Mit niemandem verbringe ich mehr Zeit
Mein Laptop heisst Gottlob

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Der neue beste Freund des Menschen…? (Bild: pexels)

Unser Campusblogger Toni Rasic untersucht seine Beziehung zu seinem Computer. Welche Spuren haben vier (Studien-)Jahre auf dem Gerät hinterlassen und was sagen sie über unseren Blogger aus?

Mein Laptop ist mein bester Freund. Zumindest würde man das glauben, denn so viel Zeit, wie ich mit meinem PC verbringe, verbringe ich nicht einmal mit meiner besten Freundin. Dies ist mir aufgefallen, als ich eines Sonntagabends auf meinem Bett sitzend Videos auf YouTube suchte, um mir die Zeit zu vertreiben. Als mein Finger endlos auf dem Touchpad herumtanzte, weil mir keine Videos gefielen und ich immer auf neue klickte, bemerkte ich etwas Komisches.

Mein Finger spiegelte sich auf einer Seite des Touchpads. Zunächst erscheint das nicht besonders spektakulär, aber das Touchpad meines Laptops hat sonst ein mattes Finish – an dieser Stelle glänzt es jedoch. Bald ist mir klargeworden, woran das liegt: Ich benutze diese Apparatur so oft, dass sich diese Stelle abgenutzt hat! Im Altertum mussten geschickte Meister die rauen Oberflächen von Kupfer- oder Eisenplatten mühsam mit diversen Werkzeugen schleifen, um die Oberfläche glatt zu bekommen, sodass ein Spiegel entstand. Mir gelang dasselbe jedoch ohne jegliche Mühe.

Welche Geschichten mein Laptop erzählen könnte

Meine Mama hat mir den Laptop zum Studienanfang gekauft. Das war vor vier Jahren. Die Zeit hat deutliche Zeichen der Verwitterung an ihm hinterlassen. Er ist staubig. Ab und zu putze ich die Tastatur, aber winzige Schmutzfragmente unbekannten Ursprungs haben sich in den Hüllen unter den Tasten eingenistet. Jede Narbe erzählt eine Geschichte. Die untere linke Ecke ist verbogen. Dort ist der Laptop auf den harten Boden geprallt, als er aus meinem offenen Rucksack gerutscht ist, während ich auf den Zug eilte.

Irgendwie hat er den Sturz heil überstanden (abgesehen von besagter Ecke). Das liegt wahrscheinlich an seiner Sperrigkeit und seinem robusten Bau, der allerdings für den Hörsaal nicht besonders praktisch ist. Der Akku hält zudem keine zwanzig Minuten mehr ohne Ladekabel. Er kam ausgerüstet mit Windows zu mir, jedoch wurde das Betriebssystem seitdem mehrmals geändert, bis ich mich für Linux Mint entschieden habe. Er läuft nun deutlich schneller, hat aber eine wacklige Internetverbindung.

Einige Statistiken

Wie ein kleines Flüsschen unbemerkt über Jahrhunderte und Jahrtausende Welle für Welle und Tropfen für Tropfen im Stein eine tiefe Schlucht einmeisseln kann, so kann auch mein Finger Klick für Klick Vertiefungen auf dem Elektrogerät hinterlassen. Die Vertiefung auf dem Touchpad ist jetzt kaum einen Millimeter gross. Über vier Jahre bedeutet das, dass es pro Tag um ganze 700 Nanometer geschrumpft ist!

Jedes Mal, wenn ich draufklicke, wische ich einige Plastikmoleküle weg. Auch die Tasten blieben von meinem Getippe nicht verschont. Der Reihe nach sind die Tasten A, N, E, I, O und T am meisten abgenutzt. Lustigerweise buchstabieren vier davon sogar meinen ganzen Vornamen. Die Leertaste ist ebenso glatt geworden wie das Touchpad. Wenn man bedenkt, wie oft und wozu ich den Laptop gebrauche, überraschen diese Statistiken nicht.

Ein Studium ohne Computer wäre unmöglich. Alleine schon für die Anmeldung zum Studium sowie zu den jeweiligen Lehrveranstaltungen muss man im Netz surfen können. Lehrmittel in Form von pdf werden uns auch online zur Verfügung gestellt. Als Student benutze ich den Laptop für Anmeldungen, um zu lesen, um Arbeiten, Essays, Präsentationen und E-Mails zu verfassen, und seit fast einem Jahr auch für die Lehrveranstaltungen selber.

Der Corona-Krise verdanke ich, dass ich auf dieses Artefakt noch mehr angewiesen bin als je zuvor. Ich benutze es nicht nur für das Studium, sondern auch, um meine Freizeit zu gestalten. Ich schaue Filme, Sendungen und Videos, höre Musik, lese Bücher und Comics, alles auf dem gleichen Gerät. Es ist also kein Wunder, dass ich während des Semesters täglich bis zu zwölf Stunden vor dem Ding verbringe.

Ich taufe dich «Gottlob»!

Ich kenne eine Studentin, die ihrem Laptop einen Namen gegeben hat. Sie hat sich einen Sticker ausgedruckt, auf dem «Nantes II» steht und ihn auf den Deckel geklebt. Anscheinend ist Nantes I kaputt. Als ich sie gefragt habe, warum sie das mache, hat sie geantwortet: «Warum soll ich dem Ding keinen Namen geben, mit dem ich mehr Zeit verbringe als mit meinem eigenen Vater?» Ja, warum eigentlich nicht?

Immerhin bin ich auch viel häufiger mit meinem Laptop zusammen als mit der Person, die mir am meisten auf der Welt bedeutet. Auf irgendeine Weise habe ich auch eine komplizierte Freundschaftsbeziehung mit meinem Laptop, und Freunde brauchen schliesslich Namen. Ohne grosse Zeremonie und ohne Champagner habe ich ihn schliesslich «Gottlob» getauft, zu Ehren meines Lieblingsphilosophen, Gottlob Frege.

Ich bin mir bewusst, dass das lediglich eine Projektion menschlicher Eigenschaften auf einen unbelebten Gegenstand ist, aber so schnell werde ich ihn wohl nicht wieder los. Also ist es am besten, Frieden mit ihm zu schliessen: mit dem Staub, der verbogenen Ecke, der kurzen Akkulaufzeit und seiner Sperrigkeit. Wie heisst euer Computer?

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1 Kommentare
  1. lulu, 01.03.2021, 20:31 Uhr

    Vor langer, langer zeit hatte ich als journalist eine reiseschreibmaschine mit dem schönen namen hermes baby. sie wurde mir in einem pressezentrum gestohlen. ich trauerte um sie wie um eine freundin….

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