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Wie ich es schaffte, dass die Vorlesung aufs Klo mitkommt
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Der neue Studienalltag zu Zeiten des Virus spielt sich meistens im Home Office ab. (Bild: Pixabay)

Uni-Alltag zu Corona-Zeiten Wie ich es schaffte, dass die Vorlesung aufs Klo mitkommt

5 min Lesezeit 06.04.2020, 10:55 Uhr

Der Alltag für Luzerner Studentinnen und Studenten geht weiter, allerdings unter neuen Vorzeichen. Dies eröffnet auch ganz neue Möglichkeiten. Während des Seminars zu essen oder mal eben schnell mit dem Notebook aufs stille Örtchen zu verschwinden.

Mein Studierenden-Dasein, heruntergebrochen auf einen einzigen Tag. Wie der ganz normale Uni-Wahnsinn weitergeht, nun einfach in einem etwas anderen Format.

Dienstagmorgen 7:30

Mein Wecker klingelt. Völlig desorientiert stelle ich das Ding ab und bin versucht, nochmals einzuschlafen. Schon halb weggedriftet meldet sich meine innere Stimme und fragt sich: «Welchen Tag haben wir heute eigentlich? Warum zur Hölle habe ich vergessen, den Wecker auszuschalten? Es ist doch Wochenende ?!»

Mein Griff zum Handy zeigt mir, dass bereits acht Minuten vergangen sind und mit Schrecken stelle ich fest: Es ist Dienstag!

7:41

In 44 Minuten startet mein Seminar. Ach was solls, erstmal Kaffee. Es ist ja nicht so, dass ich (wie sonst üblich) zum Bus rennen müsste. Noch immer etwas desorientiert, mit Kaffee in der Hand streife ich durch die Wohnung.

Ich quatsche ein wenig mit meiner Mam, die auch gleich zur Arbeit muss.

8:07

Nach zwei weiteren Runden Kaffee, einer kleinen Kaffeetassen-Suchaktion und dem Tritt ins Büro bemerke ich, dass ich noch immer keine Hose trage, in meinem Gesicht noch Nachtcrèmereste verschmiert sind und meine Haare zerzaust sind, als hätte ein Tornado auf meinem Kopf gewütet.

8:19

Ich habe es tatsächlich geschafft, zu spät im Zoom-Meeting aufzuschlagen. Ich war zu Beginn des Semesters schon immer die letzte. Was die vom Seminar wohl denken?

Naja, wenn die meinen Sprint zum Kleiderschrank mit Seife im Gesicht gesehen hätten, die hätten gestaunt, das sag ich dir.

9:25

Mittlerweile bin ich richtig Fan von Online-Seminaren, wirklich. Die Diskussionen laufen gut, man kann sogar Gruppenarbeiten machen und ab und zu läuft wem die Katze in den Bildschirm oder sonst irgendwelche Gestalten tauchen im Hintergrund auf.

Blöd nur, dass wir keine Pause eingelegt haben. Ich müsste eeecht dringend aufs Klo. Plötzlich die Kamera auszustellen bei insgesamt acht Seminarteilnehmenden ist zwar schon ganz schön auffällig, aber dadurch, dass ich den Laptop gleich mit ins Bad genommen habe, konnte ich dem weiteren Gesprächsverlauf folgen.

Wenn das mal nicht ne Win-win-Situation ist. Ein zweiter grosser Pluspunkt ist, dass ich nun endlich die Namen meiner Seminargspändli kenne, weil die alle so schön angeschrieben sind in ihrem Chat-Fenster.

Sowas hätte mir im echten Leben schon so manche peinliche Situation erspart.

11:38

An der Methoden-Vorlesung hat sich eigentlich nicht viel geändert. Ausser, dass ich mich nun endlich traue, während der Vorlesung zu essen. Dementsprechend sieht auch meine Tastatur aus.

«Vielleicht sollte ich mir das schleunigst wieder abgewöhnen», denke ich und nehme einen Schluck von Kaffee Nummer fünf. «Warte, welchen Wochentag haben wir noch gleich?»

