Hat sie wirklich keine Zimmertüre?!
  • Blog
  • Campus-Blog
Auch, dass man bei 50 Paar Schuhen besser in ein stabiles Schuhgestell investiert, als in ein günstiges aus Plastik, wissen wir nun auch... (Bild: Helen Stadlin)

Hat sie wirklich keine Zimmertüre?!

4 min Lesezeit 18.08.2015, 14:23 Uhr

Zahlreiche Studierende wohnen während des Studiums in einer Wohngemeinschaft. Ein Fazit nach drei Semestern WG-Leben.

Vor eineinhalb Jahren bin ich von Zuhause ausgezogen. Von der kleinen in die grössere Stadt, vom Kinder- in ein WG-Zimmer. Nun wohne ich mit drei Studentinnen in einer Vierzimmerwohnung mitten in Luzern. Aus dem Küchenfenster sehen wir den Pilatus, aus unseren Zimmern den Dietschiberg.

Die erste eigene Wohnung wird als wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit eines jungen Menschen angesehen, als eine Zeit, in der er oder sie viel lernt (nicht nur für die Uni). Meine Mitbewohnerinnen und ich haben in den letzten drei Semestern durch anfängliche Pannen einige wertvolle Erfahrungen gesammelt, die uns – einmal geschehen – bestimmt kein zweites Mal passieren werden. Erst gestern haben wir nach monatelangem Genervtsein über das wiederholte Aussetzen der Klingel endlich den Hauswart kontaktiert. Nachdem er kurz einen Blick auf unsere Gegensprechanlage geworfen hatte, war er so nett, uns ganz ruhig und ohne zu lachen darauf hinzuweisen, dass die Klingel keinesfalls kaputt sei. Wir hätten sie schlicht und einfach auf stumm geschaltet.

Alles halb so schlimm

Erfahrene WG-Bewohner hätten das bestimmt gewusst. Auch, dass man bei 50 Paar Schuhen besser in ein stabiles Schuhgestell investiert, als in ein günstiges aus Plastik, wissen wir nun auch, nachdem unseres unter grossem Lärm zusammengekracht ist. Seitdem sieht unser Gang aus, als wären alle unsere weiblichen Freunde auf einmal zu Besuch gekommen und das mit mindestens drei Paar Schuhen pro Person.

Mir kommt es vor, als wären all die Dinge, die von aussen betrachtet mühsam erscheinen, bedeutungslos, wenn sie die eigene Wohnung betreffen. Können Sie sich vorstellen, nach dem Einzug knapp zwei Monate lang ohne Küchentisch zu leben und jeweils auf den Knien oder im Stehen zu essen? Das war irgendwie ganz lustig. Auch, dass der weisse Badezimmerboden für eine WG, die aus vier Frauen mit langen, dunklen Haaren besteht, nicht gerade praktisch ist, und die Wohnung mit dem zentimeterhohen Spalt unter den Zimmertüren die ringhörigste der ganzen Stadt sein muss – nicht der Rede wert. Fragt man meine Mitbewohnerin, sind Zimmertüren ohnehin überbewertet. Sie, die jenen türlosen Bereich unserer Wohnung bewohnt, der eigentlich das Wohnzimmer wäre, muss es wissen: Ganze eineinhalb Jahre hat sie es ohne Türe ausgehalten. Ich bin jedes Mal von Neuem irritiert, wenn ich nun den Vorhang sehe, der ihr Zimmer vom Gang trennt. Die ungläubigen «Hat sie wirklich keine Zimmertüre?!»-Ausrufe unserer Gäste werde ich vermissen.

Neue Freiheiten  … und die Sache mit dem Kochen

Das Tolle an der ersten eigenen Wohnung sind aber nicht die peinlichen Anfängerfehler, an die wir uns später lachend erinnern werden, sondern die Vorteile, die sie mit sich bringt. Wir beispielsweise haben eine eigene Bäckerei im Haus und wir haben unser WG-Leben. Wir kochen zusammen (ungefähr alle drei Monate einmal), schauen im Pyjama niveaulose Castingsendungen und füllen für eine Party auch einmal die ganze Küche mit bunten Ballonen.

Das Allerbeste ist aber die Freiheit, die eine eigene Wohnung einem ermöglicht. Zieht man aus, interessiert es niemanden, ob man um sechs oder sieben Uhr zum Abendessen zu Hause ist, gleich auswärts isst oder ob man überhaupt nach Hause kommt. Dafür aber putzt, wäscht, kocht auch niemand für einen, ausser man tut es selbst. Putzen, waschen, entsorgen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, das alles geht, doch zum Kochen fehlt mir die Motivation. Ich gehöre zu jenen Menschen, die lieber essen, als dass sie kochen. Eigentlich wäre unsere WG-Küche mit einer Smoothiemaschine, einem Ananasschneider, einem kleinen Grill, diversen Gratinformen sowie zahlreichen guten Messern ausgestattet. Ausserdem besitzen wir verschiedene Kochbücher, vom «Tiptopf» über «Genussvoll» bis hin zur bunt gestalteten Kochanleitung für Studis. Alles da – und trotzdem koche ich, sind meine Mitbewohnerinnen nicht da, immer nur Couscous, Pasta, Fajitas, Gemüse oder Curry. Und ganz selten auch etwas Fleisch, an der Uni bin ich dann ja nicht, und der Fleischkonsum somit «erlaubt», wie in einer vorherigen Kolumne erläutert.

Der kennt mich schon! Wie oft bin ich denn hier?

Das wird auf Dauer etwas langweilig, und immer dann, wenn ich das gedämpfte Gemüse nicht mehr sehen kann, gehe ich zum kleinen indischen Imbiss bei uns um die Ecke. Dass dies in den letzten Monaten eher zur Gewohnheit denn zur Ausnahme geworden ist, weiss ich seit meinem letzten Besuch dort nur zu gut. Nachdem ich mich vielleicht drei Wochen nicht mehr hatte blicken lassen, begrüsste mich der Kellner mit den Worten «Aha, bisch du au wieder einisch da! So guet! Das gid Rabatt!». Ich lächelte, bedankte mich und dachte etwas «Der kennt mich schon! Wie oft bin ich denn hier?». Als ich einige Tage später wieder vor seiner Theke stand, wurde mir klar, dass er sich nicht nur mein Gesicht merken konnte, sondern auf seinem Platz hinter der Essenstheke auch etwas einsam sein musste, denn während er den Spinat und den Reis vorsichtig in eine Box füllte, fragte er mich beiläufig, was ich denn so vorhätte am Freitagabend.

Ich muss das jetzt lernen

Seit diesem Erlebnis versuche ich endlich, mir das Kochen beizubringen. Und falls ich doch wieder einmal einknicken sollte und aufs Kochen verzichten will, werde ich dem Kebabladen zehn Meter vom Inder entfernt einen Besuch abstatten. Dort kennt man mich nämlich noch nicht.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.