«Humanitätsschwindler und Mörderfreunde»
Als Luzern die abgeschaffte Todesstrafe zurückforderte

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Die Luzerner Guillotine kam nur wenige Jahre nach Abschaffung der Todesstrafe wieder zum Einsatz. (Bild: Historisches Museum Luzern, Theres Bütler)

Vor 150 Jahren keimten in der Schweiz erstmals politische Diskussionen auf, die Todesstrafe endgültig abzuschaffen. Als man 1874 über die Totalrevision der Bundesverfassung abstimmte, wollte man darin auch die Todesstrafe abschaffen. Die Initiative wurde angenommen. Doch nur wenige Jahre später sollte die Luzerner Guillotine bereits wieder für eine Hinrichtung bereit gemacht werden.

1874 stimmten die stimm- und wahlberechtigten Männer aus der Schweiz zum zweiten Mal innert zwei Jahren über eine Totalrevision der Bundesverfassung ab. Während jene gescheitert war, nahm die Stimmbevölkerung diese nun an. Zu vielen weiteren Beschlüssen kam derjenige hinzu, die Todesstrafe gesetzlich abzuschaffen.

Hinrichtungen durch das Schwert und die Guillotine sollten nun ein abgeschlossenes Kapitel der Schweizer Geschichte verkörpern. Doch die in den nächsten Jahren immer wieder brutal begangenen Verbrechen bewegten die Bevölkerung dazu, sich vermehrt dafür einzusetzen, die Todesstrafe wieder einzuführen. Täter ein Leben lang einzusperren war vielen nicht Strafe genug.

Das politisch verfolgte Ziel: die Todesstrafe

In kurzer Zeit machte eine Petition die Runde durch die Schweiz, welche forderte, die Todesstrafe wieder einzuführen. Über 30’000 Unterschriften wurden gesammelt und brachten die Bundesversammlung im Jahr 1879 dazu, die Todesstrafe wie «vom Volke gewünscht» wieder einzuführen.

Dieser Entscheid kam vors Volk, wo er ebenfalls deutlich angenommen wurde. 70 Prozent der Schweizer waren für eine Wiedereinführung der Todesstrafe. Von den 20’000 Luzernern, die abgestimmt hatten, waren lediglich 6’000 gegen die Wiedereinführung. Die Parolen, «die gestörte Rechtsordnung sei wieder herzustellen», «die beleidigte Gerechtigkeit sei wieder zu sühnen» und «die Verurteilten verdienen eine gerechte Strafe» setzten sich durch.

Die Befürworter der Abschaffung diffamierten ihre Gegner als «Mörderfreunde» und «Humanitätsschwindler», die das Leben ihrer Kinder niedriger taxierten als das «verwirkte Dasein eines ruchlosen Mörders», wie es in der Tageszeitung «Vaterland» hiess. Obwohl die Todesstrafe einen massiven Widerspruch zur «modernen» und humanitären Verfassung darstellte, fand sie so den Weg zurück in die Schweizer Bundesverfassung. Und sorgte dafür, dass viele verurteilte Menschen ihr Leben im Auftrag des Staates verloren.

Viele Todesurteile wurden bis zur endgültigen Abschaffung ausgesprochen

Trotz der brutalen Verbrechen der vorangegangenen Jahre dauerte es einige Zeit, bis die wieder eingeführte Todesstrafe in Luzern ausgesprochen wurde. 1885 hatte ein einfacher Tagelöhner namens Jakob Mattmann seine Tochter gnadenlos zu Tode geprügelt. Für dieses erbarmungslose Verbrechen verurteilte man ihn zum Tode.

Die Hinrichtung war schon geplant, als die Mehrheit des Grossen Rates für eine Begnadigung des Mannes stimmte. Die grosse Mehrheit von 95 zu 130 Räten stimmte einer lebenslangen Haftstrafe zu. Gleich darauf sah der Liberale Johann Winkler eine Chance, die Todesstrafe wieder abzuschaffen. Er scheiterte jedoch, ohne Grosses bewegt haben zu können.

Die Schweiz schaffte die Todesstrafe erst Jahrzehnte später endgültig ab

Wieder vergingen einige Jahre, bis in Luzern zum zweiten Mal ein Todesurteil ausgesprochen wurde. Josef Kaufmann hatte in Luzern gemordet, geraubt und Häuser angezündet, wofür man ihn zum Tode verurteilte. Doch auch er wurde begnadigt und verbrachte seinen Lebensabend im Zuchthaus in Luzern.

Doch als 1891 der junge Italiener Ferdinand Gatti seine ehemalige Lehrerin aus der Primarschule vergewaltigt und erwürgt hatte, sahen die Räte keinen Grund, ihn zu begnadigen. So wurde zehn Jahre nach der Wiedereinführung das erste Mal jemand hingerichtet. Der «Lustmörder» wurde 1891 zum Tode verurteilt und durch die Guillotine getötet. Diesem Urteil folgten in den nächsten Jahrzehnten noch einige ähnlicher Art.

50 Jahre und eineinhalb Weltkriege sollte es noch dauern, bis die Todesstrafe in der Schweiz 1942 schliesslich ganz abgeschafft wurde.

Verwendete Quellen
  • Heidi Bossard-Borner, Vom Kulturkampf zur Belle Epoque, Der Kanton Luzern 1875–1914, Band 46, Staatsarchiv des Kantons Luzern und Stadtarchiv Luzern (Hg.), Basel, 2017.
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