Was, wenn ich nicht studiert hätte?

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Die «Belly Button Challenge» ist der neuste Internethype und hat so gar nichts mit einer wirklichen Lebens-Challenge zu tun. (Bild: Pawel Streit)

Drei Jahre studiert – und, ganz im Stil von Goethes Faust, immer noch genau so schlau wie zu Beginn?
 Ein Resümee kurz vor dem Abschluss.

Drei Jahre studiert – und, ganz im Stil von Goethes Faust, immer noch genau so schlau wie zu Beginn? Ein Resümee kurz vor dem Abschluss.

Weder Mutter noch glücklicher

Heute Morgen sass ich brötchenkauend beim Frühstück und fragte mich, wie es wohl so wäre, wenn ich nicht studiert hätte. Wäre es anders? Wäre ich anders?

Im Grossen und Ganzen wohl nicht. Abgesehen von meinem Kontostand vielleicht. Ich wäre weder bereits Mutter noch glücklicher ohne Studium, ich hätte bloss einen Job, dachte ich und blätterte um. Vor mir lag eine dieser Zeitschriften, die mehr Bilder als Text beinhalten und laut derer alle weiblichen Promis sofort schwanger sind, wenn sie einmal etwas zu viel gegessen haben. Gott sei Dank bin ich kein Promi, dachte ich, während ich ein weiteres Brötchen halbierte und dabei gleichzeitig das Magazin überflog. Dabei fiel mein Blick auf ein Foto, und ich stutzte.

Belly Button Challenge für Anfänger

Das Bild zeigte einen schlanken Frauenkörper, der in einer seltsamen Haltung fotografiert worden war. Das Gesicht der jungen Frau war nicht zu sehen, der Fokus des Fotos lag auf ihrem Oberkörper. Sie stand da, griff mit dem rechten Arm hinter ihrem Rücken durch und dann von der linken Taillenseite auf ihren Bauch. Ihre Finger tippten dabei auf ihren Bauchnabel. Die Überschrift lautete «Die Belly Button Challenge» und der Artikel dazu erklärte, dass es sich bei dieser «Challenge», die nichts mit einer echten sportlichen Herausforderung zu tun hat, wie das der Name fälschlicherweise implizieren könnte, um einen neuen Internethype handle. Der Leitgedanke hinter diesem Hype war die Illusion, dass das Erreichen des Challenge-Ziels – komplett verrenkt den eigenen Bauchnabel anzutippen – mit einem schönen und schlanken Körper gleichgesetzt werden kann.

Obwohl dieses seltsame und von den (a-)sozialen Medien gefeierte Körperideal herzlich wenig mit dem Körpergewicht einer Person und erschreckend viel mit ihrer Anatomie zu tun hat, überraschte mich die Absurdität dieses Phänomens zwar, weiter berührt hat es mich aber nicht.  

Die echten Challenges

Denn dank all den Seminaren und Vorlesungen zur Konstruktion von Geschlechterrollen, Körperidealen, der Macht von Kleidung, Fotos und Medien, bin ich als Studi in der Lage, solche Bilder einzuordnen. In dieser Hinsicht bin ich tatsächlich schlauer als noch vor dem Studium. Was ich früher beispielsweise als nette Lebenshilfe wahrgenommen habe, wenn ich an Ständen auf der Luzerner Bahnhofsstrasse «Stresstest» gelesen habe, sehe ich heute als das, was man eine «neue Religion» nennt und im Volksmund manchmal generalisierend mit einer «Sekte» gleichsetzt. Die Macht von Religion und der Schaden, der mit etwas, was als Religion wahrgenommen wird, angerichtet werden kann – ohne Studium hätte ich diese Dinge nur geahnt.  

Auch wäre es mir noch vor drei Jahren nie in den Sinn gekommen, das Wort «Geschlecht» zu hinterfragen. Heute ertappe ich mich dabei, wie ich Dinge absichtlich nicht mache, weil ich merke, dass ich damit einem Geschlechterstereotyp entsprechen würde. Einen Mann um Hilfe bitten, mir Löcher fürs Bücherregal in die Wand zu bohren? Niemals, viel zu klischeebehaftet! Ein Date, bei dem ich beide Getränke zahle und er es auch annimmt? Das hingegen finde ich cool!

Die Uni hat mir in manchen Bereichen die Augen geöffnet und meine Weltanschauung verändert.

Die Uni hat mir in manchen Bereichen die Augen geöffnet und meine Weltanschauung verändert. Darin besteht für mich der Unterschied zu einem Leben ohne Studium. In anderen Bereichen hingegen tappe ich auch nach drei Jahren noch im Dunkeln; von vielen Theorien verstehe ich nach wie vor nur Bahnhof.

Das habe ich vor einigen Tagen – kurzzeitig desillusioniert – etwas unüberlegt meiner Prüfungsexpertin für die schriftliche Bachelorprüfung mitgeteilt. Sie antwortete darauf nicht «Natürlich weisst du viel» oder «Ach komm, einiges weisst du bestimmt!», sondern meinte:«Wenn du glauben würdest, jetzt schon alles zu wissen, dann hättest du etwas nicht verstanden».

Ich werde sie bei meiner Prüfungsbewertung gerne daran erinnern.

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