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Blutschwitzen als heilige Disziplin

Die Menziger Blutschwitzerin vor Gericht

Portrait Theresia Städele (Bild: Voll Blut und Wundern: Der Prozess gegen die Blutschwitzerin Theresia Städele, in: Regierungsrat des Kantons Zug (Hg.) Der Kanton Zug zwischen 1798 und 1850. 23 Lebensgeschichten. Alltag und Politik in einer bewegten Zeit, Zug 1998, S. 220-229)

Theresia Städele wird in Zug als «Wundermensch» wahrgenommen. Ihre Leiden werden mit denen Jesu Christi verglichen. Das «Blutschwitzen» ist eine dieser wunderbaren Leidenserscheinungen. Doch die Zuger Regierung ist skeptisch. Ist ihr Leiden nur aufgesetzt?

Am 4. August 1849 wird Theresia Städele vor dem Zuger Gericht der Prozess gemacht. Zahlreiche Schaulustige wohnen dem Prozess bei, der Grossratssaal ist «bis zum Erdrücken» gefüllt. Der Angeklagten wird vorgeworfen, den religiösen Glauben für eigennützige Zwecke missbraucht, «Blutschwitzen» vorgetäuscht zu haben sowie eine Besessenheit simuliert zu haben.

In allen diesen Anklagepunkten wird sie schuldig gesprochen. Das Gericht verurteilt sie zu drei Jahren Zuchthaus, zur Ausstellung an der «Schandbank» und zu 30 Rutenstreichen. Ein halbes Jahr darauf, am 27. Februar 1850, wird sie vom Grossen Rat jedoch begnadigt. Ihre Verurteilung ist ein direktes Resultat von innerkantonalen Konflikten. Im Kampf zwischen religiöser Deutungshoheit, liberaler Politik und aufkommender Wissenschaft gerät Theresia Städele zwischen die Fronten. Im Folgenden werden ihre Geschichte sowie ihr tragisches Ende aufgerollt.

Eine unerklärliche Krankheit

Wie aus den Untersuchungsakten zu entnehmen ist, wird Theresia Städele 1832 im deutschen Bohlingen im Grossherzogtum Baden geboren. Sie ist eines von elf Geschwistern. Die Eltern sind arm, weshalb sie schon mit neun Jahren als Kindermädchen zu arbeiten beginnt. Mit 20 Jahren findet sie eine Anstellung in einem Karlsruher Theater. Sie singt dort im Chor und bekleidet verschiedene Nebenrollen. Die Arbeit am Theater sagt ihr jedoch nicht zu. Daraufhin nimmt sie wieder die Arbeit als Dienstmädchen auf.

1846 wird sie von einer unbekannten Krankheit befallen. Ganze acht Wochen muss sie in einem Spital verharren. Sie beschreibt Krämpfe, «die einem Arme und Glieder zusammengezogen haben, dass ich ganz von Sinnen kam». Die behandelnden Ärzte können sie nicht diagnostizieren. Sie gehen von Gicht aus und lassen sie zur Ader. Ihr Zustand bessert sich jedoch nicht. Desillusioniert kehrt sie nach ihrem zweimonatigen Spitalaufenthalt zurück zu ihren Eltern nach Bohlingen, wo die krampfartigen Anfälle vorerst nachlassen.

Klösterliche Odyssee

Zurück in der Heimat wendet sie sich dem Glauben zu. 1846 tritt sie dem Kloster «Die ewige Anbetung» in Steinerberg bei. Nach einigen Wochen beginnen die Krämpfe zurückzukehren, die Schmerzen sind unaushaltbar, einmal schreit sie für «drei Tage und drei Nächte». Für den ansässigen Vikar Rollfuss wird schnell klar: Theresia Städele ist von einem Dämon besessen. Zur Behandlung schickt er sie ins Einsiedler Kloster. Dort nimmt sich Pater Athanasius ihrer an. Er beginnt mit der Ausübung exorzistischer Praktiken. Die Geistlichen verlesen ihr die Bibel auf Latein, machen heilige Kreuzzeichen und geben ihr Weihwasser zu trinken.

Schon bald gehen ihre Ersparnisse zuneige. Die Einsiedler Mönche weigern sich, die Behandlung ohne Bezahlung fortzusetzen und schicken sie nach Menzingen ins Kloster auf den Gubel.

