Italienischer Diktator als Maurer in Luzern
Benito Mussolini am Bau der Dietschibergbahn beteiligt

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Benito Mussolini kam 1902 in die Schweiz und arbeitete gelegentlich als Bauarbeiter. (Bild: Wikipedia)

Aufgrund einiger Grossprojekte in der Baselstrasse steigt im 19. und 20. Jahrhundert der Bedarf an Arbeitskräften, welcher mit einer Zuführung von italienischen Gastarbeitern befriedigt wird. Darunter befindet sich der italienische Diktator Benito Mussolini. Er wird in Luzern von seinem Vorgesetzten der Brandstiftung verdächtigt.

Die Baselstrasse am ehemaligen Stadtrand Luzerns ist eines der vielfältigsten Quartiere der Stadt. Dutzende von Nationen leben neben- und miteinander und bereichern den Kulturraum. Einwanderer der ersten Migrationswelle, welche den Weg in die multikulturelle Gegenwart eingeleitet haben, kommen vornehmlich aus Italien.

Zwei Grossprojekte

Für verschiedene Tunnelbauprojekte und für Steinbrüche sind im 19. Jahrhundert Werktätige gefragt. Der Bau des ersten Gütschtunnels 1855, welcher Platz für eine Bahnlinie mit Zugang zum Bahnhof schaffen soll, sowie die diversen Steinbrüche rund um die Baselstrasse herum bringen einen grösseren Bedarf an Arbeitern. Um die Ausgaben so gering wie möglich zu halten, greift man auf italienische Gastarbeiter zurück.

Arbeiterviertel Baselstrasse

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die einstige Vorstadt immer mehr zum Arbeiterviertel. Der Bedarf an günstigen Mietwohnungen in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsort steigt. So wird der Standort Baselstrasse auch für Gastarbeiter und Migranten zum bevorzugten Wohnort. Doch vor allem in den Anfangszeiten fällt den Zuwanderern die Integration schwer. Teilweise arbeiten die Gastarbeiter in einem befristeten Verhältnis, sodass sie keinerlei Möglichkeiten haben, langfristige Beziehungen aufzubauen. Dies führt dazu, dass sich Vereine und Treffpunkte bilden, welche von Italienerinnen geführt und auch frequentiert werden.

Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs ziehen immer mehr italienische Migranten nach Luzern. Infolge einer Volkszählung stellt sich heraus, dass 1900 etwa ein Drittel aller Bewohner aus dem Ausland kommen, die meisten aus Italien.

Mit dem Heranwachsen der zweiten Generation und dem Aufkommen interkultureller Beziehungen festigen die Italiener ihren Platz im multikulturellen Miteinander im «Untergrund». Die Mehrheit der Einwanderer übt in der unmittelbaren Zeit nach ihrer Ankunft handwerkliche Berufe aus. Im Laufe der Jahre diversifizieren sich ihre Tätigkeiten, manche eröffnen ihre eigenen Baufirmen oder finden in anderen Branchen ihren beruflichen Werdegang. Einige gründen italienische Restaurants und Lebensmittelgeschäfte und bringen den Eingewanderten damit ein Stück Heimat in ihr zweites Zuhause.

«Foschi» und der kleine Diktator in Luzern

Für manche wird dieses zweite Zuhause zum Lebensmittelpunkt. Auch, weil ihre alte Heimat sie nicht mehr anerkennt. So geschehen im Falle des Baupoliers Oswald Foschio-Huber.

Foschio-Huber hat eine Schweizerin aus Luzern geheiratet und mit ihr eine grosse Familie gegründet. Eine Anstellung beim Bau der Dietschibergbahn verschlägt ihn nach Luzern. 1911 beginnen die Bauarbeiten. Als Polier fällt er positiv auf, seine Kollegen schätzen ihn und versehen ihn mit dem Spitznamen «Foschi».

Beim Bau der Standseilbahn untersteht ihm ein italienischer Maurer, welcher durch seine schwierige, träumerische und teils widerspenstige Art auffällt. Dabei handelt es sich um den künftigen Diktator Italiens, Benito Mussolini.

Mussolini: Schon in Luzern ein Brandstifter?

Auf der Baustelle wird aufgrund eines Einbruchs und anschliessenden Brandes in einer der Baracken ermittelt. Polizisten befragen mehrere Arbeiter nach dem Tathergang, auch Foschio-Huber. Dieser verdächtigt seinen Mitarbeiter Mussolini, bezichtigt diesen der «Träumerei» und «Undurchsichtigkeit». Der spätere Begründer des italienischen Faschismus wird daraufhin von der Polizei als dringend tatverdächtig eingestuft und beim städtischen Stadthalteramt vorstellig.

