Luzerner flieht mehrmals aus Strafanstalt Der Ausbrecherkönig Luzerns – eine urbane Legende

04.11.2021, 10:57 Uhr 5 min Lesezeit 4 Kommentare
<p>(Bild: zvg. Delf Bucher)</p>
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Ausblick aus der Strafanstalt an der Baselstrasse. (Bild: zvg / Delf Bucher)

Ausbrechen liegt ihm im Blut: Nicht einmal die extra für ihn konzipierte «Thalizelle» kann ihn halten. Von den nationalen Medien gefeiert und vom Justizsystem gehasst. Der Ausbrecherkönig polarisiert die Massen wie kaum ein anderer.

Polarisierend ist wohl das richtige Wort, um den Berufsdieb Johann Thali zu beschreiben. Die Bevölkerung bewundert ihn für seine waghalsigen Ausbrüche aus Strafanstalten, fürchtet sich aber auch vor seinen Diebeszügen. In den Schweizer Medien wird er nur als «Ausbrecherkönig» bezeichnet.

Ein zweifelhafter Titel, der jedoch wohlverdient ist. Siebenmal schafft er es, aus der Strafanstalt in der Baselstrasse 20 in Luzern zu entfliehen. Doch jedes Mal wird er wieder ergriffen. Er schafft es meist nicht, länger als einige Wochen in Freiheit zu bleiben. Legenden ranken sich um seine Ausbrüche, die mit jedem Mal waghalsiger werden.

Sogar eine extra für ihn errichtete Zelle hält seinem Freheitsdrang nicht stand.

Beginn einer Diebeskarriere

Seine kriminelle Karriere beginnt mit ersten Diebstählen während seiner Müllerlehre. Im zweiten Jahr seiner Ausbildung werden seine Diebstähle erstmals geahndet, was ihm eine Freiheitsstrafe von zwei Monaten einbringt. Uncharakteristisch für seine spätere Einstellung zu Haftstrafen, sitzt er die zwei Monate ab, ohne zu fliehen.

Diese erste Verwahrung scheint Thali jedoch nicht abgeschreckt zu haben. Nur zwei Jahre später wird er 1867 erneut wegen des gleichen Delikts verurteilt. Mit seinem Komplizen, einem gewissen «Stübi», soll er elf Diebstähle begangen haben. Der folgende Urteilsspruch wird sein Leben definieren und ihm zu zweifelhaftem Ruhm verhelfen.

Die Richter haben kein Nachsicht mit Thali und Stübi. Die beiden werden zu acht Jahren Zuchthausstrafe verurteilt, abzusitzen in der kantonalen Strafanstalt in Luzern. Dieses Gefängnis wird, mit Ausnahme von einigen Unterbrüchen, Thalis Zuhause bis zu seinem Lebensende sein. Die Richter sind sich einig, eine solche Bedrohung für das Wohlergehen der Bevölkerung muss weggesperrt werden.

Was sie jedoch nicht wissen, ist, dass sie mit ihrem Urteil den Grundstein für eine Ära der Justizblamage gelegt haben.

Im Jahr 1879 hat die mediale Berichterstattung um Thali Hochkonjunktur. Infolge eines erneuten Ausbruchs – mittlerweile der dritte – sieht sich das «Luzerner Tagblatt» veranlasst, in Anlehnung an den Gefängnisdirektor Josef Jost, Folgendes zu schreiben: «Das Davonlaufen scheint während der Ära Jost epidemisch werden zu wollen.»

Die «Ära Jost»

Das Unvermögen, den Inhaftierten Thali innerhalb der Mauern der Strafanstalt zu halten, veranlasst die Luzerner Medien zu Spott gegenüber der Gefängnisdirektion. Als Verantwortlicher wird der Gefängnisdirektor Josef Jost gesehen.

Eine regelrechte Schmutzkampagne wird gegen den konservativen Direktor lanciert, welcher vom liberalen «Tagblatt» als politischer Gegner angesehen wird. Sie sparen nicht mit Anschuldigungen, bezichtigen ihn als «tüchtigen Landökonom», welcher das Gefängnis wie ein Bauerngut führe. In seiner oppositionellen Haltung fordert das «Tagblatt» einen «wissenschaftlich gebildeten Direktor», welcher nach den Ausführungen seiner Kampagne wohl das komplette Gegenteil zu Jost sein soll.

Doch nicht nur in Luzern ziehen die Medien über den Gefängnisdirektor her. Auch der Nebelspalter, das Satiremagazin aus Zürich, beteiligt sich an der Kritik. Auf der Titelseite wird Jost mit Johann Thali gemeinsam karikiert. Er hilft seinem berühmten Insassen dabei bei der Flucht.

Spektakulärer Ausbruch

Thalis spektakulärer Gefängnisausbruch, welcher in seiner Verwegenheit die nationale Medienlandschaft entzückt, ereignet sich am 27. August 1879.

Sich des enormen Fluchtrisikos Thalis bewusst, beginnt die Luzerner Gefängnisdirektion mit dem Bau einer Sicherheitszelle, die dem talentierten Ausbrecher und seinem Freiheitstrieb einen Riegel vorschieben soll. Doch noch vor der Fertigstellung der Zelle geschieht das Undenkbare: Thali flieht erneut. Das «Tagblatt» titelt: «Thali ist wieder fort – (…) sein Ausbruchsgenie hat ihm den Weg gewiesen, bevor die ausbruchsichere Zelle erstellt war.»

