Nicht der Weg ist das Ziel, sondern die Uni
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«Eine kondensierte Illustration». (Bild: Toni Rasic)

Jeden Tag an Luzerner Sehenswürdigkeiten vorbei Nicht der Weg ist das Ziel, sondern die Uni

3 min Lesezeit 1 Kommentar 26.04.2021, 11:04 Uhr

Zwischen meiner Wohnung und der Uni Luzern liegen 1,5 Kilometer. Wegen der Corona-Pandemie und des Online-Unterrichts muss ich diesen Weg nun seit über einem Jahr nicht mehr regelmässig gehen. Und ich vermisse ihn je länger desto mehr.

Seit meinem zweiten Semester an der Universität wohne ich in der Stadt Luzern. Nach meinem Umzug hatte ich sofort beschlossen, zu Fuss zur Uni zu gehen. So eine schöne Strecke zu gehen, macht mir nichts aus, schliesslich mussten meine Grosseltern zehnmal so weit, bergauf durchs Dickicht bis zur Schule wandern, wenn man ihren Geschichten Glauben schenkt. Mein Spaziergang zur Uni Luzern ist hingegen viel kürzer und angenehmer.

Viele Sehenswürdigkeiten

An einem typischen Uni-Tag breche ich auf, vom Wesemlinrain eine Treppe hinunter zum Gletschergarten, wo fleissig Bauarbeiten zur Tunnelgrabung ausgeführt werden. Beim Löwendenkmal schaue ich hinüber und vergewissere mich, dass die steinerne Grosskatze immer noch an ihrem Platz schlummert. Weiter geht es zum Bourbaki, über den Löwenplatz, dann entlang der Hertensteinstrasse vorbei an den Läden und durch die Menschenmasse.

Schliesslich gelange ich zur Seebrücke. Dieses Stück des Wegs mag ich am meisten: Rechts von mir erstreckt sich die Promenade entlang der Reuss samt Kapellbrücke. Der Pilatus blickt schweigend über die Stadt hinweg in die Ferne. Je nach Jahreszeit ist er weiss gekleidet und je nach Wetter trägt er einen Wolkenkranz am Haupt. Links von mir blaut der Vierwaldstättersee.

Zum Schluss – fast beim Bahnhof – ziehe ich am KKL vorbei und schon bin ich da, an meiner geliebten Uni.

Irgendetwas fehlt

Je nach Schritttempo, Fussgängerverkehr und Erwischen einer «grünen Welle» oder nicht dauert dieser Weg 15 bis 20 Minuten. Wieder zurück nach Hause sind es weitere 20 Minuten. Diese 40 Minuten waren für mich heilig: Sie waren eine Gelegenheit, ein Gefühl für die Stadt zu entwickeln, während ich zum Unterricht ging.

Jetzt fühle ich mich, als ob ich etwas verloren hätte. Merkwürdig, die Strecke ist ja immer noch da; sie hat sich nicht etwa über Nacht in Luft aufgelöst. Es gab auch keine spontane Dimensionsverschiebung, sodass ich jetzt vom Wesemlinrain durch eine Wüste zur Frohburgstrasse gehen müsste. Ich könnte die Strecke immer gehen, wenn ich mich danach sehnte. Das Corona-Virus und der Online-Unterricht verbieten mir ja nicht, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Die Bibliothek im Uni-Gebäude ist zum Glück immer noch geöffnet, also gehe ich diesen Weg auch immer mal wieder. Was habe ich also verloren?

Der eingelaufene Pfad

Tatsächlich sehne ich mich nicht nach dieser Strecke, die mir bis vor kurzem noch heilig gewesen ist. Ich kenne sie auswendig. Tagtäglich schwärmen Touristinnen zum Denkmal, das Leo Tolstoi als «das rührendste Stück Stein auf der Welt» bezeichnete. Auf mich hat es nicht diese Wirkung, wenn ich jeden Tag an ihm vorbeigehe.

Dasselbe gilt für all die anderen Sehenswürdigkeiten, an denen ich beim Pendeln zu Fuss vorbeigehe. In diesen drei Jahren habe ich sie in mich aufgenommen. Ich liebe sie aus Bekanntschaft, das stimmt, wie ich auch meine Heimatgegend aus Bekanntschaft liebe. Aber für mich ist es viel spannender, neue Orte zu entdecken. Was an dieser Strecke fehlt mir denn so sehr?

Manchmal ist das Ziel doch wichtiger als der Weg

Ich denke, es ist das Ziel, das ich vermisse. Die Uni Luzern fehlt mir sowie der Gedanke, dass ich bald auf meine Freunde treffe und bei einem Philosophie-Seminar mitmache. Was gibt es denn Schöneres? Nächstes Semester kehrt hoffentlich alles zum Alten zurück und ich werde wieder voller Vorfreude den eingelaufenen Pfad entlanggehen können.

«Eine kondensierte Illustration». (Bild: Toni Rasic)

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1 Kommentare
  1. E. R., 06.05.2021, 23:13 Uhr

    So eine schöne Wiedergabe deiner Gedanken! Ein erfrischend neuer Blick auf das altbekannte Sprichwort «der Weg ist das Ziel». Ausserdem: Ich lachte laut beim Satz «Beim Löwendenkmal schaue ich hinüber und vergewissere mich, dass die steinerne Grosskatze immer noch an ihrem Platz schlummert.» hihi, da ist wohl ganz Luzern froh… Und coole Illu!!!

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