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Mein Corona-Tagebuch: Heute Michelle Kalt
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Michelle Kalt beim Dreh mit Social Distancing. (Bild: zvg)

Das war die Woche der Zuger Comedians Mein Corona-Tagebuch: Heute Michelle Kalt

4 min Lesezeit 31.03.2020, 16:01 Uhr

Mein liebes Corona-Tagebuch

Montag, 23. März 2020

Trotz Selbstisolation liegt eine volle Woche vor mir: Ich habe diverse juristische Projekte am Laufen, deren Abgabefrist sich nähert, und am Mittwoch und Donnerstag werde ich eine dreiminütige Nummer für die Satire-Sendung «Deville» auf SRF 1 erarbeiten, die am Freitagabend aufgezeichnet werden soll.

Ausgerechnet jetzt merke ich, dass mir der Kaffee ausgegangen ist. Halb so schlimm: Dank der ständig steigenden Corona-Fallzahlen bin ich sowieso nervös. Als ich kurz in den Supermarkt muss und mir auf dem Heimweg unbedacht mit dem Handrücken die Nase abwische, überlege ich kurz, Desinfektionsmittel zu schnupfen. Ich entscheide mich dagegen.

Dienstag, 24. März 2020

Immer noch viel Arbeit, aber zum Glück ist mein Paket mit Nespresso-Kapseln gekommen. Ich beschliesse, das Paket zur Sicherheit noch 24 Stunden lang beim Eingang liegen zu lassen, damit auch sicher alle Viren tot sind. Derweil desinfiziere ich die Rüebli, die ich am Vortag gekauft habe. Ich mache ein Foto vom Quarantäne-Kaffee und poste es auf Instagram. Meine Mutter, passive Instagram-Nutzerin, ruft mich an und sagt, ich würde es jetzt also imfall übertreiben mit den Hygiene-Massnahmen, und überhaupt, ob ich auch genug esse?!

Zur Autorin

Die Zugerin Michelle Kalt ist seit 2018 in der Comedy-Szene aktiv und hatte seither über 200 Auftritte (zentralplus berichtete). Bekannt wurde sie durch Auftritte bei SRF3, seit diesem Sonntag gehört sie als TV-Anwältin fest zur Satire-Sendung von Dominic Deville auf SRF. Ausserdem ist sie bei einer auf Wirtschaftsrecht spezialisierten Zürcher Kanzlei als Anwältin tätig.

Am Abend habe ich Kopfschmerzen. Corona? Nein, nur ein rauchiger Kopf. Dominic Deville ruft an und gibt mir das Thema für die Nummer dieser Woche durch: etwas zur juristischen Seite der Corona-Massnahmen des Bundesrats. Ich öffne eine Flasche Rotwein und notiere mir ein paar Ideen. Irgendwann lege ich die Arbeit beiseite und überlege mir, stattdessen alle fünf Staffeln «Queer Eye» nochmals zu schauen. Noch ein Glas Rotwein.

Mittwoch, 25. März 2020

Ich arbeite mit Hochdruck an der Nummer für Deville. Zuerst lese ich aber ein paar Stunden lang nach, wie das mit dem Epidemiengesetz, der Bewegungsfreiheit und dem verfassungsmässigen Notverordnungsrecht des Bundesrats alles funktioniert.

Als ich am frühen Nachmittag noch immer null Gags geschrieben habe, rufe ich entnervt meinen Vater an. Ich höre ihn durchs Telefon glucksen. «Wird das eine Satire-Nummer oder eine Doktorarbeit?» Er hat natürlich recht. Ich beschliesse, mich an den Quarantäne-Kaffee heranzuwagen, und gönne mir eine Tasse.

Irgendwann läuft es besser mit den Gags. Täuscht es mich oder sieht Daniel Koch aus wie «Dobby der Hauself» von Harry Potter? Ich rufe meine Eltern an, um es herauszufinden. Mein Vater weiss nicht, wer Dobby der Hauself ist. Am Abend mache ich mir eine Gemüsepfanne und schicke meiner Mutter ein Foto meines kulinarischen Triumphs.

Donnerstag, 26. März 2020

Dominic Deville ruft an und gibt mir Feedback zum ersten Entwurf meiner Nummer: Es fehlt noch ein guter Anfangs-Gag, vielleicht etwas zum Thema Bundesverfassung? Als ich den Text am Nachmittag überarbeite, google ich wichtige Fragen wie «Wie gross ist Tamara Funiciello?» und «Welches sind die nervigsten Schweizer?».

Home Office bei Michelle Kalt

Gegen Abend ist der Text fertig. Weil ich zu aufgedreht bin, kann ich nicht gleich einschlafen. Ich liebäugle wieder mit dem Rotwein, doch habe ich inzwischen ein besseres Einschlafmittel gefunden: die Bundesverfassung. 

Freitag, 27. März 2020

Es ist Drehtag bei «Deville»! Ich übe meine Nummer ein und werfe mich in Schale – was für ein merkwürdiges Gefühl, wieder einmal Hosen anzuhaben. Gegen Abend verlasse ich meine Wohnung in Richtung des Zürcher Limmatplatzes, wo sich die Produktion von «Deville» befindet. Normalerweise wird die Sendung vor Publikum aufgezeichnet, wegen Corona fällt das aber diesmal ins Wasser. Stattdessen drehen wir einzeln im Büro, selbstverständlich mit dem nötigen Zwei-Meter-Abstand.

Es ist nun fünf Tage her seit meinem letzten Supermarkt-Besuch. Die durchschnittliche Corona-Inkubationszeit ist also vorbei. Ich werde mutig und ertappe mich dabei, wie ich abends die Zähne putze, ohne vorher die Zahnbürste abzukochen. «No risk, no fun», sage ich mir. 

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