12:42

Zeit für eine Pause. Eigentlich müsste ich noch ziemlich viel lesen. Dadurch, dass ich zu Beginn dieser ganzen Corona-Geschichte doch etwas unsicher war, habe ich die Seminarvorbereitungen ein wenig vernachlässigt.

Aber das kann ich ja auch später noch machen. Stattdessen verliere ich mich in Corona-Beiträgen auf Social Media. Die Kreativität der Menschen fasziniert mich total. Ich verschlucke mich fast an meinem sechsten Kaffee, als ich einen Beitrag zu «Reisepläne 2020» sehe.

Eine Reise von Balkongo nach Haustralien bis Kloronto ist da beschrieben.  Da kommt mir der Artikel über geschlossene Friseurläden in den Sinn. Da ist von Haarnachie, Scheitelkeit und Schehrensache die Rede.

«Heute ist doch Dienstag, eigentlich hätte ich einen Termin zum Haare schneiden.» Aber das kann ich dann wohl vergessen. Corona sei Dank.

16:13

Nachdem ich etwas draussen war und meine Sporteinheit absolviert habe, sitze ich wieder über meinen Seminartexten gebeugt – meine all-dienstägliche Inanspruchnahme des Hochschulsportangebots gestaltet sich zurzeit ja eher schwierig – da stolpere ich über ein Zitat des Soziologen (eigentlich ist er noch viel mehr als das) Thomas Luckmann.

1967 erstmals erschienen, scheint dieses Zitat an Aktualität nicht verloren zu haben:

«Jedes normale menschliche Wesen ist sich der Grenzen seiner Erfahrung und der zeitlichen, räumlichen und sozialen Schranken seiner Existenz bewusst. In Wahrnehmung und Handeln gibt es ein «davor» und ein «danach», ein «vorne» und «hinten».

Unser Gemeinsinn sagt uns, dass wir Teil einer grösseren Welt sind, in der es viel mehr gibt als unser Selbst, unseren Leib und unser Bewusstsein. Im Alltagsleben sind uns die Grenzen dessen, was wir tun können, auferlegt. Dinge geschehen, die wir nicht wollen.

Früher oder später werden wir uns der Grenzen und Schranken unserer Wahrnehmung, unseres Handelns, unserer gesamten Existenz bewusst.

Auch wenn wir im Allgemeinen nicht darüber nachdenken, wissen wir, dass die Welt uns transzendiert und dass es in der Welt Dinge gibt, die uns transzendieren.»

Mit Luckmann gegen die Ungewissheit

Zu transzendieren bedeutet, mehr wahrzunehmen als das, was unsere Sinne wahrnehmen können. Erst diese Fähigkeit macht uns gewissermassen zu dem, was wir Mensch nennen.

Und es scheint mir wichtiger denn je, weil wir es somit überhaupt schaffen, mit dieser Ungewissheit, die uns jetzt umgibt, klarzukommen. Und auch wenn ich im Studium gelernt habe, kritisch zu denken und Theorien und Definitionen zu hinterfragen, kann ich mit gutem Gewissen voll und ganz hinter diesem Zitat stehen.

Und ich freue mich schon auf die nächste Zoom-Diskussion, in der wir Luckmann besprechen werden. «Aber da ich den Text bis am Mittwoch gelesen haben muss, hab ich ja noch zwei Tage Zeit, mir darüber Gedanken zu machen.»

20:51

Nachdem ich noch etwas mit meiner Mam über den Tag geplaudert habe, tausche ich mich mit meinen Studifreunden aus – digital versteht sich – und während sie mir erzählen, wie sehr sie die Bibliothek vermissen und wie anstrengend ein Blockseminar via Zoom sein kann, transzendiere ich schon mal in die Semesterferien, in denen der Spuk hoffentlich schon vorbei ist. Oder zumindest in mein Lieblingsseminar vom morgigen Donnerstag. Träumen ist ja schliesslich noch erlaubt.

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