Tipps für ein ausgeglichenes Lesepensum
Von der Leseratte zum Lesemuffel – und zurück

  • Lesezeit: 4 min
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«Egal, wie pflichtbewusst man ist, irgendwann haben wir alle genug von den ständig gleichen 26 Buchstaben.» (Bild: Patrick Tomasso)

Lesen gehört zum Studieren wie das Amen in die Kirche. Ein wahrgewordener Traum für alle Bibliophilen unter uns. Aber wie wirkt sich das wissenschaftliche Lesen auf die Freizeitlektüre aus? Wenn das Hobby unter der Pflichtlektüre leidet und was man dagegen machen kann.

Mich vor dem Studium als Leseratte zu bezeichnen war – gelinde gesagt – untertrieben. Bücher wurden nicht gelesen, sondern verschlungen. Zwei bis drei pro Woche war ein normaler Durchschnittswert und ich liebte jede Seite davon. Nicht, dass mir jede Geschichte gleich gut gefallen hätte. Rückblickend betrachtet, versteckte sich zwischen den Klassikern und hochgepriesenen Romanen auch so manches Schundwerk, für das ich nach dem Zuklappen keine allzu positiven Gefühle empfand.

Aber egal, wie ich zur Geschichte oder den Charakteren stand, ich liebte das Lesen an sich. Das Abtauchen in fremde Welten gefüllt mit fantastischen Gestalten und heroischen Protagonisten, die – unter Einfluss der eigenen Kreativität – zu einem übersprudelnden cineastischen Meisterwerk verschmolzen. Und das ohne überrissene Eintrittspreise, sondern praktischerweise im eigenen Kopf.

Das verlorene Paradies

Doch dann kam das Studium und mit ihm ein bislang unbekannter Schrecken in der Gestalt alter Bekannter: Bücher. Vieler Bücher. Wissenschaftliche Texte, die ja per se mit etwas mehr Aufwand gelesen werden müssen als die Unterhaltungslektüre. Der genaue Leseaufwand variiert natürlich stark, je nach Fachrichtung, Semester, Kursen oder einfach nach Woche. (Nach einer nicht repräsentativen Kurzumfrage unter Kommilitonen wird von ca. 150–200 Seiten pro Woche ausgegangen.)

Betrachtet man nur die Anzahl Seiten, mag das erst mal nicht nach sonderlich viel Aufwand klingen, aber Lesen ist bei wissenschaftlichen Texten ein Synonym für Bearbeiten, und schon verdreifacht sich die Arbeitszeit. Aber auch der Umfang eines Textes alleine kann trügerisch sein. So fliegt ein 100-seitiger Text beinahe an einem vorbei und ein 20-seitiger Abschnitt ist so unglaublich umständlich formuliert, dass man sich stundenlang damit abmüht (husthust Luhmann, husthust Stichweh).

Kurz: Das Lesen wissenschaftlicher Texte kann ungemein frustrierend sein.

Und so entwickelt Student halt Taktiken, die den Leseaufwand verringern. So werden dann Unitexte je nach Priorität des Kurses pflichtbewusst bearbeitet, intensiv gelesen, normal gelesen, nebenbei überflogen, Alibi-geleuchtstiftet oder (ja, wir geben es zu) manchmal auch gar nicht beachtet. Aber egal, wie pflichtbewusst (oder nicht) wir uns an die Lektüre der Texte machen, irgendwann haben wir alle genug von den ständig gleichen 26 Buchstaben. Wir fühlen uns begraben unter einer Flut von Sätzen, Zeilen, Abschnitten, Paragraphen und Kapiteln. 

So merkte auch ich, nach anfänglich enthusiastischen Versuchen, die Lektüre-Balance zu halten – mal auf Kosten der Unilektüre, mal auf Kosten der Hobbys –, wie ich immer seltener in meiner Freizeit ein Buch in die Hand nahm. Ich hatte die Freude am Lesen verloren, fühlte mich verraten von meinen einstigen Freunden. Und so kehrte ich ihnen trotzig den Rücken zu, überkompensierte den Verlust mit Filmen und TV-Serien bis zu meinem ultimativen Tiefpunkt, als ich in einem Jahr gerade mal sechs gelesene Bücher vorweisen konnte. Ich war schockiert. Glücklicherweise merkte ich dadurch, dass sich etwas ändern musste.

Kinderbücher und Klassiker

Wenn man mit dem eigenen Lesepensum nicht mehr zufrieden ist, heisst es, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Hier ein 4-Punkte-Plan, der mir persönlich geholfen hat:

  1. Nur das lesen, worauf man wirklich Lust hat. Klingt erst mal logisch, aber manchmal hat man noch ein paar Klassiker zuhause rumstehen, die man unbedingt zuerst lesen müsste, weil Weltliteratur und Allgemeinbildung und so … Einfach das schlechte Gewissen ausschalten und zum seichten Unterhaltungsroman greifen, wenn einem der Sinn danach steht. Gerne darf es auch mal Schund sein. Ja, echt. Und zwar, damit man den Wunsch hat, danach etwas Besseres zu lesen. (Aber Achtung: Finger weg von ganz schrecklichen Werken, sonst wird man eher komplett vergrault.)
  2. Kinderbücher oder geliebte Klassiker nochmals lesen. Der Nostalgiefaktor erinnert einen oft an die guten Gefühle, die das Lesen hervorbringen kann, und motiviert, nach dem Vertrauten etwas Neues in Angriff zu nehmen.
  3. Hörbücher! Klar lässt sich darüber debattieren, ob das wirklich als Lesen durchgeht, aber man kann ohne grossen Aufwand in eine andere Welt abtauchen (und nebenbei den Abwasch erledigen). Ausserdem kommt bei mir als sehr schnelle Leserin immer der Wunsch auf, selbst zu lesen und so schneller zur Auflösung der Geschichte zu kommen. Und schon greife ich zum nächsten «richtigen» Buch.
  4. Sich zu nichts zwingen. Es gibt Tage, an denen die Lieblingsserie einfach wichtiger ist, als auch nur ein kurzes Kapitel zu lesen. Akzeptieren und sich am nächsten Tag vielleicht zwei Kapitel vornehmen.

Die unendliche Geschichte

Erfreulicherweise habe ich damit zu einer gewissen Regelmässigkeit zurückgefunden. Ein Buch pro Woche, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Manchen mag das viel erscheinen, anderen eher wenig. (Bücher für die Uni werden für diesen Durchschnittswert übrigens nicht gezählt.) Klar wünsche ich mir, dass ich irgendwann wieder in meine Routine vor dem Studium zurückfinden werde. Da dafür aber momentan einfach zu wenig Zeit vorhanden ist, erstelle ich mental Listen von Werken, die unbedingt gelesen werden müssen, wenn ich mich wieder ans Verschlingen machen kann. 

Und bis dahin lese ich weiterhin gemütlich und träume von meinem (hypothetisch) zukünftigen Bibliothekszimmer. Keine wissenschaftlichen Bücher erlaubt. Naja, vielleicht ein paar. Sind ja schlussendlich doch auch Bücher.

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