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Folgen des Bologna-Systems in Luzern
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Studieren für die Credits? (Bild: Pixabay)

Credits machen die Bildung zur Ausbildung Folgen des Bologna-Systems in Luzern

3 min Lesezeit 4 Kommentare 23.09.2019, 11:23 Uhr

An der Universität Luzern dreht sich alles um Credits. Der Fokus verschiebt sich vom Lehrinhalt auf den Abschluss. Aus meiner Sicht ein Missverständnis: Die Universität ist ein Ort der Bildung, nicht der Ausbildung.

Für jene, die jetzt noch denken, die Uni Luzern spreche Kredite: In diesem Blogpost geht’s nicht um Geld, sondern um Wissen. Mit «Credits» ist in diesem Zusammenhang eine Form von Leistungsnachweis gemeint.

Der Aufwand für Seminare und Vorlesungen wird seit Einführung des Bologna-Systems im Jahr 1999 als «Credits» angerechnet: ein Credit entspricht ungefähr 30 Stunden Arbeitsaufwand. Demnach erhält eine Studentin für ein Seminar an der Unilu beispielsweise vier, für eine Vorlesung meist drei Credits. Ferner dienen die Credits zur Vereinheitlichung von Abschlüssen: Ein Bachelor erfordert 180, ein Master weitere 90 oder 120 Credits.

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Selbsteinschätzung war einmal

«Damals war das noch anders!», sagte unlängst eine Professorin zu mir. Ihr Jahrgang liegt weit vor der Jahrhundertwende, genauso ihr Abschluss. Man könnte sie als Professorin der alten Schule bezeichnen – im wahrsten Sinne des Wortes: Zur Zeit ihres Studiums wurden nicht etwa Credits gesammelt, nein; damals galt es, «sich mittels Erfahrung auf den Bachelor vorzubereiten». Sie habe sich noch zum Abschlussverfahren angemeldet, als sie sich dazu bereit fühlte, und nicht, als sie die 180 knackte.

Diese Aussage der Professorin könnte als Schwelgen in der Nostalgie vergangener Zeiten abgetan werden. Ich möchte sie aber in ein anderes Licht rücken. Zweck der Reform um die Jahrtausendwende – die Einführung dieses Credit-Systems – war die Qualitätssicherung in der Hochschulbildung. Anhand einheitlicher und transparenter Leistungsnachweise soll letztendlich der Berufseinstieg vereinfacht werden.

Markt- statt Menschenbildung

Der Fokus der Universität als Bildungsinstitution verschiebt sich damit «weg von der allgemeinen Menschenbildung durch Wissenschaft, hin zur Berufsausbildung», wie es der deutsche Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzer ausdrückt.

Obwohl über die von Lenzer verwendeten Begriffe «Menschenbildung» und «Wissenschaft» gestritten werden kann, so greift er meines Erachtens einen zentralen Punkt auf: Du (sofern Studentin) sollst in deiner Ausbildung an der Universität eine Schmiede durchlaufen, in der du mittels standardisierten Veranstaltungen und vereinheitlichter Bewertungsmassstäbe am Ende ein Papier in die Finger gedrückt bekommst, das mit abstrakten Zahlen versehen ist, die den vorherrschenden Anstellungsverhältnissen auf einem Arbeitsmarkt entsprechen. Einfacher: Mittels sogenannter «Standards» wirst du arbeitsmarkttauglich gemacht.

Wo bleibt die Reflexion?

«Ist doch super!», denkst du jetzt? Nun mag es sein, dass dich die zukünftigen Arbeitgeber mit lechzendem Blick erwarten. Das war, so die Meinung obengenannter Professorin, jedoch nicht immer so. Und, so meine Meinung, das sollte auch nicht einfach so sein.

Die Universität sollte ein Ort der Reflexion sein. Sie sollte sich nicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse integrieren, sondern gegenüber ihnen einen kritischen Bezug wahren. «Kritisch» meint dabei nicht etwa einen aussenstehenden, übergeordneten oder gar abgehobenen Blick auf die Gesellschaft. Ganz im Gegenteil: Die Universität soll mit ihr vernetzt sein und in Austausch mit ihr stehen. Mit dem Credit-System gibt sie jedoch das reflexive Moment auf. Nämlich insofern, dass sie die «Bildung» von Studentinnen für die Kritik zur «Ausbildung» von Studentinnen für den Markt macht.

