Mein Leben zwischen Elfenbeinturm und Alltag
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Woher können wir wissen, dass wir uns nicht irren und bloss von einem bösen Dämon getäuscht oder von einem verrückten Wissenschaftler, der unser Gehirn in einen Tank gesteckt hat, mit Illusionen versorgt werden? (Bild: Dawid Zawita via Unsplash)

Über «die wahren Probleme» des Lebens Mein Leben zwischen Elfenbeinturm und Alltag

4 min Lesezeit 2 Kommentare 29.03.2021, 10:55 Uhr

Viele Menschen, mit denen ich mich im Zusammenhang mit meiner Arbeit unterhalte, können sich nicht vorstellen, dass ich auch noch studiere. Was für eigentümliche Situationen daraus resultieren und welche mentalen Kettenreaktionen solche Begebenheiten in meinem Gehirn auslösen, darüber berichte ich hier.

In meinem Arbeitsalltag als freie Journalistin spreche ich oft mit Menschen, welche mit der aktuellen Situation rund um Corona nicht zufrieden sind. Ausführlich beschweren sie sich über «die Studierten», ohne dabei in Erwägung zu ziehen, dass ihr Gegenüber, in diesem Fall ich, dieser Gruppe angehören oder sich zumindest auf dem Weg dorthin befinden könnten. Ihrer Ansicht nach hätten diese Berufstheoretiker vom wahren Leben keine Ahnung, kämen aber mit immer noch mehr unbrauchbaren Ideen daher, wie man mit der aktuellen Situation umzugehen habe.

Das wahre Leben – was für ein gewagter Ausdruck, schiesst es mir als Philosophiestudentin sofort durch den Kopf. Augenblicklich ist mein Interesse geweckt und mein Geist ist, nachdem er während des meist unspektakulären Interviews eher in einem gemütlichen Modus verweilt hat, hellwach, und ich versinke in meiner inneren Welt, um dort über eben dieses wahre Leben zu sinnieren.

Böse Dämonen und Gehirne im Tank

Eine wahrhaftig komplexe Sache hat mein Gegenüber da gerade angesprochen, denke ich mir im Stillen. Währenddessen fährt mein Gehirn hoch und beginnt all jene Türen aufzureissen, hinter denen sich Informationen zu diesem Thema befinden könnten. Meines Erachtens müsste man nun in einem ersten Schritt allerdings erst einmal die verschiedenen erkenntnistheoretischen Positionen (Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit den Voraussetzungen, mit welchen man zu Wissen und Erkenntnis gelangen kann) durchgehen, um entscheiden zu können, welcher man am ehesten zugeneigt ist.

Diese mit meinem Gegenüber nun, im Anschluss an das eben geführte Interview, durchzudenken, könnte jedoch unser beider Zeitbudget etwas sprengen. Insbesondere dann, wenn wir uns bezüglich der Position nicht einigen könnten. Das wäre zwar eine interessante Ausgangslage für allerlei weitere Diskussionen, würde uns aber noch einiges mehr an Zeit kosten. Und nicht nur das: Selbst wenn wir uns auf dieselbe Position einigen würden, wie könnten wir denn sicher sein, dass wir uns nicht irren und wir bloss von einem bösen Dämon getäuscht oder von einem verrückten Wissenschaftler, der unser Gehirn in einen Tank gesteckt hat, mit Illusionen versorgt werden?

Fragen über Fragen!

Während ich mir den Kopf über all diese nicht zu ignorierenden Optionen zerbreche, spricht mein Gegenüber beflissen weiter, verbreitet seine vermeintlich hieb- und stichfeste Idee darüber, wie man sinnvollerweise vorgehen müsste, damit die wahren Probleme des Lebens endlich gelöst werden können, und ist weit davon entfernt zu bemerken, dass ich noch immer dabei bin inbrünstig über seine erste Aussage nachzudenken.

Doch soeben hat er mich erneut gedanklich getriggert und zur Frage, was das wahre Leben ist, gesellt sich in meinem Oberstübchen nun die Frage hinzu, was denn eigentlich «die wahren Probleme» sind. In meinem Kopf beginnt es noch mehr zu brodeln. Und in dem Masse, wie mein Gedankenkarussell an Dynamik zulegt, verblasst die Stimme im Aussen, bis ich mich nur noch am Rande erinnern kann, dass da eigentlich eine Unterhaltung stattfinden würde.

Ein Ding der Unmöglichkeit

Dafür blättere ich noch intensiver meinen inneren Katalog an philosophischem Wissen durch, welches ich mir bis anhin aneignen konnte. Ich beginne vergangene Seminarveranstaltungen und Vorlesungen geistig durchzukauen, um Hinweise zu finden, die sich als hilfreich erweisen könnten.

Voller Motivation versuche ich schliesslich, einer allfälligen Antwort auf die beiden sich mir aufdrängenden Fragen einen Schritt näherzukommen, die sich auch noch als brauchbar genug erweist, um erwähnenswert zu sein. Doch je länger ich darüber nachdenke und je mehr ich mich durch einst gelesene Bücher geistig durchgrabe, umso mehr wird mir die Unmöglichkeit dieses Unterfangens bewusst.

Elfenbeintürme mit Konfliktpotenzial

Das energische Räuspern meines Gegenübers und die Frage, was ich denn eigentlich über die Studierenden in ihren Elfenbeintürmen denke, beamen mich augenblicklich zurück in eine Realität, in welcher ich stirnfaltig beäugt werde und offensichtlich eine Antwort von mir erwartet wird. Die Interviewsituation hat mich wieder, dieses Mal aber in umgekehrter Formation. Studierende in Elfenbeintürmen? Was ich von denen halte?

Glücklicherweise eine etwas schneller zu beantwortende Angelegenheit als jene zum wahren Leben oder zu den wahren Problemen, da bloss meine Meinung gefragt zu sein scheint und ich mich einigermassen gut mit mir als Studierender auskenne. Erfreut darüber, auch von meiner Seite her noch einen Beitrag in Form einer Antwort zu diesem Gespräch leisten zu können, hole ich tief Luft, nur um in diesem Moment zu beobachten, wie mein Gegenüber hastig auf die Uhr schaut und sich mit einer beiläufigen Begründung eilig verabschiedet. Vielleicht besser so, denke ich mir, die Antwort hätte der davonziehenden Person womöglich sowieso nicht gefallen.

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2 Kommentare
  1. richard scholl, 29.03.2021, 14:32 Uhr

    In der Schweiz ist Studieren gratis. Kein Student entlöhnt seine Lehrer. Ob er dereinst dank seinem Studium auch mehr Steuern zahlt im Vergleich zu den Nichtstudierten? Gegenwärtig studieren rund 11 000 Leute Psychologie. Brauchen wir soviele? Können wir uns diese Fehlallokation von Steuergeldern leisten?

    1. Alois Amrein, 29.03.2021, 17:11 Uhr

      Wie man hier sieht, haben Sie nicht studiert, sonst würden Sie nicht solchen Unsinn schreiben. Kein Studium ist gratis, es fallen überall Gebühren an, ganz egal ob Universität, ETH oder Technikum. Falls privat geführt, fallen zudem noch hohe Schulgelder an. Hinzu kommt, dass das Leben während des Studiums nicht gratis ist, deshalb arbeiten viele Studenten, die keinen reichen Papa haben, während des Studiums. Was eine grosse Doppelbelastung darstellt.

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