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Kathrinli musste sterben

Wie ein Horwer seine fünfjährige Tochter erschlug

Die älteste Aufnahme Horws entstand 1885, ein Jahr nach Kathrinlis Tod. (Bild: Gemeindearchiv Horw)

Als impulsiver Säufer ist Jakob Mattmann in Horw bekannt. Seine eigene Familie fürchtet sich vor seinen Gewaltausbrüchen. Unberechenbar sei er. Besonders im Umgang mit seiner Tochter fällt seine Aggressivität auf. Im Jahr 1884 nimmt das Leben des fünfjährigen Kathrinli ein brutales Ende.

Mit ihrer fünfjährigen Tochter im Arm betritt Katharina Mattmann die Wohnstube ihres Hauses. An ihre Schwester gewandt, äussert sie folgende Worte: «Nun will das Kathrinli sterben.» Ihre Tochter hängt leblos in ihren Armen. Ihr Kopf baumelt schlaff herunter, Kathrinli gibt kein Lebenszeichen von sich.

Kathrinlis Vater Jakob Mattmann eilt umgehend zum Arzt. Er begreift, dass seine Tochter tot ist, will den Besuch aber dennoch machen. Nach einstündiger Reise trifft er beim Doktor in Luzern ein. Im Gespräch mit dem Mediziner berichtet er von seiner Tochter. Sie sei die Treppe heruntergefallen. Über das Ableben seines Kindes verliert er jedoch kein Wort. 

Weggegeben zum Grossvater

Kathrinli wird am 24. Oktober in Hergiswil geboren. Ihre Mutter, die achtzehnjährige Katharina Gruninger, kommt aus Nidwalden und besuchte in Buochs die Schule. 1879 heiratet sie Jakob Mattmann, einen zwanzigjährigen Tagelöhner aus Horw. Das Eheglück des jungen Paares ist allerdings nur von kurzer Dauer. Es lebt über seinen Verhältnissen und verschuldet sich schon bald. Der Hausrat wird verpfändet.

In dieser Notlage begibt sich Jakob Mattmann zu seinem Vater und bittet ihn um Geld. «Ich ging den Vater um Hilfe an, mit 100 Franken hätte ich die Schulden decken können, er wollte aber nicht, sagend, er nehme mir lieber das Kind ab.» Noch am selben Tag bringt Jakob Mattmann seine wenige Wochen alte Tochter zu seinem Vater.

Umherziehende Eltern

Die beiden Eheleute ziehen daraufhin nach Zug. Lange halten sie es jedoch nicht miteinander aus. Jakob findet eine Anstellung in einer Ziegelfabrik in Zürich, während Katharina in Zug bleibt und das Glätten erlernt. Doch während sie wertvolle Berufserfahrung sammelt, findet sich Jakob nicht zurecht. Er schafft es nicht, sich in einem Berufsfeld zu behaupten und pendelt ständig zwischen Anstellungen in Zürich, seiner Frau in Zug und seinem Vater in Horw umher.

1881 gebärt Katharina eine weitere Tocher: Sophie. Die Eltern entscheiden sich, ihre Tochter ins Waisenhaus zu geben. Nach kurzer Zeit wird jedoch auch sie vom Grossvater aufgenommen. Katharina arbeitet zu dieser Zeit im Zürcher Hotel Baur au Lac als Glätterin. Sie verdient gutes Geld und eröffnet daraufhin eine Wäscherei in Emmenbrücke.

Wiedervereint

In dieser Zeit nähern sich Katharina und Jakob wieder an. Nach einiger Zeit entschliessen sie sich, zusammen nach Ennethorw zu ziehen. Dort bewohnen sie ein Haus auf einem Gehöft. Katharina gründet auch hier eine Wäscherei. Ihre beiden Töchter Kathrinli und Sophie wohnen noch immer bei ihrem Grossvater, im Bruderhaus im Winkel in Horw.

1884 stirbt Jakobs Grossmutter, welche beim Vater gelebt hatte. Jakobs Vater Othmar nimmt dies zum Anlass, um im August seine ehemalige Magd zu heiraten. Für Jakob ist dies Grund genug, seine beiden Töchter wieder in sein Haus aufzunehmen. Er will seine Töchter nicht der neuen Pflegemutter aussetzen. Seine Kinder wollte er schon länger wieder zu sich holen. Doch bis jetzt hatte die kürzlich verstorbene Grossmutter darauf beharrt, die Kinder im Haus des Grossvaters zu behalten. Wie es sich herausstellt, mit gutem Grund.

Jöggel, der Gefürchtete

Jöggel, wie Jakob Mattmann von seiner Familie und engen Freunden gerufen wird, ist in Horw bekannt. Er gilt als grobschlächtig und unberechenbar. Sein Vater Othmar beschreibt ihn als «ruchhaariger, feindseliger, chiber Mensch, der massenweise den Schnapskaffe getrunken hat». Wenn Jöggel trinkt, wird es gefährlich für seine Familie. Und das tut er täglich.

Jöggels Magd beobachtet seine alkoholgeschwängerten Wutausbrüche wiederholt. «Wenn er besoffen gewesen, so habe er d’rein geschlagen, was sich getroffen.» Anfangs leidet vor allem seine Frau Katharina unter seiner Tyrannei. «Knütschblau» habe er sie geschlagen, wenn ihm die Ordnung im Haus nicht passte. Doch bald macht er auch vor seinen Töchtern nicht mehr Halt. Bevor er mit Katharina ins gemeinsame Haus in Ennethorw zieht, besucht er oft seinen Vater in Horw, wo auch seine Tochter, das Kathrinli, lebt.

