Diskutieren mit Wilfremden
Klugscheissen mit Karl

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Karl Marx ein eine hitzige Diskussion einbringen kann hilfreich sein.
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Karl Marx ein eine hitzige Diskussion einbringen kann hilfreich sein. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Nicht in jedem Seminar lernt man fürs Leben. Manchmal denkt man sogar, man lerne überhaupt nichts und irgendwann braucht man das Gelernte doch. Dann vielleicht sogar für ganze andere Zwecke, zum Beispiel um einen Abend zu retten, indem man als Klugscheisser die anderen langweilt.

Auch wenn es oft den Eindruck macht, Studierende verbrächten die meiste Zeit mit Lernen und Lesen, so ist dies nur die halbe Wahrheit. Genauso zum Studidasein gehört Wäschewaschen, Arbeiten und halt der ganze Kram, den man so macht, auch wenn man jung ist.

Zu diesem Kram gehört auch ab und an das Ausgehen und damit ist wiederum das Diskutieren mit wildfremden Menschen in zwielichtigen Spunten unter Einfluss mehrerer Biere verbunden. Das fängt meist damit an, die anderen zu fragen, was sie so machen: beruflich und als Hobby. Später spricht man über Musik, Hundewelpen und Rohrkopfabdichtungen. Ist man sich dann zu einig, passiert meist etwas, was mir bis heute unerklärlich ist: Man beginnt über Politik zu reden.

Politik hat in solchen Situationen die Eigenschaft, Menschen aufeinander wütend zu machen, die sich ansonsten den ganzen Abend gut verstanden haben. Dabei führen nicht unbedingt Meinungsunterschiede zur Krise, sondern oftmals nur Musiklautstärke und Promillewerte, die etwas zu hoch sind, um den jeweils anderen zu verstehen.

In einer Bar am Bundesplatz

So passierte es mir auch vor einigen Wochen in einer kleinen Bar am Bundesplatz. Irgendwie gerieten meine Freunde und ich an denselben Tisch wie einige Mitdreissiger; Herren wie Damen. Wir amüsierten uns prächtig, erfuhren viel voneinander, sprachen übers Klettern, über den Geschmack von Radiergummis hinten auf Bleistiften und über Rolf Fringer. Die erste Runde ging auf mich, die anderen auf die anderen und die Stimmung wurde weiter heiter.

Wenn bei Themen nicht alle gleicher Meinung waren, bildeten sich Gruppen. Etwa sprachen die einen noch lange über die letzte Staffel von «Games of Thrones», während die anderen lieber die laufende Fussballsaison analysierten.

Ein falsches Wort kann alles ändern

Ein Satz aber reichte aus, um die ganze ausgelassene Stimmung über den Haufen zu werfen. Ich kann ihn nicht mal mehr ganz rezitieren, glaube aber zumindest irgendetwas wie «Sozialschmarotzer» herausgehört zu haben. Von einem Moment auf den anderen war der ganze Tisch ruhig und hörte mit gespitzten Ohren dem Redenden zu: äusserst genau, kritisch und jederzeit bereit zu intervenieren!

Wie aus dem Nichts war plötzlich der ganze Tisch in einem Wortgefecht, in dem auch ich mich wiederfand. Ich war planlos, wogegen ich argumentierte: Hauptsache, gegen jeden, so wie alle, und das mit einer Leidenschaft, mit der selbst Emil noch das Rigischwingen gewinnen würde.

Die Mienen wurden allesamt düsterer. Dass man sich mochte, begann man zu vergessen, und es schien, als würde ein guter Abend damit enden, eben doch kein guter Abend zu sein. Dabei besann ich mich der vielen guten Diskussionen in den unzähligen Seminaren, die ich in der Philosophie hatte, und wie gewisse Dozierende diese oftmals aus den Rudern laufenden Streitereien wieder in den Griff bekamen.

Emotionen rausnehmen und theoretisch werden

Dann kam es mir, irrsinnig schnell und klar, in den Sinn: Ich musste die Diskussion von der praktischen auf eine theoretische Ebene heben. Nichts macht lebendige Diskussionen schneller langweilig und Politik ist dafür prädestiniert, da sie mit Karl Marx einen Denker besitzt, zu dem fast jeder eine Meinung hat, obwohl ihn praktisch niemand mehr gelesen hat.

Ich aber habe ihn zwei ganze Semester lang rauf und runter gelesen und mir dabei nicht vorstellen können, dass er realpolitisch für mich noch einmal nützlich werden würde. Und doch, an diesem Abend tat er es. Denn sobald die Diskussion zum nächsten Mal auf die Aspekte der Finanzen kam, was bei solchen Diskussionen nie lange auf sich warten lässt, begann ich zu erklären: «Die finanziellen Aspekte sozialstaatlicher Leistungen können doch nicht losgelöst vom Blickwinkel dessen betrachtet werden, was Marx überhaupt unter Kapital im engeren Sinne versteht.»

Auch Langeweile kann einen Abend retten

Ich versuchte einfach so langweilig und trotzdem so neunmalklug zu klingen, dass ich mir selber nicht mehr zuhören würde, was mir ziemlich gut gelang. Natürlich widersprach man mir, Marx kommt nicht bei allen sehr gut an. Aber gegen leere Floskeln wie «Kapital im engeren Sinne» oder auch «finanzielle Aspekte sozialstaatlicher Leistung» kann man einfach nicht so emotional und persönlich argumentieren wie bei konkreten Beispielen.

So verflachte die Diskussion, während ich noch etwas weiter referierte, und nach einer Weile hörte ich, wie am anderen Ende des Tisches irgendwer irgendetwas zum Gin erzählte, den man gerade bestellt hatte. Ich war erleichtert über den Themenwechsel, klugscheisserte noch ein bisschen über Marx und war froh, als mir gar niemand mehr zuhörte.

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