Stressfaktor Masterarbeit
Mit dem Druck im Nacken in die Tasten hauen

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(Bild: Sabri Tuczu)

Noch gar nicht lange ist es her, da schilderte ein ehemaliger Kommilitone an dieser Stelle das Wechselbad der Gefühle, das er kurz vor Abgabe seiner Masterarbeit durchlebte. In meinem Fall stehen die Monate des Arbeitschreibens noch bevor, und zwar unmittelbar. Ein Umstand, der in mir vor allem eines auslöst: Panik pur und den dringenden Wunsch, in einen sechsmonatigen Winterschlaf zu verfallen.

Vor einigen Wochen besuchte ich die Informationsveranstaltung zum Masterabschlussverfahren. Keine grosse Sache, dachte ich mir, war ich doch in erster Linie gekommen, um mich mit den Terminen und dem ganzen Anmeldeprozedere vertraut zu machen. Als ich den Raum nach einer Stunde wieder verliess, war die Laune gedrückt und mein Körper bedurfte aller Anstrengung, um einen aufkeimenden Panikanfall zu unterdrücken. Die Betreuenden, so teilte man uns mit, sollten zu diesem Zeitpunkt schon angefragt worden sein. Was zwangsläufig auch ein Konzept der geplanten Arbeit voraussetzt, oder wenigstens so etwas wie eine Idee.

Ein völlig planloser Übergriff auf diejenigen Personen, die einem auf diesem letzten universitären Gang begleiten werden, erscheint nicht als die beste Idee. Anmeldeschluss für die Arbeit dann Ende Februar. Definitiver Arbeitstitel inklusive. Anschliessend folgen sechs Monate, die bestenfalls zu 100 Prozent dem Recherchieren, Analysieren und Schreiben gewidmet werden. Einatmen. Ausatmen.

Gebranntes Kind: Ungute Erinnerungen an die Bachelorarbeit

Nun sind das alles Fakten, die alle Studierenden gleichermassen betreffen, und über die man durchaus schon früher informiert sein könnte, würde man nicht, wie ich, dazu tendieren, vor sich aufstauenden Uni-Bergen die Augen zu verschliessen. Und zwar möglichst lange. Mit Grauen erinnere ich mich an das Schreckenserlebnis Bachelorarbeit zurück. Nach einem bereits viel zu spät erfolgten Start verlor ich mich erst einmal gründlich in Bücherstapeln und in zahlreichen Theorieansätzen.

Als der theoretische Teil endlich geschafft war, kam die Praxis ins Spiel: Qualitative Fernsehanalyse. Ganz und gar nicht zu empfehlen für Menschen, die sich gerne mit Belanglosigkeiten herumschlagen, um das eigentliche Problem – in diesem Fall das erfolgreiche Fertigstellen der Arbeit –  zu umschiffen. Eine (allgemein) eher kontraproduktive Problemlösungsstrategie, die in ihrer Hauptsache wohl von der Angst gespeist wird, zu versagen. Oder möglicherweise auch einfach von Faulheit.

Am Ende schaffte ich es doch noch. Nach Tagen und Nächten des Durchschreibens, ohne eine Minute Schlaf, dafür mit einer gewaltigen Überdosis an Koffein. Doch bis heute löst die Erinnerung an diese Zeit voller sozialer Isolation, die andauernde Selbstdisziplinierung gekoppelt mit den Schuldgefühlen, die sich bei jedem noch so kleinen Schritt aus der Schreib-Blase heraus einstellten, in mir das Bedürfnis aus, das nächste halbe Jahr zu verschlafen.

Erfolgreiche Verdrängungsstrategien…

Letzteres klappt bereits relativ gut. Man könnte meinen, aus Fehlern lernt man. Mit dem Bewusstwerden, dass es jetzt wirklich losgeht und es gilt, die nächste und viel mächtigere Herausforderung Masterarbeit zu bewältigen, ertappe ich mich jedoch dabei, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Relativ stupide Serien auf Netflix sind momentan hoch im Kurs, und sowieso wird alles intellektuell Höherstehende möglichst umgangen. Es könnte ja daran erinnern, dass der eigentliche Aufenthaltsort die Bibliothek sein sollte – mit der Nase tief in den Büchern.

Ebenfalls hilfreich sind Freunde, die in einer ähnlichen Prä-Masterarbeit-Krise stecken und in ihrer Verzweiflung alles daransetzen, die Aussicht auf die kommenden Monate und die immer lauter werdende, innere Stimme der Vernunft, zu verdrängen. Gemeinsam dem Abgrund entgegen, so dass am nächsten Tag bestimmt wieder nur Netflix und die Couch drinliegen.

…und ihr Verdienst

Irgendwann jedoch hilft alles nicht mehr und es muss auch der geübteste Drückeberger der Realität ins Auge schauen. Zumindest dann, wenn der Abschluss in absehbarer Zeit erfolgreich gemeistert werden soll. Dabei können die zahlreichen Ausflüchte, die den Beginn der Monate des Grauens hinauszögern sollen, immerhin den Vorteil haben, dass – ist der Startschuss einmal erfolgt – effektiv in die Tasten gehauen wird.

Mit dem Druck im Nacken lässt sich innerhalb weniger Tage schaffen, was sonst über Wochen hinweg produziert wird. Allerdings bedeutet das Drückeberger-Dasein auch immerzu einen Kampf gegen die Zeit und gegen eine stets latent vorhandene Panik – eine Energieschleuder auf Kosten der eigentlichen Arbeit. Und vielleicht die Strafe derjenigen, die sich, wenn andere schon tief in die Masterarbeit-Materie abgetaucht sind, immer noch feuchtfröhliche Momente des Nichtstuns gönnen. Ausgleichende Gerechtigkeit, so gesehen.

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