Digital versus Print
Papierkram im 21. Jahrhundert

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Konzentration auf das Papier, ansatt sich von der «Zerstreuungsplattform» Internet ablenken zu lassen. (Bild: pixabay)

Print ist tot, da war sich unsere Bloggerin als Digital Native ganz sicher. Wer braucht denn noch Papier? Digital ist die neue Religion. Doch seit ihrem Studienbeginn veränderte sich ihre Beziehung zum weissen Blatt.

Die digitale Revolution ist mein Held. Klar: Es lässt sich diskutieren, ob die Omnipräsenz von kleinen Wundergeräten heldenhaft ist, das wäre Thema für einen anderen Beitrag. Doch mein Studenten-Ich ist überzeugt, in den besten Jahrzehnten zu leben. Das Internet ist grossartig. Allwissend (hach!) und grenzenlos.

Essenzieller Teil des Heldenstatus gebührt Youtube, der zweitgrössten Suchmaschine der Welt. Und weitaus verständlicher als Wikipedia. «Wie funktioniert die EU?», «Bourdieu und Luhmann im Vergleich» oder «Demokratietheorie einfach erklärt» – danke, ihr lieben Menschen, dass ihr euer Wissen teilt. Auf Youtube kann man potenziell Experte für alles werden. Suche «how to …» und staune. Erstaunt haben mich die Professoren an der Uni Luzern. Avantgardistisch setzen einige das digitale Wundermittel in ihren Vorlesungen ein.

Download-Button ersetzt Bücherarchive

Studieren im Print-Zeitalter stelle ich mir schrecklich mühselig vor, zum Beispiel die Literatursuche in schummrigen Archiven. Heute reicht ein Klick und die Datenbank spuckt Texte aus aller Welt zu bestimmten Stichworten raus. Zugegeben: Die Fülle an zugänglichen Informationen ist als Student mit chronischem Zeitmangel nicht nur positiv, doch mit steigender Semesterzahl durchforste ich den Literaturdschungel geschickter. Download-Button drücken und lesen.

Papier ist Vergangenheit, da war ich als Digital Native überzeugt. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Und wieso sollte ich physische Blätter mit mir rumtragen, wenn ich virtuell zugreifen kann, auf was ich will?  Selbst an der Uni verteilen die Dozenten keine Unterlagen mehr. Ist alles verfügbar auf dem Zentralhirn, der Lernplattform namens Olat. Wer was ausdrucken will, ist selbst schuld.

Mein Vater hat im Glauben, seine Kinder werden studieren, ein Bücherregal mit zeitlosen Texten aufbewahrt. Die Theorien der wichtigsten Philosophen, Dürrenmatt und ein Weltatlas. «Ach Papi», habe ich zu Beginn des Studiums gedacht, «1980 hat angerufen, es will sein Medium zurück.»

Das Internet ist eine Zerstreuungsplattform

Nun, man darf sich auch mal täuschen. Irren ist menschlich. Und so gebe ich zu: Zum Standardinventar meiner Tasche gehört ein Mäppli voller wissenschaftlicher Texte, die später verziert mit bunten Leuchtstiftspuren auf dem Pult landen. Dort liegt bereits ein halbes Lexikon. Mein Dilemma erkläre ich mit den Worten der renommierten Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann: Das Internet ist eine grosse, organisierte Zerstreuungsplattform. Sie nennt das Aufmerksamkeitskultur, der Mensch reagiert auf Impulse, er will schnell etwas finden. Ausdrücke wie surfen zeigen, dass man sich treiben lässt.

«Lese ich am Laptop, habe ich den Drang, irgendwas sonst zu suchen.»

Dies trifft mein Problem auf den Punkt. Lese ich Literatur am Laptop, habe ich alle fünf Minuten den Drang, irgendwas sonst zu suchen. Und dann verliere ich mich im virtuellen Universum. Im Gegensatz dazu, ich zitiere nochmals Assmann, hat ein Blatt Papier oder eine Buchseite einen stabilen weissen Hintergrund.

Mit Papier zur Konzentration

Dem Blatt Papier habe ich seit meinem Studium einen neuen Wert zugeschrieben. Den Wert der Ruhe, Konzentration und der Simplizität. Ohne das Bedürfnis zu wecken, alles andere wäre im Moment spannender. Ich und das Papier. Mein verklärter Blick auf das reine Weiss traf dann beim ersten Kauf von Druckerpatronen auf mein Studentenbudget. Und die Papiertürme fügten dem eine Prise schlechtes Gewissen hinzu. Ist ja irgendwie Unsinn, wegen mangelnder Selbstdisziplin Bäume zu fällen.

Vielleicht sollte ich mir einen Tunnelblick antrainieren und dem Lesen am Bildschirm eine zweite Chance geben. Der Weisheit letzten Schluss bin ich jedenfalls noch am Suchen. Bis dahin gilt: Print ist tot – es lebe Print?!

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