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«Auch mit Bart ist’s manchmal hart!»
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Elektrischer Trockenrasierapparat der Marke Philips, 1950-1960 (Bild: Museum Burg Zug )

Aus der Geschichte der Rasur – nicht nur für Hipster «Auch mit Bart ist’s manchmal hart!»

4 min Lesezeit 10.05.2019, 12:04 Uhr

«Auch mit Bart ist’s manchmal hart.» Diese Redewendung stammt aus dem Poesiealbum meiner grossen Schwester. Das Sprichwort wurde in den 1970er Jahren von einem Praktikanten des Lehrerseminars Luzern in ihr heiss geliebtes Album notiert. Und enttäuschte und irritierte uns kleine Mädchen sehr!

Neben dieser rätselhaften Widmung blickte uns auf einer Postkarte ein bärtiger Mann an, der unmöglich der angehimmelte Aushilfslehrer sein konnte. Nein! Jahre später erst realisierten wir: Beim Gemälde handelte es sich um das Selbstporträt des Schweizer Malers, Zeichners und Grafikers Arnold Böcklin (1827­–1901) aus dem Jahr 1873.

Ob der Aushilfslehrer im Nachgang der 1968er auch einen Bart trug, wissen wir nicht mehr; naheliegend wäre es rund um die Hippie-Generation gewesen, als Zeichen von Individualität und Protest. Das besagte Album befindet sich in Privatbesitz, das Museum Burg Zug (MBZ) hütet in seinem Depot jedoch einige Poesiealben, Zeugen sogenannter Mädchenjahre.

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Poesiealbum mit Gedichten und Segenswünschen von Maria Smarzyk (1893– 1936), Mutter von Gabriela Wyss-Knecht, der ersten Psychiaterin im Kanton Zug, um 1905

Poesiealbum mit Gedichten und Segenswünschen von Maria Smarzyk (1893– 1936), Mutter von Gabriela Wyss-Knecht, der ersten Psychiaterin im Kanton Zug, um 1905

(Bild: Museum Burg Zug)

Neue Hipster braucht das Land

Heute, rund 45 Jahre später, liegt das Thema Bart wieder in der Luft. So drehte die amerikanische Firma Gillette (heute Procter & Gamble), führend in der Herstellung von Rasierapparaten, kürzlich ein Video, das hohe Wellen schlug. Ihr 30 Jahre alter Werbespot für Rasierklingen – «The best a man can get» – entspreche nicht mehr dem heute kursierenden Männerbild, liess die Kommunikationsabteilung verlauten, und werde umgewandelt in «The best man can be».

Der knapp zweiminütige Film erteilt Macho-Stereotypen wie sexistischen Sprüchen oder abfälligen Bemerkungen Minderheiten gegenüber eine Absage. Stattdessen plädiert Gillette für eine andere Männlichkeit: Das Video zeigt Männer, die angegriffenen Buben zu Hilfe kommen oder andere Männer eindeutig ansprechen, wenn sie Frauen sexuell anmachen. Der Clip wurde innerhalb von zwei Tagen über zehn Millionen Mal angeklickt, spaltete jedoch die Männerwelt. Gucken Sie selbst!

Rasierklingen und Guillotinen

Das die Männer- und allenfalls auch die Frauenwelt aufwühlende Video, hier «glattwangige Männer», da «schlecht rasierte Dumpfbacken» (gemäss «Neue Zürcher Zeitung» vom 24.1.2019), war für das Satiremagazin Charlie Hebdo ein gefundenes Fressen. Die Titelseite vom Januar 2019 kürte zwei – bartlose – Männer in «Gilets jaunes», mit Sprechblasen zu den beiden grossen Kontrahenten Gillette und Wilkinson (ehemals britischer Hersteller von Rasierklingen, heute dem US-Konzern Edgewell Personal Care gehörend). Welche Klinge schneidet besser? Die beiden Männer bereiten die Guillotine für ihren Staatspräsidenten vor.

Titelblatt Charlie Hebdo, Nr. 1382, 16. Januar 2019, Privatbesitz

Titelblatt Charlie Hebdo, Nr. 1382, 16. Januar 2019, Privatbesitz

(Bild: Foolz /Charlie hebdo )

Video wie Karikatur animierten uns, in Sachen Rasur einen Blick in die eigene Sammlung zu werfen. Was befindet sich im Depot des MBZ rund um das Barthaar? Aus der Sammlung M&E Design besitzt das MBZ eine Reihe von elektrischen Rasierapparaten aus der Muster- und Vorbildsammlung von Walter Eichenberger, einer der beiden Köpfe des ehemals in Zug (Gründung 1967) und Cham (seit 1987) beheimateten Designbüros. Lange Zeit war dieses das einzige Industriedesign-Büro in der Zentralschweiz.

Mit einem Auftrag der Metallwarenfabrik Zug von 1969 fasste das Kleinunternehmen bald einmal Fuss und mit Aufträgen für Landis & Gyr schaffte das Büro den Einstieg zur Gestaltung von Apparaten, Geräten und Instrumenten für Industrie und Gewerbe. Pionierhaft war M&E Design in der Etablierung einer Kultur der interdisziplinären Zusammenarbeit bezüglich Produkteentwicklun. 2002 lösten Walter Eichenberger (*1936) und Ernest Muchenberger (*1934) ihr Büro auf.

Nassrasur – mit edlen Exponaten

Wie aber haben sich Männer vor Erfindung des elektrischen Rasierapparates flott gemacht? Mit diesen Hilfsmitteln war für die Nassrasur noch richtiges Handwerk gefragt.

links: Rasierpinsel, 1. Hälfte 20. Jh. Mitte: Rasiermesser, 1. Hälfte 20. Jh. rechts: Ovales Rasierbecken, mit Haltevertiefung für den Daumen an der linken Seite, 1820 – 1880

links: Rasierpinsel, 1. Hälfte 20. Jh. Mitte: Rasiermesser, 1. Hälfte 20. Jh. rechts: Ovales Rasierbecken, mit Haltevertiefung für den Daumen an der linken Seite, 1820 – 1880

(Bild: Museum Burg Zug)

Männer: Mit diesen scharfen, weichen und edlen Werkzeugen würde es wohl schon fast wieder Freude machen, den Schaum mit einem Dachshaarpinsel in einem Fayence-Keramik Rasierbecken von Hand sanft aufzuschlagen, um die Barthaare weich zu machen, die Poren aufzulockern und mit einer schönen Klinge aus Edelstahl den Barthaaren rund um den Mund, am Kinn und an den Wangen den Garaus zu machen, seien es Koteletten, ein Schnurrbart, ein Kinn- oder ein Vollbart. Aber dies ist vielleicht nur Männern den Honig um den Bart geschmiert.

Neu erworbene Rasiersets aus der Sammlung Luthiger, 19. Jahrhundert.

Neu erworbene Rasiersets aus der Sammlung Luthiger, 19. Jahrhundert.

(Bild: Museum Burg Zug)

Die Sammlungskuratorinnen stehen für Bild- und Rechercheanfragen für wissenschaftliche Anliegen gerne zur Verfügung.

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