Seine Flucht war über den Estrich der Strafanstalt erfolgt. Dort konnte er sich seiner Sträflingskleidung entledigen und sich wie ein Zivilist kleiden. In dieser Alltagsmontur sei er dann über die unbewohnte Direktorialwohnung aus einem Fenster gestiegen. Seine gewonnene Freiheit ist allerdings nicht von langer Dauer, schon zwei Tage später wird er erneut festgenommen und ins Zuchthaus rückgeführt. Eine Konstante in seinen Ausbruchsversuchen.

Bildung einer urbanen Legende

Lange hält das «Ausbruchsgenie» es jedoch nicht in seiner Zwangsheimat aus. Im November 1879 wird die Öffentlichkeit erneut mit der wohlbekannten Meldung des ausgebrochenen Johann Thali konfrontiert. Das «Schmerzenskind der Luzernischen Strafanstalt» hat es doch tatsächlich geschafft, die «ausbruchsichere Thalizelle» hinter sich zu lassen.

Mithilfe von eigens hergestellten Dietrichen kann er die Schlösser seiner Zelle knacken. So gelangt er in den Holzhof des Gefängnisses, wo er auf eine Leiter stösst. Er stellt sie auf, steigt über die Gefängnismauer und tritt erneut in die temporäre Freiheit. Dieses Mal währt seine Freiheit eine ganze Woche, am Ende wird er auf dem Herbstmarkt in Stans von zwei Luzerner Landjägern gefasst. Bei der Ankunft in Luzern versichert er der Gefängnisdirektion, dass er erst im Sommer des kommenden Jahres wieder auszubrechen gedenke.

Das «Tagblatt» erfreut sich des erneuten Ausbruchs, schreibt sogar, dass es eine gewisse «Zärtlichkeit» gegenüber dem Publikumsliebling empfindet. In der öffentlichen Auffassung wird Thali gefeiert, als gerissener und risikobereiter Held zelebriert. Es bildet sich ein Kult um ihn. Nach dem Ausbruch aus der «ausbruchsicheren» Zelle wird er als Magier angesehen. Überall und nirgendwo sei er zugleich, ein Gespenst der Moderne.

Nach seinem letzten Ausbruch 1880 wird Thali nach Luzern zurückgeführt. Wohl wissend, welche Wirkung er auf die Massen hat, entwirft die Luzerner Polizeidirektion eine Alternativroute, sodass ein Volksauflauf am Bahnhof verhindert werden kann.

Die Vergeltung der Luzerner Justiz

Die Romantisierung seiner Person bringt neben der Bewunderung des Volkes allerdings auch einen unerwünschten Nebeneffekt: der Wille auf Vergeltung des Justizsystems. Nachdem sich die Luzerner Gefängnisdirektion jahrzehntelang von Thali hat blossstellen lassen, ist ihre Intention glasklar. Rache für die jahrelange Düpierung ist das Motiv. So lässt sich auch erklären, wieso Thali, angesichts der relativen Milde seiner Straftaten, bis an sein Lebensende im Gefängnis sitzt.

Es wird vom «Luzerner Tagblatt» berechnet, dass er durch seine Diebstähle Schäden von 1’700 Franken verursacht habe. Diesen Betrag vergilt ihm die Luzerner Justiz mit einer totalen Freiheitsberaubung von 32 Jahren. Das Missverhältnis zwischen Straftat und Sanktion ist überdeutlich unverhältnismässig.

Was Johann Thali die lebenslange Strafe einbringt, ist die Blossstellung der Justiz. Das Tauschgeschäft des persönlichen Ruhmes gegen ein Leben in Freiheit hat ihm ausser ein paar Schlagzeilen und öffentlicher Bewunderung nichts eingebracht. Sein Mehrwert für die Gesellschaft ist inexistent.

Aber Ausbrechen, das konnte er.

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4 Kommentare
  1. Chantal Hüsler, 11.11.2021, 17:21 Uhr

    Ein wahrer Lesegenuss!
    Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag!

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  2. Estermann Hannes, 09.11.2021, 18:57 Uhr

    Zu meiner Kinderzeit vor mehr als 70 Jahren,war der Herlisberger JohannThali in unserer Familie,vor allem an den langen kalten Winterabenden,stets immer wieder ein mit grosser Spannung gern gehörtes Thema.Für uns Landkinder war Thali eine faszinierende Figur, vor allem wegen seinen spektakulären Gefängnisausbrüchen. Zusätzlich noch durch Vaters «vermutlich» ausgeschmückte Erzählung.
    Weshalb dies in unserer Familie bestens bekannt war,erfuhr ich erst Jahrzehnte später bei meinen
    geneal.Arbeiten über unsere Grossmutter (ledig) Maria Lang aus Herlisberg/LU.
    Weshalb ? Die Lösung finden sie in einem gut geschriebenen E- Beitrag in der Seetaler Brattig von 1989.
    Das darin beschriebene Vorkommnis mit Käthy, war nämlich die leibliche Tante unserer Grossmutter.

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  3. Sven Camenzind, 07.11.2021, 10:06 Uhr

    Unglaubliche Geschichte! Sehr interessant und auf jeden Fall lesenswert.

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  4. LK, 04.11.2021, 13:55 Uhr

    Spannend und äusserst lesenswert.

    2 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter

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