Ein aufwühlendes Kolloquium in Luzern Von Starphilosoph David Chalmers, Hühnern und Zombies

24.05.2021, 11:00 Uhr 4 min Lesezeit
Was würdest du tun, wenn du mit dem Stellen der Weiche entscheiden könntest, ob der Trolley eine Person oder fünf Personen überfährt? Und was, wenn es sich um Hühner und Zombies handelt? (Bild: Unsplash)
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Was würdest du tun, wenn du mit dem Stellen der Weiche entscheiden könntest, ob der Trolley eine Person oder fünf Personen überfährt? Und was, wenn es sich um Hühner und Zombies handelt? (Bild: Unsplash)

Was für coole News, wenn einem der Dozent mitteilt, dass man an einem Kolloquium mit der Philosophiekoryphäe David Chalmers teilnehmen kann. Den Termin schrieb ich mir gleich gross und fett in die Agenda, denn so eine Gelegenheit wollte ich mir bestimmt nicht entgehen lassen.

Am Auffahrtsdonnerstag um 18 Uhr war es so weit. Der digitale «Talk» mit David Chalmers, einem australischen Philosophen, wurde gestartet. Zugegeben, etwas aufgeregt war ich schon, denn mit grossem Interesse verfolge ich seit geraumer Zeit seine Arbeit zum Thema «The Hard Problem of Consciousness», dem «schwierigen Problem des Bewusstseins».

Dabei geht es um die Schwierigkeit zu erklären, warum Menschen sogenanntes phänomenales Erleben haben. Also warum wir Menschen Erlebnisse aus der ersten Person (der Ich-Perspektive) erleben und wie solche subjektiven Erlebnisse wie «sich selbst zu sein» oder «Tomaten zu essen» überhaupt zustande kommen. Dazu kommt, dass ich ein ausgeprägtes Faible für Gedankenexperimente und Zombies habe. Damit ist man gar nicht schlecht für Chalmers philosophische Ansichten und Methoden gerüstet.

Das Trolley-Problem mal anders

Inhalt des Talks war die Suche nach Antworten auf die Fragen, ob nur Wesen mit Bewusstsein aus moralischer Sicht relevant sind. Und wenn ja, welche Formen von Bewusstsein dabei höher gewichtet werden als andere. Zur Unterstützung dieser Denkaufgabe sowie um unserer Intuition auf die Sprünge zu helfen, nutzte Chalmers das berühmte Trolley-Problem, eines der weltweit bekanntesten Gedankenexperimente. Anstelle von Personen lagen bei seiner Version jedoch Hühner und Zombies auf den Geleisen.

Wärst nun du die Weichenstellerin und könntest darüber entscheiden, ob der Trolley ein einziges Huhn mit Hühnerbewusstsein oder fünf Zombies ohne jegliches Bewusstsein überfährt, was würdest du tun? Oder wie würdest du dich entscheiden, wenn anstelle der Zombies Vulkanier (fiktionale Bewohner des Planeten Vulkan aus der Sci-Fi-Serie «Raumschiff Enterprise») auf den Geleisen lägen? Diese haben zwar keine Gefühle und Emotionen, verfügen aber durchaus über rationales Bewusstsein. Nach fast zwei Stunden Hirngymnastik dieser Art, kam das Kolloquium schliesslich zu einem Ende. Inspiriert und mit vielen neuen Eindrücken und kognitiven Anreizen, liess ich den Tag verklingen.

Plötzlich Hühner oder was?

Den Kopf noch immer voller Gedanken, lag ich am darauffolgenden Morgen bereits zu früher Stunde hellwach im Bett; an Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich entschloss mich deshalb aufzustehen, um mit meinem Velo gemütlich zum Schrebergarten zu fahren. Etwas seltsam erschien es mir unterwegs dann schon, dass mir ausgerechnet an diesem Morgen beinahe ein Huhn ins Vorderrad rannte. Es schien dem alten Bauernhof am Stadtrand entlaufen zu sein. Um Haaresbreite hätte ich das arme Tier – zwar nicht mit einem Trolley, dafür mit meinem Velo – erwischt.

In meinen Gedanken ploppte unweigerlich die Frage auf, seit wann es auf diesem Bauernhof eigentlich Hühner gäbe. Jahrelang wohne ich nun schon hier und habe noch nie eines gesehen. Zufälle gibt’s. Da es mir nicht gelang, das Huhn einzufangen, entschloss ich mich, zum Bauernhof zu radeln, um den Bauersleuten mitzuteilen, dass eines ihrer Hühner abgehauen sei.

Philosophie versus Filmbranche

Gedacht, getan. Ich klingelte an der Türe. Seltsame, knarrende Geräusche ertönten aus dem Haus. Wie von einer Jahrhunderte alten Treppe, die unter der Last eines Menschen stöhnte und ächzte. Mir war etwas mulmig zumute, ich blieb aber dennoch einigermassen gelassen; immerhin war es mittlerweile taghell, ich hatte also nichts zu befürchten. Als jedoch die Türe aufging und mich ein waschechter Zombie anstarrte, wurde mir augenblicklich klar: Etwas kann hier nicht stimmen – träume ich etwa? Anders liess sich das Ganze wohl nicht erklären.

Zu meinem Glück handelte es sich in meinem Traum um einen philosophischen Zombie, also um so einen, wie sie auch in Chalmers Gedankenexperimenten vorkommen könnten. Diese stehen dort für menschliche Duplikate, aber ohne jegliches Bewusstsein; auch zeigen sie keinerlei aggressives Verhalten. Nicht so wie jene aus der Filmbranche.

Mein Traumzombie mochte – im Gegensatz zu Chalmers Zombies – jedoch Hühner sehr gerne. Irgendwie schien mein Unterbewusstsein durch das Kolloquium etwas durcheinandergeraten zu sein. Am anderen Tag, diesmal wirklich wach, ging ich vorsichtshalber zu Fuss zum Schrebergarten. Nur damit ich sicher niemanden überfahre.

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