Ein multikultureller Hotspot Die wollene Utopie auf der St. Karli-Brücke

25.02.2016, 08:53 Uhr 5 min Lesezeit
Die vollendete St.-Karli-Brücke voll mit farbiger Wolle und viel Besuch.
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Die vollendete St.-Karli-Brücke voll mit farbiger Wolle und viel Besuch. (Bild: zvg)

Im Oktober 2015 war es so weit: Die St. Karli-Brücke, die den schattigen Untergrund mit dem sonnigen Bramberg verbindet, war in ein buntes Wollkleid gehüllt. Es sollte Nationen verbinden – war aber auch ein Dorn im Auge.

Im Oktober 2015 war es so weit: Die St. Karli-Brücke, die den schattigen Untergrund mit dem sonnigen Bramberg verbindet, war in ein buntes Wollkleid gehüllt. Die Aktion der katholischen Kirchgemeinde St. Karl passt gut zum Multikulti-Quartier. Denn die grauen Geländerstäbe waren nun mit den Farben der Fahnen von 30 Nationen eingehüllt.

So richtig korrekt wären natürlich 76 Nationalflaggen gewesen. So viele Nationen zählt man zwischen Kasernenplatz und Bernstrasse im Untergrund. Ein multikultureller Hotspot, nicht nur der Zentralschweiz, sondern der Deutschschweiz. Das Quartier hat mit 54 Prozent den höchsten Ausländeranteil Luzerns und weist die höchste Dichte an Migranten in der Deutschschweiz auf. Selbst die Zürcher Langstrasse kann das mit einem Ausländeranteil von knapp 41 Prozent nicht toppen.

Das passte nicht allen

Nun leben die Nationen in trauter Völkereintracht verstrickt und verbunden auf der Brücke über der Reuss zusammen. Aber der idyllische Brückenschlag klappte nicht ganz. Die zueinander zugewandten Fahnen Palästinas und Israels waren wohl einem Passanten ein Dorn im Auge. Das blau-weisse Wollgewand mit Davidstern wurde von ihm zerrissen. Hallt da der lange in der Innerschweiz verbreitete Antijudaismus nach? Noch Mitte der Neunzigerjahre, als ich nach Luzern zügelte, druckte die Luzerner Zeitung einen Leserbrief ab, in dem die Juden für den Kreuzestod von Jesus Christus verantwortlich gemacht wurden. 2016, also 20 Jahre später, sind antisemitische Reaktionen eher selten. Man erinnert sich noch daran. Beispielsweise ein Lehrer aus Willisau, der mit dem Untergrundgang eine Tour machte. Als wir an der mittlerweile geschlossenen koscheren Metzgerei in der Bruchstrasse einen Stopp einlegten, erzählte er eine traurige Anekdote aus seiner Kindheit. Damals habe ihn seine Mutter geraten, beim Luzernbesuch einen Bogen um das jüdische Kaufhaus Manor (damals noch Nordmann) zu machen.

Bei der Debatte ums Schächtverbot ist es immer schwierig zu entscheiden, ob hier über Tierschutz oder über Vorurteile gegenüber Juden diskutiert wird.

Manchmal köchelt indes auch aktuell das antijüdische Ressentiment hoch. Als wir Untergrundgänger 2001 vor der Koschermetzgerei Halt machten, war das just zu dem Zeitpunkt, in dem das  geplante Tierschutzgesetz diskutiert wurde. Nach dem Willen des Bundesrates hätte das Schächten nach religiösen Vorschriften erlaubt werden sollen. An diesem Vorstoss machte mancher Teilnehmer ein grosses Fragezeichen. Bei der Debatte ums Schächtverbot ist es immer schwierig zu entscheiden, ob hier über Tierschutz oder über Vorurteile gegenüber Juden diskutiert wird.