Am Bau der Dietschibergbahn waren zahlreiche italienische Arbeitskräfte beteiligt – darunter auch Benito Mussolini.
Am Bau der Dietschibergbahn waren zahlreiche italienische Arbeitskräfte beteiligt – darunter auch Benito Mussolini.

Heimatlos

In der anschliessenden Untersuchung wird der Tatverdacht aufgrund mangelnder Beweise nicht aufrechterhalten. Die Reichweite des Vorfalls wird sich für Foschio-Huber aber erst noch zeigen. Nachdem Benito Mussolini 1922 infolge der faschistischen Machtergreifung zum Ministerpräsidenten ernannt wird, ändert sich Foschio-Hubers Leben.

Sein italienischer Pass wird aberkannt, wohl als direkte Folge seiner Denunziation Mussolinis. Sein Leben muss er ab diesem Moment als Heimatloser fristen, denn seine Bemühungen um das Luzerner Bürgerrecht bleiben erfolglos. In Luzern ist «Foschi» eine bekannte Figur, als zuverlässiger Handwerker angesehen und durch seine gesellige Art bei Nachbarn und Kollegen beliebt.

Es sind Menschen wie er, welche durch ihre Positivität und Lebensfreude die Baselstrasse nachhaltig verändert und den Weg in die heutige multikulturelle Gegenwart geebnet haben. Auch, wenn sie dabei Opferbereitschaft zeigen und ihre alte Heimat für eine neue eintauschen mussten.

Verwendete Quellen
  • P. Schnider: Fabrikindustrie zwischen Landwirtschaft und Tourismus, Industrialisierung der Agglomeration Luzern zwischen 1850 und 1930, Luzern 1996 (Luzerner Historische Veröffentlichungen; 31).
  • K. Zbinden: Von der italienischen Kolonie im Luzerner Quartier «Untergrund», Schweizerische Bauzeitung Band 85, Luzern 1967.
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8 Kommentare
  1. Remos, 20.02.2022, 10:24 Uhr

    Sicher bereicherten damals die italienischen Einwanderer die Baselstrasse. Damals waren sie aber auch mit einem drittel in der Minderheit.
    Heute ist dieser mulitkulturelle Moloch einfach nur etwas vom hässlichsten, was die Stadt zu bieten hat. Diese kriminelle Parallelgesellschaft als Bereicherung zu bezeichnen…?

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  2. Benny Burner, 18.02.2022, 15:31 Uhr

    Nero hat Rom angezündet, und Mussolini den Dietschiberg! LOL

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    1. Rudolf 1, 19.02.2022, 06:36 Uhr

      Benito Mussolini hat dieses Gebäude nicht angezündet; so steht es im Text.

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      1. Stephan, 23.02.2022, 06:46 Uhr

        Er hat das weder angezündet noch nicht angezündet. Wer lesen kann, der interpretiert diesen Satz hier: «wird der Tatverdacht aufgrund mangelnder Beweise nicht aufrechterhalten»
        wie folgt: «man hat keine Beweise und deshalb ist unklar, ob er es tat oder nicht tat. «

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  3. Marc Fischer, 18.02.2022, 14:45 Uhr

    Mein Vater erzählte mir mehrmals, dass Mussolini damals u.a. auch für das luzerner Baugeschäft Vallaster – welches u.a. das Maihof-Schulhaus und das SKA-Gebäude baute – als Muratori gearbeitet habe.

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  4. Tobias Grau, 18.02.2022, 13:19 Uhr

    Mussolini als Maurer in Luzern – wie geil ist das denn! Danke zentralplus, mein Highlight der Woche!

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  5. Tempi passati, 18.02.2022, 12:49 Uhr

    Sie mussten ihre Heimat nicht verlassen, sie kamen freiwillig. Kein Luzerner hat sie dazu gezwungen. Aber gut, dass sie gekommen sind. Heute bietet die Baselstrasse jedoch keinen schönen Anblick. Viel zu viele heruntergekommene Häuser und Läden. Auch die Migros-Filiale ist längst zu.

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    1. Rudolf 1, 19.02.2022, 06:38 Uhr

      Herr Passati, es handelte sich um sog. «Wirtschaftsflüchtlinge», die ihre Familien nicht verhungern lassen wollten.

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