Das gehasste Kathrinli

Bei seinen Besuchen in Horw beobachten Jöggels Geschwister die Brutalität, mit welcher er mit seiner Tochter umgeht. «Dass er das Kind gehasst habe wie eine Spinne», bemerkt seine jüngere Schwester Julie. In einer Abwärtsspirale von purem Hass eskaliert die väterliche Gewalt. Immer grausamer geht er mit seiner kleinen Tochter um. «Im Zorn oder im Rausche sei Jakob imstande gewesen, das Kind wegzuwerfen wie ein Stück Holz.»

Jöggels Brüder und Schwestern beobachten die Gewaltexzesse, lassen diese aber geschehen. Sie haben derart Angst vor ihm, dass sie die Misshandlungen des kleinen Kathrinli ignorieren. Jöggel hat einen tiefen Hass gegenüber seiner Tochter entwickelt: «Das Kind müsse ihm weg, er schlage es einst z’todt».

Der Terror herrscht bei den Mattmanns

Nachdem Jöggels Vater im August 1884 neu heiratet, kommen die Kinder wieder zu den Eltern. Die beiden Töchter sind der häuslichen Gewalt nun vollkommen ausgesetzt. Denn nicht nur ihr Vater geht körperlich gegen die Kinder vor. Auch ihre Mutter Katharina «züchtigt» die Kinder.

Nachdem die Familie wiedervereint ist, beginnt für die beiden Töchter die Tortur. Tagsüber muss das vierjährige Kathrinli der Mutter in der Wäscherei aushelfen. Teilweise schleppt sie den ganzen Tag Wasser umher. Essen wird ihr oft vorenthalten. «Oft habe Mattmann verlangt, dass die Kinder in einer Minute sollten gegessen haben und wenn sie das nicht gekonnt, habe er das Essen dem Hunde gegeben.»

Die grausame Behandlung der Töchter eskaliert immer mehr. Jeden Abend fordert Jöggel von seinen Töchtern ein fehlerloses Vaterunser. Bei den kleinsten Fehlern explodiert er und traktiert seine Töchter. Schon bald verschlechtert sich Kathrinlis Zustand zunehmend. Sie entwickelt Wehanfälle und wird von starken Krämpfen geplagt. Für die Eltern ist das jedoch kein Grund, von ihrem unbarmherzigen Umgang abzusehen.

Kathrinlis letzter Tag

Am Morgen des 11. Dezember 1884 wird Kathrinli wie gewohnt von ihrer Mutter geweckt und direkt zum Wasserschleppen eingespannt. Nach einigen Minuten erleidet das junge Mädchen einen Anfall und verliert das Bewusstsein. Sie verdreht die Augen und beginnt aus dem Mund zu schäumen. Der Vater nimmt sie daraufhin und platziert sie in der Dezemberkälte auf einem Strohhaufen im Freien.

Nach einiger Zeit kommt Kathrinli wieder zu sich und kehrt ins Haus zurück. Gegen Mittag verliert sie erneut das Bewusstsein. Wie ihre Mutter später aussagt, habe sie ihre Tochter so liegengelassen. Im Laufe des Tages scheint es ihr wieder besser zu gehen. Abends eskaliert die Lage dann komplett.

Nachdem Kathrinli «unfolgsam» gewesen war, wird sie zur Strafe in den Keller gesperrt. Nach einigen Stunden darf sie wieder hinaufkommen. Sie will umgehend ins Bett, ihr Vater insistiert jedoch, «es müsse zuerst zu Nacht essen». In der folgenden Auseinandersetzung verliert Jakob Mattmann die Geduld, packt seine Tochter, geht mit ihr hinaus und schleudert sie in die Scheune.

Alibi für eine grausame Tat

Nach einigen Minuten holt er sie wieder ins Haus und wirft sie zu Boden. Die anwesende Schwester der Mutter sagt später als Zeugin aus: «Die tödtliche Misshandlung dürfte erfolgt sein, als das Kind draussen war, denn als er von Aussen kommend das Kind beim Genick hielt und es in die Stube hineinwarf, stund es nicht mehr auf.»

Die Anwesenden begreifen unmittelbar, dass das kleine Kathrinli tot ist. Um sich ein Alibi zu verschaffen, begibt sich Jakob Mattmann zu einem Arzt. Dort berichtet er von seiner kranken Tochter und kauft Medikamente. In seiner offiziellen Version sei seine Tochter unglücklich die Treppe hinuntergestürzt. Im folgenden Prozess gesteht Jakob Mattman seine Schuld ein. «Geschehen ist’s, ich hab’s aber nicht begehrt.»

Verwendete Quellen
  • Martin Merki: Ein Luzerner Todesurteil: Jakob Mattmann (Comenius, (1997)
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Ob Hintergründe zu alten Gebäuden, Geschichten zu Plätzen, stadtbekannte Personen, bedeutende Ereignisse oder der Wandel von Stadtteilen – im «Damals»-Blog werden historische Veränderungen und Gegebenheiten thematisiert.
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