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4 Kommentare
  1. Heinz Gadient, 23.09.2019, 16:57 Uhr

    In diesem Zusammenhang empfehle ich wärmstens das Buch von Konrad Paul Liessmann “Geisterstunde” – Praxis der Unbildung.
    Im Übrigen, Danke für den Artikel Herr Biedermann.

    1. Jonathan Biedermann, 24.09.2019, 15:17 Uhr

      Besten Dank für die Empfehlung.

  2. Claudio Meisser, dipl.El.Ing ETH/SIA, 23.09.2019, 14:35 Uhr

    Obwohl sich das Problem mit den Credits an den Fachhochschulen noch nicht so schlimm wie an Universitäten ausgewirkt hat, dürfte das was Jonathan Biedermann schreibt der Realität recht gut entsprechen.

    Warum HR ManagerInnen den Formularen mit den anerkannten Bachelor- und Master- Abschlüssen soviel Gewicht zumessen und nicht imstande sind den Bewerber bezüglich Sachkenntnis, Motivation, Innovation und Teamgeist zu beurteilen, kann ich nicht nachvollziehen. Ein Grund könnte sein, dass die direkten Vorgesetzten durch das Tagesgeschäft derart absorbiert sind, dass sie ihr wichtigstes Ziel, die für den ausgeschriebenen Job effizienteste BewerberIn anzustellen, nicht diejenige/denjenigen mit dem besten IQ, mehr und mehr an das HR delegieren.

    Die andere Frage ist – wie würde unsere Bildungslandschaft heute aussehen wenn weir kein Bologna hätten? Bologna ist nicht grundsätzlich schlecht nur weil es uns von anderen EU Staaten “diktiert” wurde. Wir müssten es besser umsetzen. Wenn die Wirtschaft für gut qualifizierte FH Abgänger gleich viel bezahlen würde wie für ETH oder UNI Abgänger, würde das Bild auch anders aussehe. Auch der Druck ans Gymnasium zu gehen liesse sich besser regulieren. Wichtig ist nun, dass wir das duale Bildungssystem “lukrativ machen” und die Löhne den Leistungen anpassen.

    1. Jonathan Biedermann, 24.09.2019, 15:53 Uhr

      Ich sehe ihren Punkt: Innerhalb des bestehenden Rahmen (Eingeführtes Bologna-System) mag eine Angleichung der Entlöhnung für die verschiedenen Diplome vielversprechend sein.

      Mein Punkt im Blog beschränkt sich allerdings auf das Argument, dass die Universität mit dem Bologna-System Ansprüchen der Wirtschaft gerecht zu werden versucht. Sie wird damit auf eine Produktionsstätte “arbeitsmarkttauglicher” Menschen reduziert. Der Zweck einer Universität verschiebt sich: zugunsten einer “Ausbildung”. Mit dieser Instrumentalisierung der Hochschulbildung zu Marktzwecken wird die Bildung in jene gesellschaftlichen Praxen integriert, deren kritische Betrachtung ihre ursprüngliche und aus meiner Sicht eigentliche Aufgabe ist. Der gelernte Inhalt richtet sich entsprechend den Verhältnissen aus, die eigentlich hinterfragt werden müssen.

      Entsprechend verkennt auch der von Ihnen vorgeschlagene Weg meinen hervorgebrachten Punkt: Es geht (mir) nicht um eine bessere Umsetzung des Bologna-Systems gemäss besserer Ausrichtung auf den Markt. Sondern um die generelle Hinterfragung der Ausrichtung auf den Markt selbst.

      Ferner erachte ich das Boogna-System nicht als grundsätzlich schlecht. Sondern versuche dessen Folgen zu eruieren und schliesslich zu prüfen, ob diese (meinen) Ansprüchen an eine Universität entsprechen.