Folgenreicher Abend unter Söldnern in Frankreich Abendmahl unter Luzerner Arbeitskollegen mit Todesfolge

01.10.2021, 11:02 Uhr 5 min Lesezeit 1 Kommentar
Abendmahl unter Luzerner Arbeitskollegen mit Todesfolge
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Was mit einem Abendessen unter Söldnerkollegen begann, endete in einer Tragödie. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Drei Luzerner Söldner freuen sich auf ihr wohlverdientes Abendmahl. Es gibt Gans, frisch erlegt. Doch wie der Festschmaus enden wird, das können sie sich wohl auch in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen. Die Erzählung eines missglückten Abendmahls.

Diese Geschichte beginnt mit der Jagd auf ein paar Gänse. Französische Gänse, um exakt zu sein. Ihr Leben endet, als drei hungrige Luzerner Männer sie erblicken. Was diese drei Männer in Frankreich machen? Sie führen Krieg. Nicht, weil sie ihr Heimatland verteidigen wollen, sondern weil es ihr Beruf ist. Und der Kampf macht Appetit. Die drei Männer kehren mit ihrer Beute zurück zu ihrem Regiment.

Ihr Regiment ist gerade auf der Rückreise eines Kampfeinsatzes. Dieses Mal mussten sie für den französischen König Karl IX. kämpfen. Im Zuge der dortigen Religionskriege führt sie ihr Metier in den Einsatz gegen die protestantischen Hugenotten. Wobei der Gegner keine Rolle spielt, solange die Bezahlung stimmt.

Die drei Luzerner Männer sind seit März unterwegs und kehren jetzt, im Herbst des Jahres 1570, wieder in ihr Heimatland zurück. Sie befinden sich an diesem Abend in einem ungenannten Dorf in Frankreich, so klein und unbedeutend, dass es vom Autoren dieser Quelle einfach nur als ein «Fleck» beschrieben wird.

Es gibt Gans

Ein Fleck, der als Nachtplatz für das Regiment auserkoren wird. Da die Verpflegung der Soldaten nicht organisiert wird, müssen sie sich selbst ernähren. Und das tun sie auch. Die drei Luzerner, Kaspar Hindschwiler, Jakob Dietli und Hans Österreicher, scheinen gute Jäger zu sein, denn sie erbeuten drei «fette» Gänse.

Mit diesen Gänsen kehren sie freudig, in Erwartung des bevorstehenden Abendmahls, in ein leerstehendes Haus ein. Kaspar Hindschwiler wird als Koch bestimmt, während seine beiden Jagdkumpanen sich auf die Suche nach befreundeten Arbeitskollegen begeben. Sie wollen das Abendessen mit ihren Mitkämpfern teilen. Wie sollen sie zu dritt auch mehrere ausgewachsene Gänse verzehren?

Sieben Kumpane

Dietli und Österreicher kehren mit drei weiteren Kollegen zurück, Niklaus Koli, Israel Messerschmied und Daniel Woger. Die drei sind befreundet, setzen sich also zusammen an einen Tisch im verlassenen Haus. Sie verspeisen die von Hindschwiler zubereiteten Gänse, unterhalten sich und trinken.

Das Abendessen verläuft ereignislos, bis ein weiterer ihrer Arbeitskollegen eintrifft. Jörg aus Winterthur ist ungeladen, gesellt sich aber trotzdem dazu. Daraufhin tritt ein Schweigen am Tisch ein, die Präsenz des ungebetenen Gastes trübt die Stimmung. Konversation wird mit Alkoholkonsum ersetzt. Wie unter Söldnerkreisen üblich, wird viel getrunken. Hindschwiler und Jörg aus Winterthur sind bekannte Trinker, werden aufgrund auffälligen Trinkverhaltens aktenkundig vermerkt. Dies könnte auch erklären, wie sich die folgende Szene entwickelt.

Post von der Gattin

Niklaus Koli ist der Erste, der die Ruhe unterbricht. Um von der betretenen Stille abzulenken, fragt er Hindschwiler, ob er seinen Brief sehen dürfe. Dieser Brief wurde diesem von seiner Frau zugestellt, besitzt also einen emotionalen Wert für Hindschwiler. Er will Koli den Brief aushändigen.

Der geladene Gast, Israel Messerschmied, kommt ihm jedoch zuvor und reisst ihm den Brief aus den Händen. Aufgebracht argumentiert Hindschwiler für die Rückgabe seines Eigentums, wird jedoch nicht erhört. Er sucht unter seinen befreundeten Kollegen nach Hilfe, findet allerdings nicht die erhoffte Reaktion.

Die Eskalation nimmt ihren Lauf

Jakob Dietli entwendet ihm seinen Degen und schubst ihn in eine Ecke des Raumes. Auch der ungeladene Gast unterstützt Hindschwiler nicht, Jörg aus Winterthur verlangt sogar, dass man ihn prügelt, bis er seinen Brief wieder vergisst.

Vom unrechtmässigen Diebstahl seines Briefes aufgebracht und vom Alkoholkonsum bestärkt, lässt sich Hindschwiler auf eine impulsive Aktion ein. Eine Kurzschlussreaktion, die ein Menschenleben kostet, uns gleichzeitig aber auch eine hervorragende Quelle beschert.

Da Hindschwiler seinen Degen nicht bei sich trägt, geht er ins Nachbarzimmer zu einer bekannten Gruppe von Söldnern. Er nimmt sich ein Messer und kehrt zurück zu der Tafel, wo die Überreste ihres Abendmahls noch stehen. Er fordert seinen Brief erneut ein, mit Nachdruck, da er jetzt bewaffnet ist.

Seine Forderung wird ignoriert. Dietli schreitet auf ihn zu, beginnt ihn anzugreifen und trifft ihn mit seiner Faust am Kopf. Jörg aus Winterthur springt ebenfalls in das Getümmel, schlägt Hindschwiler auf den Boden. Sein Messer sticht Hindschwiler jetzt wild in die Luft, versucht sich zu verteidigen und merkt, dass er mit seinem Messer in etwas eindringt. Es ist der Körper von Jörg aus Winterthur. Der Messerstich scheint ein lebenswichtiges Organ getroffen zu haben, denn Jörg verstirbt noch auf der Stelle.

Ein glimpflicher Verlauf

Wohlwissend, dass er eine Straftat begangen hat, begibt sich Hindschwiler zu seinem Vorgesetzen, dem Marschall de Montmorency. Dieser rät ihm, sich schnellstmöglich nach Luzern zu begeben, um dort einen Rechtsspruch zu erwirken. In Luzern angekommen, muss Hindschwiler seine Aussage vom Unterschreiber der Luzerner Kanzlei, Renward Cysat, aufnehmen lassen.

Vom Gericht wird Kaspar Hindschwiler zu einer Geldstrafe von 80 Gulden verurteilt, darf allerdings seine Freiheit behalten. Seine Karriere als eidgenössischer Söldner ist aufgrund dieses Vorfalls wahrscheinlich trotzdem beendet. Jedenfalls findet sich keine Erwähnung mehr von einem soldatischen Dienst in Zusammenhang mit seinem Namen.

Sein Geständnis allerdings, von Renward Cysat aufgenommen, hat die Zeit überdauert und dient noch heute als erstklassige Quelle. So lässt sich noch viele Jahrhunderte später ein Abend zwischen eidgenössischen Söldnern rekonstruieren. Ein Einblick auf eine nicht so ruhmreiche, dafür aber authentische Tat.

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1 Kommentare
  1. Luca Kobza, 06.10.2021, 13:27 Uhr

    Sehr spannender Bericht.

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