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Von bösen Geisterschreibenden verfolgt
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Klingt verlockend: Sich die Arbeit von einem Ghostwriter verfassen lassen. (Bild: Adobe Stock)

Das würde mich Ghostwriting kosten Von bösen Geisterschreibenden verfolgt

3 min Lesezeit 16.03.2020, 10:58 Uhr

Seminararbeiten an der Uni zu schreiben – für mich meistens ein notwendiges Übel. Meine Konzentration gleicht der eines Goldfischs. Auf Facebook huscht plötzlich eine spannende Anzeige über meinen Bildschirm: Ghostwriting.

Anfangs Vorlesungszeit spuken erst wenige Studierende durch die Bibliothek. Einsam vegetiere ich vor mich hin, statt fleissig meine Seminararbeit zu verfassen. Meine Stimmung lässt sich eher mit Ent- als mit Begeisterung beschreiben.

Da ist Social Media eine spannende Abwechslung. Geistesabwesend scrolle ich durch den Newsfeed. Ich sehe meine Freunde beim Skifahren, ein Artikel über die neusten Coronavirus-Entwicklungen, ein Bekannter kandidiert jetzt für den Kantonsrat … Alles spannender, als mich in die Literatur zu vertiefen. Bei einem Beitrag bleibe ich hängen: «Beruf und Studium unter einen Hut kriegen? Mit uns schaffen Sie den Spagat zwischen beruflicher und akademischer Karriere.» Die Anzeige einer Ghostwriter-Agentur.

Meine Neugier siegt – zumindest am Anfang

Schon immer wollte ich wissen, wie das mit diesem Ghostwriting genau funktioniert. Neugierig durchforste ich die Website. Einfach um meine Allgemeinbildung auf den neusten Stand zu bringen – denke ich zumindest am Anfang. Denn natürlich weiss ich, dass meine Uni Ghostwriting nicht duldet.

Die Angst, dass dies irgendwann auffliegen könnte, würde mich verfolgen wie ein mühsamer Poltergeist. Dennoch überschlagen sich meine Gedanken: Wie funktioniert das? Würde mein Betrug auffliegen? Wie würde eine fremde Person meine Fragestellung beantworten und was kostet der Spass?

Ghostwriting for Dummies

Die Website bringt etwas Klarheit in meinen Kopf: Die Schreiber sind anerkannte Akademiker, mit denen telefonisch das Vorgehen vereinbart wird. Man verspricht mir individuell angefertigte wissenschaftliche Forschung, geprüfte Qualität, höchste Diskretion dank verschlüsselter Kommunikation und vollkommene Kostentransparenz sowie mehr Freiraum für mich.

Einzig auf die Frage, weshalb sie auf ihrer Facebookanzeige mit einem 08/15-Männermodelfoto im Anzug und Gucci-Gürtel geworben haben, finde ich keine Antwort. Aber auch egal, schliesslich ist es mir aufgefallen zwischen all meinen skifahrenden Facebook-Freunden … Ob ich damit auch von der Uni fliegen würde, wird mir nicht beantwortet. Ich stolpere hingegen über den interaktiven Preisrechner und probiere ihn, natürlich nur zu Recherchezwecken, gleich mal aus.

Meine Arbeit ist Gold wert – oder Plastik

Meine Seminararbeit (Anforderungen: 20 Seiten lang, Niveau mittel, auf Deutsch, ohne Datenerhebung) würde demnach 2’200 Franken kosten. Kein Betrag, den mein Ausbildungskonto mal einfach so ausspuckt. Trotzdem verlockend, wenn ich daran denke, was ich mit der freiwerdenden Zeit anstellen könnte. Wäre da nicht dieser Poltergeist in meinem Gewissen.

Ich rechne weiter: 2’200 dividiert durch 180 (die Anzahl Stunden, die ich für meine Arbeit investieren sollte). Das macht einen Stundenlohn von nicht mal 13 Franken. Und für diesen Hungerlohn sollen «hochqualifizierte Fachautorinnen und Fachautoren» meine Arbeit schreiben? Entweder veräppelt mich der Preisrechner oder meine Arbeit würde alles andere als geistreich werden.

Das Angebot klingt zwar verlockend, aber zu mysteriös für meinen Geschmack. Immerhin weiss ich jetzt, dass ich theoretisch 13 Franken pro Stunde verdiene, wenn ich in der Bibliothek vor mich hin vegetiere.

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