zugelegt.

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      1. Delf Bucher, 20.10.2021, 14:18 Uhr

        Wer sich noch ausführlicher für Murner interessiert, dem sei die hervorragende Arbeit von Hans Jurt empfohlen. Im Internet zugänglich: http://www.hansjurt.ch/text/kirchendiebeUndKetzer.pdf

        Ausserdem gibt es einen vom Kirchenhistoriker Markus Ries (Uni Luzern) und mir geführten Spezialrundgang zur Reformation in Luzern
        «O Lucerna wie bistu so gar verstopft»
        am Samstag, 25. September 2021, 14:00 Uhr
        Montag, 1. November 2021 (Allerheiligen), 16:00 Uhr
        Treffpunkt: Matthäuskirche

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      2. Redaktion Redaktion zentralplus, 20.10.2021, 14:51 Uhr

        Zwinggli geht natürlich gar nicht, da hat unser Korrektorat einen schlechten Tag eingezogen. Ulrich hingegen schon, wie auch Huldreych, Huldrych oder Huldreich. Wir haben den Nachnamen angepasst.

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