2021

Selbstgeisselung in Menzingen

Mitte August 1848 trifft Theresia Städele in Menzingen ein. Ihr Zustand ist unverändert, sie beklagt noch immer starke Schmerzen. Hilfe findet sie bei Pfarrer Röllin, unter «Exorzismus und Gebet». Um ihren Heilungsverlauf zu beschleunigen, beginnt sie sich zusätzlich zu geisseln.

Die Leiden der jungen Frau sprechen sich schnell im Dorf herum. Mythische Erzählungen umranken Städele. Wie im Laufe der späteren Verhöre bekannt wird, soll Städele Wundmale auf den Händen tragen und Blutschweiss aus ihrer Stirn treten.

Leiden wird zur Besucherattraktion

Besucherströme beginnen daraufhin ins Kloster zu pilgern. Alle wollen sie Theresia Städele und ihr unvergleichbares Leiden persönlich besichtigen. Im ganzen Kanton verbreitet sich die Nachricht, dass Städele jeden Donnerstag und Freitag das Leiden und Sterben Christi durchmache. Pfarrer Röllin empfängt daraufhin jeden Donnerstag und Freitag Besucher. Alle zehn Minuten lässt der Pfarrer jeweils acht bis zehn Personen an das Bett der Leidenden herantreten.

Der Fall von Städeles Blutschwitzen verbreitet sich im Kanton wie ein Lauffeuer. Auch die Zuger Regierung wird auf den Fall aufmerksam. Sie sendet eine Delegation von Ärzten nach Menzingen, die Städele untersuchen sollen. Ihr Ziel ist es, die Ursache des Blutschwitzens ausfindig zu machen.

Persönlich abgeführt von Zuger Regierungsrat

Am 19. Mai 1849 legt der Arzt Carl Bossard sein Gutachten vor. Eine ganze Nacht lang weichen die Ärzte Städele nicht von der Seite. Zwar treten keine Blutungen auf, es werden jedoch Zittern, Bewusstlosigkeit und Verrenkungen der Gliedmassen beobachtet. Bossard äussert erstmals den Verdacht, «dass dieses Blutschwitzen nur simuliert sei».

Zwei Tage nach der ärztlichen Untersuchung wird Theresia Städele verhaftet. Regierungsrat Walter Ettler begibt sich persönlich nach Menzingen, um Städele abzuführen. Noch am selben Abend trifft sie in Zug ein. Die liberale Zuger Regierung will mit aller Härte gegen den «Wunderglauben» vorgehen.

Der Wunderglaube ist enttarnt

Zwischen dem 4. Juni und dem 17. Juli 1849 wird Städele achtzehnmal verhört. Noch während ihrer Gefangenschaft treten die Blutungen auf. Die Behörden entscheiden sich, eine gerichtsärztliche Untersuchung durchzuführen. Vier Ärzte beobachten Städele daraufhin, auch der bereits erwähnte Carl Bossard ist dabei. Sie fertigen ein Protokoll an, das jeden Laut und jede Bewegung dokumentiert. Nach einigen Stunden verlangt Städele nach einem Nachttopf. Sie wird für einige Minuten alleingelassen. Nachdem die Ärzte das Zimmer betreten, finden sie Städele zusammengekauert am Boden. Das Blutschwitzen hatte wieder eingesetzt.

Doch dann fällt einem der Ärzte das entscheidende Indiz auf: In Städeles Hand befindet sich eine Nadel. Das corpus delicti ist gefunden, der «Wunderglaube» entzaubert.

Das heilige Geständnis

Einige Tage später legt sie ihr Geständnis ab. Die Nadel hatte sie in Haaren und Unterrock versteckt. Mithilfe der Wundmale wollte sie als fromme Person wahrgenommen werden. Seit ihrem ersten Klosteraufenthalt am Steinerberg gilt Städele als besessen. Mit der Zeit verinnerlicht sie zunehmend die ihr zugeschriebene Rolle. Unter der «Obhut» von Pfarrer Röllin habe sie sich dann erstmals die Wunden zugefügt. Wie sie schliesslich zugibt, nahm sie ihre Rolle als Betrügerin ein, um sich im Kloster einquartieren zu können.

«Was ich getan habe, geschah, um eine Versorgung zu finden in einem Kloster, da ich arm war.»

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