Antisemitismus unter Jungen wächst

Vor zwei Wochen traf ich den Judaistik-Professor Alfred Bodenheimer, der auch mit seinem Detektiv Rabbi Klein derzeit als Krimi-Autor Furore macht und heute das Zentrum für jüdische Studien in Basel leitet. Er sagte zu dieser Gratwanderung: «Typisch für die Schweiz ist es, dass sich die Debatten immer wieder an Sachfragen wie Schächten oder Beschneidung entzünden.» Eines sei aber der beste Lackmus-Test für die gelungene Ankunft der jüdischen Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft: «Als Ruth Dreifuss zur Bundesrätin gewählt wurde, war ihre jüdische Herkunft kein Thema.» 

Was Bodenheimer, der früher auch in Luzern lehrte, dagegen etwas verstört: der wachsende Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Viele Studien weisen dies aus. Immerhin ist die Schweiz mit einem überwiegend hohen Anteil europäischer Muslime weniger betroffen.

«Der Holocaust darf nicht geleugnet werden.»

Einen Tag später will es der Zufall, dass ich die palästinensische Schülerin Lamar Elias treffe. Die begabte Geigerin konzertierte mit dem palästinensischen Jugendorchester in der Schweiz. Die 16-Jährige ist Christin und besucht die deutschsprachige, lutherische Schule in Beit-Jala, das längst mit Bethlehem zusammengewachsen ist. Wenn Lamar Elias aus dem Schulfenster schaut, streckt sich über den ganzen Horizont ein endloses Band aus Beton. «Seit ich geboren bin, kenne ich nichts anderes, als eingemauert zu sein», sagt sie. Was ihre Situation aber von vielen anderen Palästinensern unterscheidet: Sie bereitet sich in der Missionsschule auf das deutsche Abitur vor und da steht der Holocaust auf dem Lehrplan. Mir selber ist es bei einem Besuch in Palästina aufgefallen: Selbst weltoffene Palästinenser machten ein Fragezeichen an der jüdischen Opferzahl von sechs Millionen beim Holocaust. Für Lamar Elias ist hingegen klar: «Der Holocaust darf nicht geleugnet werden.»

Historische Aufklärung ist wichtig

Bei Lamar Elias hat die historische Aufklärung ihr Ziel erreicht. Was mich als Historiker aber interessiert: Kann das Wissen der Geschichtsforschung massenwirksam werden? Weder die neuen Historiker Israels haben den kollektiven Mythos ankratzen können, dass im ersten Krieg 1948 zwischen Araber und Israel der kleine David gegen Goliath antrat. Noch so viele Dokumente, die das planerisch-expansive Vorgehen der verschiedenen bewaffneten Untergrundgruppen gegen palästinensische Siedlungen beweisen, erschütterten diesen Glauben. Auf der anderen Seite wollen viele Palästinenser trotz einer nicht bestreitbaren Evidenz den Holocaust leugnen und damit den Umstand, dass die Juden aus grösster Not in das Land, das sie seit 2000 Jahren in ihrer Diaspora als das von Gott verheissene Land angesehen haben, flüchteten?

Statt dass wir uns selbst historisch aufklären und die vertrackte Geschichte der beiden Völker anerkennen, nehmen wir für die eine oder andere Seite Partei.

Jetzt aber zurück zur St.-Karli-Brücke. Wir können es uns als europäische Zaungäste des Nahost-Konflikts erlauben, die beiden Flaggen, die sonst nirgendwo in der Welt gemeinsam vor UNO-Gebäuden oder sonstigen internationalen Institutionen gehisst werden können, nebeneinander zu stellen. Wir können jüdisches Leid und palästinensisches Leid anerkennen. Statt aber Einfühlungsvermögen für beide Seiten zu empfinden, ist die Nahost-Debatte auch bei uns meist polarisiert – das Zerstören der Israel-Fahne beweist es. Statt dass wir uns selbst historisch aufklären und die vertrackte Geschichte der beiden Völker anerkennen, nehmen wir für die eine oder andere Seite Partei. Die Strickfrauen der St.-Karli-Gemeinde machen da nicht mit. Sie haben wieder die israelische Flagge restauriert und bekunden mit ihrer wollenen Utopie: Wir werden alles tun für den schwierigen Brückenschlag zweier verfeindeter Völker.

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